Die Ausschreibung

Ausschreibung und Einladung zum

8. HCG-Philo-Wettbewerb

Erwünscht ist eine philosophische Reflexion zum Thema:

Selbsterkenntnis

 

Liebe Schülerinnen und Schüler,

der am 17.11.2011 erstmalig ausgeschriebene „HCG-Philo“-Wettbewerb möchte Themen, Reflexionsformen und Produktarten fördern, die im Lehrplan des Philosophie-Unterrichts nicht oder selten vorkommen, dennoch von philosophischer Bedeutung sind. So sollen bevorzugt Themen bearbeitet werden, die entweder sehr aktuell sind, z.B. Atomkraft, oder im Interessenshorizont vieler Schülerinnen und Schüler liegen, z.B. Computer. Zu erstellende Produktarten sollen nicht die im Regelunterricht geforderten Standardformen von Analyse, Interpretation und Erörterung sein, sondern freiere Formen, etwa Kritik, Kommentar, Essay, Entgegnung, Dialog, Meditation, Brief, E-Mail, Blog, Gutachten, Bildreflexion etc.; Thema und Produktart werden jährlich geändert.

In jedem Fall aber soll die euch gestellte Aufgabe mit den Mitteln philosophischer Reflexion bearbeitet werden. Darin liegt ein direkter Unterrichtsbezug, aber z.B. auch die Chance, Gelerntes auf ein lebensnahes Phänomen anzuwenden, ein mögliches Thema für die 5. PK im Abitur vorzubereiten oder eine Studienarbeit im informationstechnischen Format zu erproben.

Buchpreise werden dankenswerterweise vom Förderverein des HCG gestiftet.

Ausschreibungstermin soll jedes Jahr der UNESCO-Welttag der Philosophie sein, zu dem 2002 der dritte Donnerstag im November erklärt wurde. Einsendeschluss ist immer der 12. Februar, Kants Todestag. Dieser Zeitraum hat für euch den Vorteil, dass er erstens die Weihnachtferien, meistens auch die Winterferien, einbezieht, und zweitens für die Abiturienten noch nicht zu spät liegt.

Die Bekanntgabe und Veröffentlichung des Gewinner/innen-Produkts soll am 22. April, Kants Geburtstag, erfolgen. Urkunden und Preise könnten dann zum Schuljahresende, für die Abiturienten auf der Abschlussfeier, überreicht werden.

Ausschreibung des Themas und Sichtung eingegangener Arbeiten liegt in meinen Händen, die Bewertung erfolgt per Mehrheitsentscheidung durch die Philosophie-Lehrer und den Förderverein.

So, und hier ist nun eure Aufgabe für den 8. HCO-Philo-Wettbewerb 2018/19:

Schreibe einen philosophischen Essay zum Thema: „Selbsterkenntnis“

Erläuterung: Gewünscht ist eine philosophische Reflexion zu den Fragen: Was ist Selbsterkenntnis? Wie unterscheidet sie sich von Selbstbewusstsein, Selbsterfahrung, Selbstbesinnung, Selbstkritik, Selbstgefühl, Selbsteinschätzung, Selbstvertrauen, Selbstverständnis, Selbstreflexion oder Selbstverwirklichung? Kann ich mich überhaupt selber erkennen, so wie ich einen Gegenstand oder eine andere Person erkennen kann? Und wenn ja, wie ist das möglich? Etwa, indem ich mir einen Spiegel vorhalte?

Zur Erinnerung: „Erkenne dich selbst!“ lautete die Forderung am Eingangsportal des Tempels zum antiken Orakel von Delphi. Seither haben Philosophen diese Forderung immer wieder an die Menschen gerichtet. Welche Bedeutung hat Selbsterkenntnis heute noch? Welchen theoretischen und/oder praktischen Wert besitzt sie für uns? Und mit welchen im weitesten Sinne philosophischen, psychologischen, neurowissenschaftlichen, sprachlichen, meditativen, psychoanalytischen oder sonstigen Mitteln kann sie realisiert werden? Dies alles sind nur Beispiele für Fragen, die hier passend gestellt werden könnten.

Was ist nun dein Konzept von Selbsterkenntnis? Du kannst frei und auch persönlich über die Frage nachdenken. Philosophisch wird dein Text dadurch, dass du Selbsterkenntnis in grundsätzlichen Gedanken, Argumenten oder Betrachtungen reflektierst, sie z.B. unter ethischen, anthropologischen, erkenntnistheoretischen, sozialphilosophischen, wissenschaftstheoretischen oder sprachphilosophischen Gesichtspunkten beantwortest.

Dein Text soll maximal 4 computergeschriebene Seiten umfassen, Schrift-Format: Times New Roman, Größe 12, 3 Zentimeter Rand, einzeilig. Im Kopf der Arbeit sind der volle Name und die Jahrgangsstufe anzugeben; am Ende des Essays soll die Erklärung stehen: Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe. (Unterschrift)

Sende deinen Text bitte in einem Word- oder rtf-Format abgespeichert an: Muellermozart@hcog.de

Die Bewertungskriterien für die eingesandten Texte sind:

1. Themenbezogenheit

2. Philosophisches (nicht fachwissenschaftliches) Verständnis des Themas

3. Argumentative Überzeugungskraft

4. Stimmigkeit und Folgerichtigkeit

5. Originalität.

Und nun viel Spaß beim Schreiben eines Essays zum Thema „Selbsterkenntnis“!

Herzlicher Gruß,

Dr. Ulrich Müller (Fachleiter für Ethik/Philosophie)

Hier noch mal das Wichtigste in Kürze:

8. HCG-Philo-Wettbewerb 2018/19

Ausschreibung: Am 15.11.2018, dem UNESCO-Welttag der Philosophie (jeweils am 3. Donnerstag im Monat November)

Teilnahmeberechtigt: Die Oberstufe und alle 10. Klassen

Aufgabe: Das Schreiben eines philosophischen Essays zum Thema „Selbsterkenntnis“.

Format: Computergeschriebener Text; maximal 4 Seiten; Schriftart: Times New Roman in Größe 12, 3 Zentimeter Rand, einzeilig; im Kopf der Arbeit: Name und Jahrgangsstufe; am Ende des Textes die Erklärung: Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe. (Unterschrift)

Einsendeschluss: Am 12.02.2019 (Kants Todestag)

Adresse: Muellermozart@hcog.de

Gewinner/in: Am 22.04.2019 (Kants Geburtstag und dieses Mal auch Ostermontag)

Preis: Bücher und Urkunden für die drei besten Texte.

PHILO                  Preis

HCG        Kant SOPHIE

 

Herzlichen Glückwunsch!

Königsberg

22.04.2018: Königsberg meldet Entscheidung!

Hier sind die Preisträgerinnen des 7. Philo-Wettbewerbs 2018:

1. Preis: Berrin Yetiskin (2. Semester)

2. Preis: Hannah Vehse (2. Semester)

3. Preis: Sophia Brandt (2. Semester)

Philos und seine Freunde, allen voran Herr Rußbült und die Philosophie-Lehrer*innen des HCG, gratulieren ganz herzlich!

Die Preisverleihung wird am Mittwoch, den 04.07.2018, dem letzten Schultag vor den Sommerferien, erfolgen. Die prämierten Texte sollen hier demnächst zusammen mit einem Foto veröffentlicht werden.

Ich bedanke mich vielmals bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die gedankenreichen und anregenden Texte. Bis zur Ausschreibung des 8. HCO-Philo-Wettbewerbs am 15.11.2018, dem UNESCO-Welttag der Philosophie!

Dr. Ulrich Müller                                                                  Berlin, den 22.04.2018

 

Berrin Yetiskin, 1. Preis:

Welche ethischen Werte sollten von einer Schule gefördert werden?

 

Dass Kritik am deutschen Schulsystem geäußert wird, ist nichts Neues, denn immer

wieder werden in den Medien und auch generell in der Gesellschaft Mängel bezüglich

der Bildungssysteme zum Vorschein gebracht und diskutiert. Diese kritischen

Diskussionen lassen sich oft durch die Uneinigkeit bezüglich des föderalen Systems, die

unzureichende Vorbereitung auf das spätere Leben sowie aber auch durch die fehlenden

Möglichkeiten und Mittel zur Individualitätsentwicklung der Schüler kennzeichnen. Des

Letzteren wird zudem oft angemerkt, dass daher eine Förderung der Talente kaum

vorzufinden ist, stattdessen aber immer stärker die Abhängigkeit der Anerkennung von

guten Noten in den Vordergrund rückt. Daher ist die Frage, weshalb die Motivation der

Schüler von Jahr zu Jahr abnimmt auch recht überflüssig, da ein von Stress geprägter

Schulalltag, der im Endeffekt nur daraus besteht mit guten Noten zu überzeugen und

aufzufallen, nicht wirklich als etwas sehr ansprechendes von den meisten Schülern

wahrgenommen wird.

Interessant ist jedoch der Vergleich von Kindern, die kurz vor ihrer Einschulung stehen

sowie aber auch bereits die Grundschule besuchen, mit Jugendlichen während der

Mittel – und Oberstufe. Denn kleine Kinder haben eine viel größere Freude am Lernen,

wohingegen Jugendliche ihre Ferien und somit die Erlösung vom ganzen Stress kaum

noch abwarten können. Der Grund für diese Einstellung und im Endeffekt auch für

dieses Verhalten ist, dass kleine Kinder nicht allein nach erbrachten Leistungen bewertet

werden und der Konkurrenzkampf unter ihnen auch noch nicht so stark bis kaum

ausgeprägt ist. Sie werden viel öfter gelobt als ältere Schüler und die Anerkennung wird

bei ihnen nicht erzwungen sondern ergibt sich durch ihre Handlungsweisen sowie

Vorlieben.

Es ist natürlich in gewisser Weise auch vollkommen berechtigt, dass Oberstufenschüler

nicht wie Grundschulschüler bewertet werden, jedoch stellt dies nicht den Grund dafür

dar, sich nur auf die benoteten Leistungen eines Schülers zu beschränken, zudem diese

auch kaum etwas über den Charakter oder die Person selbst sowie über ihre

vorhandenen Kompetenzen aussagen. Denn dies führt nur zu einer gewissen

Oberflächlichkeit, aus dieser wiederum die Demotivation resultiert. Wenn zudem auch

bedacht werden sollte, dass die Jahre in der Oberstufe mit Abstand die wichtigsten sind

und genau hier eigentlich die meiste Motivation benötigt wird, fällt schnell auf, dass es

im Grunde viel an dem zurzeit vorhandenem Schulsystem zu verändern gäbe.

Denn der wesentliche Unterschied zwischen Grundschulen und Oberschulen ist, dass

ethische Werte in Grundschulen weitaus mehr gefördert werden, als in Oberschulen.

Dies bedeutet also, dass die Förderung von ethischen Werten verlangt sowie

durchgesetzt werden sollte um solch eine Verbesserung sowie Veränderung zu erreichen.

Denn somit würde den Schülern auch eine weitaus bessere Vorbereitung auf das spätere

Leben geboten werden, die von vielen Kritikern immer wieder gefordert wird.

Doch bevor ich konkrete ethische Werte, die meiner Meinung nach zukünftig einen

aktiven sowie großen Teil des Schulsystems darstellen sollten, nennen werde, möchte

ich zunächst den Begriff „Werte“ bezüglich der Ethik klären. Denn in der Ethik werden

Werte als Orientierungsmuster bezeichnet, die als eine allgemeine Zielorientierung

dienen sollen und von Menschen im unterschiedlichen Maße erstrebt oder auch

geschätzt werden. Ein weiterer Begriff, der bezüglich der Werte einen wichtige Rolle

spielt, ist „Norm“. Denn zwischen Normen und Werten besteht ein enger

Zusammenhang. Daher können Normen Werten beispielsweise als eine Art

Handlungsregel zugeordnet werden. Trotzdem sollte jedoch nicht vergessen werden,

dass sich beide Begriffe auf jeweils unterschiedlichen Ebenen befinden. Denn Normen

sind allgemeine Handlungsvorschriften und ermöglichen daher auch eine konkrete

Handlungsorientierung in bestimmten Situationen. Sie drücken aus, ob eine Handlung

geboten, erlaubt oder verboten ist und haben zudem auch noch die Funktion, die

allgemeinen Werte zu konkretisieren. Aus diesem Grund werden sie auch als Werte „in

kleiner Münze“ bezeichnet. Um den Zusammenhang zwischen Werten und Normen

genauer verdeutlichen zu können, möchte ich ein kleines Beispiel anführen und dies

anhand des Wertes „Gerechtigkeit“. Dieser Wert gibt das Ziel an, welches erreicht sowie

bereitgestellt werden soll und besitzt wiederum auch eine dazugehörige Norm, die

entsprechend zugeordnet werden kann. Die Norm gibt an auf was das Handeln

abgestimmt werden soll und würde in diesem Fall wie folgt lauten: „Handle und

verhalte dich gerecht!“.

Kulturen und ihre Leitbilder kommen zum größten Teil auch nur durch Werte zu Stande,

denn diese stellen ihr Gerüst und somit auch das einer Gemeinschaft dar, da sie für die

Sicherung des benötigten Zusammenhalts sorgen. Hier wiederum spiegelt sich auch ein

enger Zusammenhang zu Schulen und somit auch zur Bildung wieder, da diese ebenfalls

einer der wichtigsten Kulturgüter eines Landes darstellen und zudem auch das Mittel

zur Weiterleitung von Leitkulturen sind.

Schulen haben einen großen Einfluss auf die sich entwickelnde Sichtweise der nächsten

Generationen sowie auf deren gesellschaftliches Verhalten. Daher ist meine Frage nun,

wie zwei Bereiche unserer Gesellschaft, die mehrere Gemeinsamkeiten besitzen und

zudem auch noch beide jeweils eine große Bedeutung aufweisen, doch so abgespalten

und getrennt voneinander gestaltet werden können.

Bevor ich jedoch diese Frage beantworte, komme ich zunächst einmal wieder auf die

Ausgangsfrage, welche ethischen Werte denn nun von Schulen gefördert werden sollten,

zurück. Hierfür habe ich mich auf die meiner Meinung nach sechs wichtigsten Werte

beschränkt und werde diese nun vorstellen. Beginnen würde ich gerne mit dem Wert

Gerechtigkeit, der in dem obigen Beispiel bereits angeführt wurde. Sich gegenüber

seinen Mitschülern gerecht zu verhalten ist eigentlich so gut wie selbstverständlich,

doch diese Selbstverständlichkeit wird im Schulalltag des öfteren auf die Probe gestellt.

Denn wer kennt sie nicht, die Geschichten über Mobbing in der Schule und die

Mitläufer, die sich aufgrund des Gruppenzwangs bei der ganzen Sache beteiligt haben.

Schüler, die sich in solchen Situationen jedoch immer die Gerechtigkeit als Ziel setzen

und sich dementsprechend auch verhalten, sollten daher gefördert sowie deutlich stärker

anerkannt werden. Denn sich gegen eine Gruppe, die zudem auch meistens noch den

eigenen Freundeskreis darstellt, zu positionieren und sich somit in der entsprechenden

Situation ethisch korrekt zu verhalten, ist schwer und erfordert sehr viel Mut sowie

Überwindung. Doch es sagt auch viel über die Person selbst aus und ist, meiner

Meinung nach viel wertvoller für das spätere Leben als beispielsweise manch andere

Dinge, die einem in der Schule beigebracht werden. Denn ein auf Gerechtigkeit

ausgerichtetes Handeln sichert auch den Zusammenhalt einer Gesellschaft in schweren

Zeiten, in schweren Zeiten die bereits jetzt schon zu erkennen sind und von

Rechtspopulismus und der Bildung von immer größer werdendem Hass geprägt werden,

gemeint sind damit also gesellschaftliche Konflikte. Die nächsten Generationen sollten

auf diese vorbereitet werden und gerechtes und ungerechtes Handeln ohne Probleme

voneinander unterscheiden können, sodass sie die Garantie für die Weiterleitung einer

auf Gerechtigkeit abgestimmten Leitkultur bilden.

Ein weiterer ethischer Wert der meiner Meinung nach von Schulen gefördert werden

sollte, ist die Verantwortung. Ein verantwortungsbewusstes Verhalten ist genauso wie

das stets auf Gerechtigkeit abgestimmte Verhalten nicht immer selbstverständlich. Doch

sich seiner eigenen Verantwortung bewusst zu sein und zu werden ist mehr als wichtig.

Dies gilt nicht nur für den Schulalltag, in dem beispielsweise eine produktive

Ergebnissicherung auch größtenteils nur von einer verantwortungsbewussten

Arbeitsphase abhängig ist, sondern auch für das spätere Leben in einer Gesellschaft.

Denn die Menschheit befindet sich gerade in einem mehr oder weniger aufgeklärten

Zeitalter. Es kann jedoch mit Sicherheit noch nicht von einer endgültig aufgeklärten

Gesellschaft gesprochen werden, da sich die meisten Menschen der Verantwortung

bezüglich ihrer Äußerungen in der Öffentlichkeit, beispielsweise zu politischen

Themen, sowie aber auch bezüglich ihrer Entscheidungen, die unter anderem auch die

Öffentlichkeit betreffen, wie beispielsweise die Bundestagswahlen in Deutschland, nicht

bewusst sind und diese nicht ernst genug nehmen. Hierbei spielt Kant wiederum auch

eine entscheidende Rolle, da er derjenige war, der die Aufklärung definierte und auch

verdeutlichte, dass diese, wie sie von ihm beschrieben wurde, nur möglich ist, wenn

sich jede Person der Verantwortung seines Handelns und der Verantwortung der

öffentlichen Rede bewusst ist. Um genau dies zu ermöglichen, sollte das

Verantwortungsbewusstsein der Schüler auch in der Schule gefördert werden, sodass

erstens eine erweiterte Denkungsart, welche auch von Kant erstrebt wurde, erreicht

wird und damit zweitens am Ende auch von einer richtigen Aufklärung gesprochen

werden kann.

Die Kreativität ist ein weiterer ethischer Wert, der meiner Meinung nach auch von

Schulen gefördert werden sollte und zudem auch noch viele wichtige Grundsteine für

die Individualitätsentwicklung eines Schülers bietet. Denn eine Förderung der

Kreativität bedeutet zugleich auch eine Förderung der Vielfalt in den kommenden

Generationen, welches wiederum einer der wichtigsten Voraussetzungen für die

Weiterentwicklung einer Gesellschaft ist. Zudem wird dadurch auch der Schulalltag viel

bunter gestaltet und für die Schüler ansprechender, da sie dann die Möglichkeit erhalten

ihre Ideen aktiv umzusetzen. Es wird somit also auch für Vielfalt in Schulen gesorgt.

Doch Vielfalt funktioniert nur, wenn auch Toleranz vorhanden ist.

Daher ist Toleranz der nächste ethische Wert der meiner meiner Meinung nach ebenfalls

von Schulen gefördert werden sollte. Denn ein tolerantes Verhalten untereinander lässt

die Vielfalt in einer Gesellschaft und somit auch im einfachen Alltag erst zu. Ein

Schulalltag beispielsweise ohne Toleranz würde auch nicht richtig funktionieren, da

jeder Schüler dazu verpflichtet ist seine Mitschüler zu akzeptieren und zu respektieren,

unabhängig von Kultur, Religion und Hautfarbe. Diese Handlungsorientierung ist für

die Zukunft der Schüler von großer Bedeutung und legt die Grundsteine für den

Zusammenhalt einer Gesellschaft. Es prägt ihre Sichtweise auf verschiedene

Menschengruppen, welche aber auch sehr leicht zu manipulieren ist, wie leicht genau,

beweisen die Reden der Rechtspopulisten, die leider immer wieder großen Zuspruch

von Bürgern erhalten. Eine Förderung von Toleranz beispielsweise, soll unter anderem

diesen Zuspruch senken und die Gesellschaft auf den Umgang mit solchen Gefahren,

wie die des Rechtspopulismus‘, vorbereiten.

Ein weiterer Wert, dem eine Förderung der Schulen zugesprochen werden sollte, ist das

Interesse aus dem dann im Endeffekt das Engagement folgt. Es ist wichtig das Interesse

von Schülern anzuerkennen und diesem entgegenzukommen. Das Zeigen von Interesse

sollte einen viel höheren Stellenwert bei der Benotung der Schüler einnehmen, da sie

dadurch auch zum Mitmachen und Lernen ermutigt sowie motiviert werden.

Doch sie bekommen dadurch auch die Möglichkeit ihre eigenen Interessen zum

Vorschein zu bringen und diese auch umzusetzen sowie kreativ auszuleben, was

wiederum eine Verknüpfung von zwei Werten ermöglicht. Zudem werden Schüler

dadurch auch viel weltoffener, da sie lernen sich für neue Dinge zu begeistern und sich

auf diese auch einzulassen. Eine weltoffene nächste Generation ist für mich nur das

einzig vorstellbare, denn eingeschränktes Denken sowie fehlende Begeisterung führt

nur zum Rückgang einer Gesellschaft.

Der letzte hier genannte Wert, der meiner Meinung nach auch unbedingt von Schulen

gefördert werden sollte und unabdingbar ist, ist die Freiheit, welche besagt, dass die

eigenen Rechte von Nichts und Niemandem eingeschränkt werden sollten. Den

Schülern dies stets zu übermitteln und ihnen zu ermöglichen zu jeder Zeit zu ihren

Rechten zu stehen und diese auch zu kennen, ist einer der wichtigsten Aufgaben der

Schulen. Denn sind sich die Schüler ihren Rechten bewusst, wird auch ihr

Selbstbewusstsein gestärkt. Dadurch wird eine aufgeklärte nächste Generation auch

bereits mehr oder weniger sichergestellt, da Schülern nun verdeutlicht wird, dass sie

nicht alles was Ihnen gesagt wird, glauben müssen und sollen und ein Recht auf

Hinterfragung haben.

Nun stellt sich also die Frage wieso all diese ethischen Werte zwar mehr oder weniger

bereits an Schulen dieser Welt vorzufinden sind aber in unterschiedlichem Maße

gefördert werden. Die unterschiedliche Förderung liegt daran, dass Werte von

Menschen in unterschiedlichem Maße geschätzt sowie erstrebt werden und sich somit je

nach Menschen – oder besser gesagt Gesellschaftsgruppen an die jeweiligen

Bildungssysteme anpassen. Da diese verschiedenen Gesellschaften aber auch immer

einer Führung unterstehen, könnte genauso gut auch gesagt werden, dass sich die

Miteinbindung und somit auch Förderung von ethischen Werten in Schulen in vielen

Fällen auch durch die Abhängigkeit der Interessen des Staates kennzeichnen lassen.

Das bedeutet also das viele Regierungen, welche meistens auf kein demokratisches

System zurückzuführen sind, die Förderung von ethischen Werten in ihren Schulen stark

an ihre Sichtweise und kulturelle Überzeugung anpassen und sich somit ihre

Machterhaltung sichern. Denn eine weltoffene und sich ihren Rechten stets bewusste

Gesellschaft ist schwieriger zu kontrollieren und bringt auch deutlich mehr Gefahren

mit sich als eine sich kaum widersetzende und wehrende Gesellschaft, weswegen auch

immer wieder eine Trennung von ethischen Werten und Bildung vorzufinden ist.

Diese Denkweise ist natürlich ziemlich breit gefasst und bezieht sich nicht mehr nur auf

Deutschland. Denn wenn nun wieder auf deutsche Schulen und auf die deutsche

Regierung geblickt werden sollte, die wiederum auf ein demokratisches System

zurückzuführen ist, kann abschließend gesagt werden, dass durch eine Förderung von

den oben genannten Werten, Gerechtigkeit, Verantwortung, Kreativität/Vielfalt,

Toleranz, Interesse sowie Freiheit nicht nur die Individualitätsentwicklung der Schüler

begünstigt sowie erst ermöglicht wird, sondern der Schulalltag dadurch auch generell

um einiges bunter gestaltet wird und somit auch die älteren Schüler wieder zum Lernen

motiviert werden. Zudem kann somit auch in Zukunft der Zusammenhalt der

Gesellschaft sichergestellt werden, da gesellschaftliche Konflikte nicht mehr für all zu

große Hindernisse sowie Probleme sorgen würden.

Zusammenfassend kann ich also sagen, dass eine Förderung dieser Werte nicht nur zu

einer Verbesserung des Schullebens führen würde sondern auch das spätere Leben der

Schüler positiv beeinflussen würde, da dadurch die Erhaltung einer friedlichen sowie

einer nach Kant richtig aufgeklärten Gesellschaft sichergestellt wäre.

 

 

Hannah Vehse, 2. Preis:

Welche ethischen Werte sollten in einer Schule gefördert werden?

Als mein Bruder von seinem ersten Schultag nach Hause kam, bat ich ihn, mit mir Schule zu spielen. Er sollte mir zeigen, was er erlebt hatte, wie der Unterricht aussah. Er sagte nein, er wollte nicht. Ich bat ihn nochmal und nochmal, bis er schließlich zustimmte. Ich hatte eine große Tafel in meinem Zimmer und ein Stück Kreide, das er nahm und damit eine Zahl an die Tafel schrieb und mir erklärte. Ich war fasziniert und wusste sofort, ich wollte Lehrerin werden. Und das möchte ich noch immer.

Wenn ich daran denke, wie mein späteres Leben aussehen wird, dann sehe ich mich vor einer Klasse stehend, und die Schüler sehen mich an und ich schreibe etwas an die Tafel, wie Jannis es getan hatte, und die Sonne scheint in den Raum und erfüllt ihn mit einer zauberhaften Stimmung, in der man sich ganz leicht fühlt und in der alles geht. In meiner Vorstellung bin ich natürlich die tollste Lehrerin der Welt, und wenn ich die Schule mal verlassen sollte, dann laufen die Schüler mir nach, wie in einem Film, den ich als kleines Mädchen mal gesehen habe. Und doch ist mir klar, dass es so niemals sein wird, dass die Sonne nur an wenigen Tagen so scheint, und dass nicht alle Schüler begeistert bei mir sein werden. Einige vielleicht sogar die meisten, werden aus dem Fenster sehen oder sich gegenseitig an, und vielleicht gar nicht auf das achten, was ich gerade mache.

Ich weiß, dass es so sein kann, aber ich will es mir nicht vorstellen, weil der Traum dann einfach kein Traum mehr wäre. Und vielleicht könnte ich es ja schaffen, die Schüler so zu verzaubern, wie die Sonne mich verzaubern soll. Aber wie? Ich müsste sie packen, müsste sie entflammen und das banalste Thema zu einem machen, von dem sie immer mehr erfahren wollen. Ich hätte da auch schon ein paar Ideen. Aber ich vergesse dabei, dass es in der Schule nicht nur um Wissen geht. Es geht auch nicht nur darum, eine schöne Zeit zu verbringen, aus der man nichts als Freunde mitnimmt. Es geht darum, aus kleinen Menschen große zu machen. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie ich dachte, bevor ich in die Schule kam. Wenn ich mich in einer Situation befinde, ganz gleich in welcher, dann wüsste ich nicht, wie ich mich mit vier Jahren entschieden hätte. Die Schule hat mich zu einem Menschen gemacht, der Dinge miteinander verknüpft und zweimal überlegt. Und das, obwohl sie mir nie gesagt hat, dass ich zweimal überlegen soll. Sie hat mir Werte mitgegeben, auf die ich nicht verzichten möchte. Und welche, auf die ich gut verzichten kann. Doch welche Werte möchte ich den Menschen mitgeben, die als kleine Menschen vor mir sitzen werden und durch mich ein kleine bisschen größer werden sollen? Welche Werte kann ich ihnen mit gutem Gewissen überreichen, und welche Werte müssen überreicht werden, um ihnen die Größe zu geben, die sie mal haben sollen, auch wenn ich nicht die sein möchte, die sie ihnen überreicht? Bei welchen Werten wird es überhaupt an mir liegen, sie zu überreichen? Welche ethischen Werte sollten von einer Schule gefördert werden?

In meiner Grundschule hatte ich eine Lehrerin namens Frau Vierhaus. Sie unterrichtete den typischen Grundschul-Religionsunterricht, in dem man Ausmalbilder von biblischen Szenen ausmalt und an seinem Pausenbrot knabbert, während die Lehrerin die zu den Bildern passenden Geschichten vorliest. Natürlich liebte jeder diesen Unterricht – die meisten waren sich nicht einmal sicher, ob man ihn Unterricht nennen könnte. Ich aber liebte den Unterricht, weil ich Frau Vierhaus liebte, diese Frau, die so unsagbar nett und einfach ein guter Mensch war. Und auch wenn ich aus dem vierjährigen Religionsunterricht nur den Text des Vater Unsers und die Namen von Jesus´ Eltern mitgenommen habe, so hat mir diese Lehrerin doch viel mehr mitgegeben: Ich weiß noch, wie wir in den siebten Stunden (ein unverschämt langer Schultag für damalige Verhältnisse) mit Frau Vierhaus dasaßen und müde waren und Frau Vierhaus lächelte uns einfach an und meinte: „Ich weiß, dass ihr einen langen Tag hinter euch habt. Wenn ihr wollt, machen wir jetzt keinen Unterricht mehr.“ Stattdessen hatte sie uns Kekse und Äpfel mitgebracht, die wir alle essen und dabei einfach nur reden durften. Dabei war ihr wichtig, dass alle Stücke Apfel gleich groß waren, dass wir nicht vordrängelten, um an sie zu kommen, und dass wir beim Essen nicht rumtobten und laut waren, da in anderen Räumen noch Unterricht stattfand. Das waren die allerschönsten Stunden, in denen wir keinen Unterricht machten, und doch mehr lernten, als in allen anderen Stunden zusammen. Denn wir lernten etwas fürs Leben. Wir lernten, moralisch zu handeln.

Im Nachhinein ist mir klar, dass ich solche Werte von anderen Lehrern wahrscheinlich nicht so protestlos angenommen hätte. Man nimmt Werte nämlich eher von Personen an, zu denen man eine Bindung hat, sei´s nur, weil man sie sympathisch findet, da man ihnen mehr Vertrauen entgegenbringt als anderen. Bei Menschen hingegen, von denen ich weiß, dass ihre Ansichten nicht mit meinen übereinstimmen, ist man skeptischer, und wenn man sie vielleicht sogar nicht mag, kann es sein, dass man sich aus Überzeugung weigert, deren Werte zu übernehmen, auch wenn sie wohlmöglich vernünftig klingen. Die Lehrer sollten ihren Schülern also ein Vorbild sein und keine reine Autoritätsperson. Nur dann können auch erfolgreich Werte vermittelt werden.

Aber welche? In der Schule lernen die Kinder, ordentlich zu sein und gehorsam, hübsch zu schreiben, malen, singen und sprechen. Und natürlich ist es wichtig als Erwachsener, zu wissen wie man sich sortiert und ein förmliches Schreiben auch förmlich formulieren kann. Dennoch sind Kinder, diese kleinen, unverbogenen und formbaren Menschen, die meiste Zeit des Tages in der Schule, Zeit, in der sie zu dem geformt werden, was sie später mal sein werden. Da ist es auch wichtig, dass die Schule das Vermitteln von Werten unterstützt, deren Vermittlung eigentlich Aufgabe der Eltern ist, sonst ist es, wie Reinhard Mey schrieb: „Die Schule mach sich kleine graue Kinder, blass und brav.“

Um dies zu verhindern gibt es zwei meiner Meinung nach ganz entscheidende und wahre Werte, die jeder Mensch besitzen sollte, da sie ihn zu einem besseren machen: Menschlichkeit und Mut. Dabei geht es nicht um Mut, wie er bei Mutproben abgefragt werden kann, sondern um Mut, für die richtige Sache aufzustehen, sich für andere einzusetzen, und nicht immer nur das zu tun, was die Lehrer sagen, sondern den Mut zu haben, selbst mitzudenken. Das einzige Problem dabei ist, dass ein Lehrer dem Schüler schlecht sagen kann, dass der Schüler nicht alles hinnehmen soll, was der Lehrer sagt, da dieser sonst in seiner Lehrerfunktion sinnlos ist. Aber ich finde es notwendig, dass die Kinder diesen Mut besitzen lernen und auch nicht davor zurückschrecken, ihn zu nutzen, weil sie sich vor Strafen oder einer Verschlechterung der Note fürchten. Es muss Aufgabe der Lehrer sein, Hinterfragungen nicht zu verurteilen, sondern zu unterstützen und zu loben. Generell sollte man an Loben zur rechten Zeit nie sparen, da die Macht eines Lobes oder Kompliments riesig ist und Menschen eine Zeit lang davor bewahrt, der aus den Mengen des Lernstoffs entstehenden Resignation zu verfallen, und sie so für das Empfangen neuer Werte öffnet. Wie Menschlichkeit.

Müsste es nicht die Eigenschaft jedes Menschen sein, menschlich zu sein? Und doch sind einige Menschen, die die Schule verlassen, nicht gerade menschlich zueinander, wenn sie sich gegenseitig bestehlen oder verletzen. Doch was ist Menschlichkeit überhaupt?

Menschlichkeit bedeutet, rational zu denken und alle Motive gegeneinander abzuwägen, gleichzeitig bedeutet es, auf Gefühle einzugehen und auch mal aus dem Bauch heraus zu entscheiden, ein Herz zu haben. Es bedeutet, moralisch zu handeln. Es bedeutet, im Religionsunterricht die Kekse unter allen gerecht aufzuteilen.

Und zwar egal, mit wem man teilen soll. Egal, woher derjenige kommt und egal, welche Ansichten er hat. Dies ist ein weiterer, ganz entscheidender Wert, der ebenso wichtig wie Menschlichkeit und Mut ist: Toleranz. Denn ohne Toleranz wäre das Leben ein einziger Krieg und die ganze Welt das Schlachtfeld. Ohne Toleranz wären wir Irre, die zwar Gefühle und Rationalität besitzen, jedoch diese nicht zu nutzen vermögen würden. Aus diesem Grund muss jedem Menschen, egal wie alt, immer wieder beigebracht werden, dass jeder Mensch seine Würde und somit seinen Wert an sich selbst besitzt, dass jeder Mensch gleich viel wert ist, ganz gleich seiner Hautfarbe oder Religion.

Es gibt verschiedene Strategien, gerade kleinen Kindern im Grundschulalter dies verständlich zu machen. So wäre es möglich, dass beispielsweise die Toleranz gegenüber allen Religionen vermittelt wird, indem die Lehrer sie auch in der Schule ausleben und den Schülern so zeigen, dass jede Religion ihre Daseinsberechtigung im „normalen Leben“ hat und niemals eine verachtet werden sollte. Auf diese Weise könnten die Kinder auch etwas über die Religionen lernen. Die Vergangenheit hat jedoch bewiesen, dass es so nicht funktioniert. Kleine Kinder haben einen Lieblingslehrer, zu dem sie einen stärkeren Bezug haben als zu anderen, ebenso wie sie Eltern haben, von denen sie sich leicht beeinflussen lassen. All diesen Personen vertrauen sie mehr als Lehrern, die sie nicht mögen.

Angenommen also, die Eltern eines Kindes wären Atheisten und würden privat über Christen schimpfen, dann wäre es für das Kind unmöglich, Toleranz zu lernen, wo doch der verhasste Mathelehrer zufälligerweise noch ein überzeugten Katholik ist, welcher nur mit seinem Kreuz um den Hals und der Bibel in der Hand in der Schule auftaucht.

Andererseits könnte ein Schüler, dessen Lieblingslehrer orthodoxer Jude ist und dies auch öffentlich bekundet, nicht mehr objektiv an die Beurteilung der Religionen herangehen. Er wäre voreingenommen. Das Gegenteil von tolerant.

Aber auch für den Lehrer ist die andere Möglichkeit, Toleranz zu vermitteln, geeigneter, denn wie soll es ihm möglich sein, zu unterrichten, wenn die von ihren Eltern beeinflussten Kinder ihn wegen seines Glaubens beschimpfen sollten? Diese andere Möglichkeit ist die momentan geltende, nämlich das Verbot für Lehrer, vor der Klasse ihre eigene Meinung kundzutun oder ein Kopftuch zu tragen. Man könnte zwar dagegen argumentieren, dass so das recht der freien Meinungsäußerung und die Religionsfreiheit missachtet werden. Jedoch sind meiner Meinung nach das berufliche und private Leben voneinander zu trennen, wenn es darum geht, der Zukunft des Landes und der Welt eine objektive Beurteilungsgrundlage zu bieten.

Die Frage ist nur: Wo sind die Grenzen? Ist ein kleines, goldenes Kreuz aus Metall an einer Halskette vielleicht schon zu viel, oder ist es erst das Kopftuch oder die Kippa? Und man kann noch weiter denken: Wann ist jemand nur ein Mensch mit anderen Ansichten, die es zu respektieren oder zumindest tolerieren gilt, und wann ein gefährlicher Verrückter? Es gibt eine Grenze, es muss sie geben, jedoch ist sie schwammig und nicht einsichtbar und ändert sich mit der Zeit.

Hingegen wird sich niemals ändern, dass ein weiterer Wert unbedingt vermittelt werden muss: Respekt. Dieses geht Hand in Hand mit der Menschlichkeit. Ohne diese Werte wären wir Menschen nicht imstande, in einer intakten Gesellschaft zu leben. Wir wären Inseln oder Eisberge, die andere Schiffe rammen und zum Untergehen bringen oder in der Hitze irgendwann schmelzen und mit unserem Wasser andere Inseln überschwemmen. Wir wären nicht mehr menschlich.

Deshalb ist es die Pflicht eines jeden, immer und überall Werte zu vermitteln, und die Welt so hoffentlich zu einem besseren Ort zu machen, egal, wer er ist. Auch wenn man dies nicht tut, so handelt man doch immer nach bestimmten Werten, und allein das ist eine Botschaft. Man muss dann selbst entscheiden, welche Botschaften man annimmt. Das ist es, was die Schule insbesondere fördern sollte und womit man nie, nie aufhören darf: Nachdenken. Dann wird uns ganz von allein klar, dass es tatsächlich so ist, wie Reinhard Mey sagt: „In dieser Welt gehen die wahren Werte uns abhanden.“ Und wenn wir das verstanden haben, dann können wir es ändern.

Wenn ich daran denke, wie mein späteres Leben aussehen wird, dann sehe ich mich vor einer Klasse stehend, und die Schüler sehen mich an und ich schreibe etwas an die Tafel, wie Jannis es getan hatte, und die Sonne scheint in den Raum und erfüllt ihn mit einer zauberhaften Stimmung, in der man sich ganz leicht fühlt und in der alles geht. Und nun weiß ich auch, was ich an die Tafel schreiben werde. Ich werde versuchen, dies kleinen Menschen in den Arm zu nehmen und nicht auf Abstand zu halten. Ich werde mit ihnen lachen und mit ihnen Kekse teilen. Ich werde alles tun, um dafür zu sorgen, dass ihr Wissensdurst nicht unter Bevormundung und Zwang versiegt. Ich werde alles tun, um sie zu verzaubern und aus kleinen Menschen menschliche kleine Menschen zu machen. Denn wenn es der Welt, diesem verrückten Ort, gerade an etwas wirklich fehlt, dann ist es Menschlichkeit. Davon bin ich überzeugt.

Quellen:

Beide Reinhard Mey-Zitate stammen aus seinem wunderschönen und wahren Lied „Faust in der Hand“.

Sophia Brandt, 3. Preis:

Welche ethischen Werte sollten von einer Schule gefördert werden?

Da diese Frage vor allem auf die Vermittlung, Förderung und Umsetzung ethischer Werte in der Schule abzielt, möchte ich mich zunächst mit der Institution Schule befassen.

Die Schule ist in erster Linie eine Bildungs- oder Lehranstalt, eine Institution mit dem Auftrag „Wissen und Können durch Lehrer an Schüler“1 zu vermitteln. Doch durch den gesellschaftlichen Wandel muss die Schule heute noch andere Aufgaben übernehmen. Da heutzutage in den meisten Haushalten beide Elternteile vollzeitlich berufstätig sind, verbringen viele Kinder fast den gesamten Wochentag in der Schule bzw. jüngere Kinder danach im Hort oder in einer Betreuung, ältere Kinder nach der Schule alleine zuhause. Somit muss die Schule einen Teil der Erziehung und Vermittlung wichtiger ethischer Grundwerte übernehmen. Zusätzlich nimmt die Nachfrage  nach allgemeinen gesellschaftlichen Normen und damit einem angenehmen Zusammenleben zu, während der Drang nach Selbstentfaltung ebenfalls wächst. Außerdem muss in den Schulen aufgrund der Globalisierung und aktueller Ereignisse Offenheit gegenüber anderen Kulturen oder Lebensweisen gefördert werden. Des Weiteren soll die Schule auf das  Berufsleben angemessen vorbereiten und so den Kindern einen guten Einstieg ins spätere Leben bieten.2

Es werden also immer größere Anforderungen an die Schule gestellt, ihre Aufgaben nehmen an Menge und Bedeutung zu. Doch wie kann eine Schule diese Wertevorstellungen und gesellschaftliche Normen nachhaltig vermitteln? Was sind überhaupt Werte und kann man sich auf allgemeingültige Werte festlegen?

„Wertesysteme.de“ definiert Werte folgendermaßen: „…Wertevorstellungen (Werte)   sind erstrebenswerte und subjektiv moralisch als gut befundende Eigenschaften, Qualitäten oder Glaubenssätze.“3 Diese resultieren aus festgelegten Normen und erzeugen so „Denkmuster, Handlungsmuster und Charaktereigenschaften sowie Ergebnisse mit gewünschten Eigenschaften.“3

Werte sind also etwas als gut Angesehenes, das unser Handeln bestimmt. Es gibt viele verschiedene Werte, die subjektiv hinsichtlich ihrer Wichtigkeit und Bedeutung eingeschätzt werden und in Beziehung zueinander stehen.

Da Deutschland zu den christlich und von der Aufklärung geprägten Abendländern gehört, erscheint es mir logisch, in diesen Philosophien nach universellen Grundwerten zu suchen. Für mich ist dabei eine der Hauptlehren des Christentums am wichtigsten: die Nächstenliebe oder zumindest (als „abgeschwächte“ Form) gegenseitiger Respekt. Gegenseitiger Respekt erst macht ein angenehmes und sicheres Zusammenleben möglich, dieser ist außerdem in der „Goldenen Regel“ der Ethik festgehalten („Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“4). Diese Regel ist in ähnlicher Form auch im Judentum, Hinduismus, Buddhismus, anderen Religionen sowie der griechisch-römischen Antike zu finden.4 Respekt ruft Vertrauen, Wertschätzung, Toleranz, Kompromissfähigkeit, Ehrlichkeit und Gewaltlosigkeit hervor – Werte, die ich als essentiell für eine funktionierende Gemeinschaft erachte. Viele Werte, die den Umgang betreffen, sind im Grundgesetz verankert und gewähren den Menschen Gleichheit, Sicherheit und Freiheit des Einzelnen. Dass diese Werte in Deutschland grundgesetzlich festgelegt sind, zeigt ihre Wichtigkeit auf und damit die Notwendigkeit, sie den Kindern nahezubringen. Aus eigener Erfahrung kenne ich Möglichkeiten, diese Werte zu vermitteln.

Beispielsweise hängen in manchen Klassenräumen von der Klasse selbst erarbeitete und verfasste Plakate zum Umgang miteinander. Diese beinhalten Sätze mit wichtigen Wertevorstellungen wie „Wir lassen einander ausreden“ oder „Wir schließen keinen aus“, und schaffen dadurch gegenseitigen Respekt und eine angenehme Atmosphäre in der Klasse. Durch die Aktion der Klasse, sich diese Sätze selber zu erarbeiten, wird ein besseres Verständnis für diese Werte geschaffen, welche außerdem den Grundstein für ein gutes, höfliches Benehmen bilden, das nicht nur im späteren Berufsleben, sondern auch im Familienleben, in Beziehungen oder Ähnlichem erwartet wird. Auch der Ethikunterricht ist dafür sehr förderlich, wenn zum Beispiel über „Gutes Handeln“ oder „Verantwortung“ gelehrt und sich ausgetauscht wird.

Dies bringt mich zu einem weiteren wichtigen Wert: dem verantwortungsvollen Umgang sowohl miteinander als auch mit eigenen oder anvertrauten Gütern. Dieser Wert geht mit Respekt einher, ist jedoch für das Leben und das Berufsleben nicht weniger wichtig, da nur so eine gute Arbeitskultur gewährleistet werden kann. Werte wie Fleiß, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Sorgfalt und Genauigkeit sind essentiell für das Berufsleben, deshalb sollten auch diese in der Schule vermittelt werden.

Die genannten Werte oder auch Tugenden dienen sowohl zur Erziehung und Förderung der Schüler als auch zur Sicherheit der Schüler und sind größtenteils in einer Schulordnung festgelegt.

Am Hans-Carossa-Gymnasium sind beispielsweise Regeln für Ordnung und Sauberkeit, Sicherheit der Schüler vor “externen“ Gefahren (z.B. einem Feuerausbruch) und „internen“ Gefahren (z.B. durch andere Schüler) festgelegt. 5

Auch andere Werte, die vielleicht nicht von besonderer Bedeutung im Berufsleben sind, dafür aber von Bedeutung für das allgemeine Leben, sollten in der Schule vermittelt werden. Ich denke hierbei zum Beispiel an Solidarität, ein Gemeinschaftsgefühl, Hilfsbereitschaft, Fairness, Authenzität.

Auch Werte, die Beziehungen betreffen, wie Ehrlichkeit, Treue, Zuverlässigkeit, Vertrauen, etc. gehören dazu. Diese durch Gesetze oder Regeln festzulegen, ist schwierig, da die Überprüfung dieser Regeln meist nicht möglich ist, und diese Werte eher aus freien Stücken angenommen werden sollten. Trotzdem könnte der Ethik- oder Philosophie-Unterricht dafür genutzt werden, ein Bewusstsein für diese Werte zu schaffen und durch Diskussion und Austausch mit anderen Schülern seinen Horizont zu erweitern und seine Meinung in positivem Sinn zu formen.

Wertevermittlung geschieht jedoch nicht nur im Religions-, Ethik- oder Philosophie-Unterricht. Werte und Normen können auch in anderen Unterrichtsfächern behandelt werden, indem die werthaltigen Aspekte eines Themas oder Textes stärker in den Mittelpunkt des Unterrichts gerückt werden. Dabei sollte es sich jedoch nicht um belehrende „moralisierende“ Texte handeln, die von Schülern meist abgelehnt oder abgewehrt werden. Stattdessen sollten die Schüler selbst die Möglichkeit zu sachbezogener Reflexion, Konfrontation und eigener Erkenntnisgewinnung und Meinungsbildung bekommen. Im Deutschunterricht kann das beispielsweise durch Analysieren oder Interpretieren literarischer Texte erreicht werden. Dabei ist es von Vorteil, wenn die Lehrer ein gutes Vorbild für ihre Schüler darstellen, sich fachlich und didaktisch mit dem Stoff auseinander setzen, sachliche Fakten und persönliche Meinungen auseinander halten, sich authentisch verhalten und offen sind für neue Meinungen oder andere Ideen.

Der Unterricht und ein gutes Vorbild des Lehrers können den Schülern jedoch nicht aufgezwungen werden. Aus diesem Grund helfen eine Schulordnung und festgelegte Grundregeln als verbindliche Erwartungen. Diese können, wie schon oben beschrieben, zum Beispiel selbst erarbeitete Umgangsformen auf einem Plakat an der Wand sein. Hier werden immer noch Werte vermittelt, allerdings handelt es sich hierbei um verbindliche Regeln, die eingehalten werden müssen. Auch wenn dadurch keine freie Annahme der Werte gewährleistet wird, ist es manchmal trotzdem notwendig, Regeln festzulegen, die für das schulische Leben unentbehrlich sind.

Diese Regeln sollten jedoch durch Gründe legitimiert werden, damit die institutionellen Normen einer Schule für alle einleuchtend sind. Beispielsweise müssen alle leise sein, wenn einer redet, damit man ihn verstehen kann. Damit alle sich sicher fühlen können, darf keiner Waffen oder Messer in die Schule mitbringen. Handys und Essen im Unterricht sind verboten, da sie die Konzentration ablenken und eine produktive Arbeitsatmosphäre verhindern.

Damit diese Werteerziehung in der Schule auch funktioniert, muss die Schule jedoch auch die nötige Autorität besitzen und diese Regeln durchsetzen, um Lehrer und Schüler zu schützen und zu fördern.

Eine weitere Ebene der Wertevermittlung ist eine Schulkultur. Durch Arbeitsgemeinschaften, gemeinschaftliche Aktivitäten, Feste, künstlerische Gestaltung der Schule und Exkursionen oder auch Philosophie-Wettbewerbe lernen die Schüler diese wichtigen Werte kennen und schätzen. Sie gestalten gemeinsam nicht nur die Schule, sondern machen auch grundlegende Erfahrungen, durch die sich ihre Wertevorstellungen bilden, die ihr ganzes Leben lang halten. Zudem erlernen sie neben den Werten noch weitere wichtige soziale Kompetenzen und Teamfähigkeiten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, die Schule – nicht mehr nur als Institution für Bildung, sondern auch für Wertevermittlung und Erziehung – sollte Werte weitergeben, die wichtig für ein angenehmes gemeinschaftliches Leben sind (wie zum Beispiel Respekt, Vertrauen, Toleranz, Kompromissfähigkeit, Ehrlichkeit), aber auch Werte, die besonders im späteren Berufsleben gesucht und erwartet werden (wie zum Beispiel Fleiß, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Hilfsbereitschaft). Andere Werte (wie zum Beispiel Solidarität, Gemeinschaftsgefühl, Fairness) können nicht in direkt im Unterricht gelehrt werden, sondern müssen im Schulleben von den Schülern selber erlebt und erfahren werden.

Quellen:

1: https://de.m.wikipedia.org/wiki/schule

2: https://www.forrefs.de/grundschule/unterricht/unterricht-halten/wertevermittlung/werteerziehung-und-wertevermittlung-durch-schule-und-lehrer.html

3: https://www.wertesysteme.de/was-sind-werte/

4: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Goldene_Regel

5: https://hcg-berlin.de/schule/unsere-regeln-1/schulordnung

https://www.hermann-giesecke.de/schulwer.html

 

PHILOSOPHIE-PREIS 2012-2018:

 

Ausschreibung 2018

Hier findet ihr den Ausschreibungstext für den diesjährigen Philosophie-Wettbewerb des HCG.

Einladung zum 7. HCG-Philo-Wettbewerb

Erwünscht ist eine philosophische Beantwortung der Frage:

„Welche ethischen Werte sollten von einer Schule gefördert werden?“

Der Werte-Baum der Anna-Siemsen-Schule Hannover

Liebe Schülerinnen und Schüler,

der am 17.11.2011 erstmalig ausgeschriebene „HCO-Philo“-Wettbewerb möchte Themen, Reflexionsformen und Produktarten fördern, die im Lehrplan des Philosophie-Unterrichts nicht oder selten vorkommen, dennoch von philosophischer Bedeutung sind. So sollen bevorzugt Themen bearbeitet werden, die entweder sehr aktuell sind, z.B. erneuerbare Energien, oder im Interessenshorizont vieler Schülerinnen und Schüler liegen, z.B. Computer. Zu erstellende Produktarten sollen nicht die im Regelunterricht geforderten Standardformen von Analyse, Interpretation und Erörterung sein, sondern freiere Formen, etwa Kritik, Kommentar, Essay, Entgegnung, Dialog, Meditation, Brief, E-Mail, Blog, Gutachten, Bildreflexion etc.; Thema und Produktart werden jährlich geändert.

In jedem Fall aber soll die euch gestellte Aufgabe mit den Mitteln philosophischer Reflexion bearbeitet werden. Darin liegt ein direkter Unterrichtsbezug, aber z.B. auch die Chance, Gelerntes auf ein lebensnahes Phänomen anzuwenden, ein mögliches Thema für die 5. PK im Abitur vorzubereiten oder eine Studienarbeit im informationstechnischen Format zu erproben.

Zugelassen sind alle HCG-Schüler*innen der Oberstufe, unbeschadet dessen, ob sie Philosophie als Fach gewählt haben, und die 10. Klassen.

Bücherpreise für die drei besten Einsender*innen werden dankenswerterweise vom Förderverein gestiftet.

Ausschreibungstermin soll jedes Jahr der UNESCO-Welttag der Philosophie sein, zu dem 2002 der dritte Donnerstag im November erklärt wurde. Einsendeschluss ist immer der 12. Februar, Kants Todestag. Dieser Zeitraum hat für euch den Vorteil, dass er erstens die Weihnachtferien, meistens auch die Winterferien, einbezieht, und zweitens für die Abiturienten noch nicht zu spät liegt.

Die Bekanntgabe und Veröffentlichung des Gewinner*innen-Produkts soll am 22. April, Kants Geburtstag, erfolgen. Die Preise werden am letzten Schuljahrestag, für die Abiturient*innen auf der Abschlussfeier, überreicht werden.

Ausschreibung des Themas und Sichtung eingegangener Arbeiten liegt in meinen Händen, die Bewertung erfolgt einvernehmlich unter den Philosophie-Lehrern.

So, und hier ist nun eure Aufgabe für den 7. HCG-Philo-Wettbewerb 2017/18:

Schreibe eine philosophische Beantwortung der Frage: „Welche ethischen Werte sollten von einer Schule gefördert werden?“

Erläuterung: Gefordert ist eine philosophische Reflexion über Werte, Schule und ihren Zusammenhang: Was sind überhaupt ethische Werte? Und in welcher Beziehung stehen sie zur Moral? Was ist Schule, primär eine staatliche Institution oder die Gemeinschaft von Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern? Welchen Werten sollte eine Schule verpflichtet sein? Wie ist die Hierarchie der verschiedenen Werte zu sehen: Welches sind die wichtigsten? Wie können sie durch Schulen auf den Weg gebracht werden? Müsste dies für verschiedene Schularten, verschiedene Länder und Orte unterschiedlich gesehen werden? Welche Rolle spielen dabei das Schulgesetz, das Schulprogramm, die Schulordnung, der Unterricht und der Schulname? Philosophisch wird euer Text dadurch, dass er die schulische Förderung von Werten in grundsätzlichen Gedanken, Argumenten oder Betrachtungen reflektiert, sie z.B. unter ethischen, anthropologischen, staats- und rechtsphilosophischen, sozialphilosophischen oder sprachphilosophischen Gesichtspunkten interpretiert.

Der Text soll maximal 4 Computer geschriebene Seiten umfassen. Schrift-Format: Times New Roman, Größe 12, 3 Zentimeter Rand, einzeilig. Im Kopf der Arbeit sind der volle Name und die Jahrgangsstufe anzugeben; am Ende des Beitrags soll die Erklärung stehen: Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe. (Unterschrift)

Sende deinen Text bitte in einem Word- oder rtf-Format abgespeichert an: Muellermozart@hcog.de

Die Bewertungskriterien für deinen eingesandten Text sind:

1. Themenbezogenheit

2. Philosophisches (nicht fachwissenschaftliches) Verständnis des Themas

3. Argumentative Überzeugungskraft

4. Stimmigkeit und Folgerichtigkeit

5. Originalität

Und nun viel Spaß beim Nachdenken und Schreiben über die Frage „Welche ethischen Werte sollten von einer Schule gefördert werden?“

Herzlicher Gruß,

Dr. Ulrich Müller (Fachleiter für Ethik/Philosophie)

Hier noch mal das Wichtigste in Kürze:

7. HCO-Philo-Wettbewerb 2017/18

Ausschreibung: Am 16.11.2017, dem UNESCO-Welttag der Philosophie (jeweils am 3. Donnerstag im Monat November)

Teilnahmeberechtigt: Die Oberstufe und alle 10. Klassen

Aufgabe: Das Schreiben eines philosophischen Beitrags zur Frage „Welche ethischen Werte sollten von einer Schule gefördert werden?“.

Format: Computer geschriebener Text; maximal 4 Seiten; Schriftart: Times New Roman in Größe 12, 3 Zentimeter Rand, einzeilig; im Kopf der Arbeit: Name und Jahrgangsstufe; am Ende des Textes die Erklärung: Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe. (Unterschrift)

Einsendeschluss: Am 12.02.2018 (Kants Todestag)

Adresse: Muellermozart@hcog.de

Gewinner/in: Am 22.04.2018 (Kants Geburtstag)

Urkunden und Bücherpreise des Fördervereins für die drei besten Einsender*innen

 

„Was ist Schönheit?“

Königsberg

22.04.2017: Königsberg meldet Entscheidung!

Hier sind die Preisträger*innen des 6. Philo-Wettbewerbs 2017:

1. Preis: Hannah Vehse (10. Klasse)

2. Preis: Claudia Begemann (4. Semester)

3. Preis: Martin Biehl (2. Semester)

Philos und seine Freunde, allen voran Herr Rußbült und die Philosophie-Lehrer*innen des HCG, gratulieren ganz herzlich!

Die Preisverleihung für Hannah und Martin wird im Rahmen der Schuljahres-Abschlussfeier am Mittwoch, den 19.07., für Claudia im Rahmen der Abiturient*innen-Verabschiedung am Freitag, den 07. Juli 2017, erfolgen. Ein Interview mit den Gewinner*innen soll demnächst hier erscheinen.

Ich bedanke mich vielmals bei allen 58 Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die gedankenreichen und anregenden Texte. Bis zur Ausschreibung des 7. HCG-Philo-Wettbewerbs am 16.11.2017, dem UNESCO-Welttag der Philosophie!

Dr. Ulrich Müller                          Berlin, den 22.04.2017

> Zu zwei Gewinner-Texten >

Erster Preis

Hannah Vehse, 10a:


Was ist Schönheit?

Abstract: Jeder entdeckt, wenn er sich in seinem Zimmer, seinem Haus, einfach seinem Leben umsieht, Dinge, die er selbst als schön erachtet. Denn Schönheit ist einzig, wie sehr man etwas in Wahrnehmungsreichweite haben möchte. Dies muss sich nicht immer auf den Gegenstand selbst beziehen. Es kann auch eine Idee von einem Gefühl, eine flüchtige Empfindung, eine klare Erinnerung oder sogar nur ein Gedanke, so klar, als hätte man ihn selbst durchlebt, sein, das den persönlichen Wert eines Gegenstandes oder Erlebnisses ausmacht. Je wertvoller etwas für einen ist, desto besser bewertet man es, ganz unbewusst, und desto schöner fndet man es. Man kann Schönheit also als Maßeinheit der Wertungen betrachten. Dabei habe ich verschiedene Arten der Schönheit entdeckt, verschiedene Arten, verschiedene Dinge zu bewerten…

Ja, wo findet man Schönheit in dieser immer hässlicher werdenden Welt?, denke ich gerade. Ich überlege, lehne mich im Stuhl zurück und betrachte meinen Schreibtisch. Darauf steht eine kleine Schiefertafel mit Holzrahmen, auf die ich mit Kreide ein Papierschiffchen gemalt habe. Ich kaufte sie während des letzten Urlaubes in Dänemark, fand sie in einem überfüllten Antiquitätengeschäft und wusste, dass es das war, was ich suchte. Schön. Ein kleines Sparschwein in weiß, ganz schlicht und unauffällig, gefüllt mit hunderten Cents, hunderten Erinnerungen. Schön. Eine Flasche von einfacher, wunderbarer Form mit buntem Etikett, „Heldenpause“ genannt . Ein schöner Name, denke ich. Gefüllt ist die Flasche mit Birne-Traube-Irgendwas. Ich mag Birnen nicht, es wird mir nicht schmecken, dennoch: schön! Mein Computer, an dem ich diesen Text schreibe, den ich unbedingt haben wollte, der zu teuer war, für den ich anfing, Nachhilfe zu geben. Nun habe ich ihn. Schön! Ein Foto, gemacht an einem sonnigen Tag, mit Leuten, die alle nett sind, mit denen ich ein Theaterstück aufführte. Eine einmalige Erinnerung, unvergesslich. Was gibt es schöneres?

Mein ganzes Zimmer, das ganze Haus ist voll von schönen Sachen. Wo gibt es Schönheit?, denke ich? Um mich herum. In allem, was ich selbst in meine Umgebung geholt habe. Und ich weiß, dass jeder Mensch das gleiche behaupten kann. Denn Schönheit ist einzig, wie sehr man etwas in Wahrnehmungsreichweite haben möchte. Dies muss sich nicht immer auf den Gegenstand selbst beziehen. Es kann auch eine Idee von einem Gefühl, eine flüchtige Empfindung, eine klare Erinnerung oder sogar nur ein Gedanke, so klar, als hätte man ihn selbst durchlebt, sein, das den persönlichen Wert eines Gegenstandes oder Erlebnisses ausmacht.

Je wertvoller etwas für einen ist, desto besser bewertet man es, ganz unbewusst, und desto schöner findet man es. Man kann Schönheit also als Maßeinheit der Wertungen betrachten. Als ich im Laden stand und die Flasche „Heldenpause“ sah, in ansprechender, passender Schrift geschrieben,  mit ihrer Form, ihren Farben und den zwei gezeichneten Menschen auf dem Etikett, da nahm ich all das eben Aufgezählte wahr. Ich bewertete in einem Sekundenbruchteil die vielen Eindrücke und kam zu dem Schluss: Das ist ja schön!

In diesem Fall hatte es für mich zwar keinen persönlichen Wert, war jedoch ästhetisch äußerst ansprechend, es war ästhetisch schön. Ich habe bei meinen Überlegungen nicht viele Arten von Schönheit entdeckt, doch dies ist eine davon.

Eine andere ist die faszinierende Schönheit. Es ist immerhin möglich, Abstrakta zu bewerten, wie beispielsweise die Mathematik. Sie hat kein Erscheinungsbild, ist jedoch existent und kann von uns mit Wertungen behaftet werden. Die am häufigsten in Bezug zur Mathematik verwendete Wertung, die mittlerweile auf T-Shirts, Taschen, Tassen und Schneidebrettchen zu finden ist, lautet: „Mathe ist ein Arschloch.“ Wenn das keine Bewertung ist… Sie muss allerdings nicht in diese Richtung ausfallen. Ist man von der Mathematik angetan, überwältigt oder fasziniert, kann man für sie durchaus auch Schönheit empfinden. Nur ist diese ganz und gar nicht von ästhetischer, sondern faszinierender Natur.

Diese beiden Formen der Schönheit müssen jedoch nicht getrennt werden. So habe ich in meinem Zimmer eine Art winzige hölzerne Schminkkommode stehen. Ich kaufte sie im Alter von etwa sechs Jahren von meinem ersten Taschengeld. Nicht, um mein Äußeres in irgendeiner Art zu verändern, sondern um darin kleine Schätze aufzubewahren. Außerdem faszinierten mich die kleinen Formen, die in das Holz geschnitzt wurden und die hübschen Knäufe an den winzigen Schubkästen. Ich sah diese Schminkkommode also im Schaufenster und fand sie auf anhieb schön – ästhetisch schön.

Die faszinierende Schönheit dieses Gegenstandes entdeckte ich, als ich mehr über ihn nachdachte.

Ich überlegte, dass früher wohl die feinen Damen eine Schminkkommode hatten, dass dies ein Gebrauchsgegenstand für Erwachsene ist, und dass ich nun auch fast erwachsen sein müsste, da ich schließlich eben so eine Schminkkommode besaß. Gleichzeitig konnte ich mir nicht ausmalen, was genau die feinen Damen wohl an solch einer Schminkkommode taten. Es war ein Gegenstand der Fantasie geworden, über den ich viel träumen konnte. Er faszinierte mich zutiefst – war faszinierend schön.

Als kleines, ahnungsloses Kind nahm ich die Schönheit der Schminkkommode jedoch nicht so wahr, wie eben beschrieben. Ich dachte mir wahrscheinlich: Ui, toll, für Große, hübsch, kaufe ich! Die Begeisterung und das Ausmaß der Schönheit, die ich heute empfinde, lässt sich jedoch nicht mit dem Aussehen dieses mittlerweile betagten Gegenstandes erklären. Ich würde ihn heute wahrscheinlich gar nicht mehr beachten, noch als kaufenswert erachten, würde ich ihn im Laden bemerken. Die Schönheit, die ich heute in dieser alten Schminkkommode sehe, bezieht sich auf Kindheitsgedanken und Erinnerungen und ein Zugehörigkeitsgefühl.

Denn was man schön findet, ist nicht immer der Gegenstand oder auch die Person selbst, sondern kann auch nur ein Gefühl sein, das mit ihm / ihr in Verbindung gebracht wird. Gefühle haben selbst keine Schönheit, sondern können positiv, was als angenehm – schön – empfunden wird, und so die Auslöser oder auch Folgen von Schönheit sein.

Von diesem Betrachtungsstandort aus verstehe ich, die niemals eine eins im Sportunterricht hatte, die nicht schnell, nicht lange, noch sonst geschickt laufen kann, die Schach als einzige vernünftige Sportart anerkennt und immer lieber Hausaufgaben macht als Fußball zu gucken, selbst ich verstehe, warum manche gefallen an sportlichen Aktivitäten finden können. Ich stelle mir vor, dass diese Personen Sport als etwas  für die Gesundheit wichtiges ansehen, eine Maßnahme, um abzunehmen, um sich selbst erträglicher zu finden. Sie raffen sich auf, treiben einmal Sport und empfinden dies als eine gute Tat, eine Befriedigung. Dieses Gefühl, das durch und durch positiv ist, löst dann aus, dass man Sport als etwas Schönes erachtet. Ein schönes Erlebnis, einhergehend mit mit positiven Gefühlen.

Das muss nicht für alle zutreffen, denn ob man das Sporttreiben als befriedigend wahrnimmt, ist subjektiv – es ist eine Wertung. Ich meinte auf der vorherigen Seite bereits, dass Schönheit eine Maßeinheit der Wertungen ist. Doch wäre sie eigentlich existent, würde es keine Wertungen geben? Könnte ein Mensch trotzdem Schönheit besitzen? Schließlich würde sie von den anderen nur nicht bewusst wahrgenommen, existieren kann sie doch trotzdem. Oder?

Das Problem dieser Frage ist wie das Problem, ob es bereits Zahlen gab, bevor die Menschheit zu rechnen begonnen. Waren drei Bäume immer drei Bäume, auch wenn das Wort und das Bewusstsein der Zahl drei noch gar nicht dem Menschen geläufig war?

Es ist eigentlich unlösbar, da man diese Situation nicht erschaffen kann. Und würde man sie erschaffen können, würde man also eine Welt ohne Wertungen kreieren, eine Nebenwelt vielleicht, wo keine Wertungen existieren, so würde es uns auch nicht weiter bringen. Würde man sich einen Menschen dieser Nebenwelt nehmen, sofern dort Menschen lebten, und ihm sagen: „Achte doch bitte mal darauf, ob in deiner Welt Schönheit existiert.“, so würde er verständnislos den Kopf schütteln. Oder er würde einfach fragen: „Was ist Schönheit?“. Und dann wäre ein solcher Text vonnöten oder wenigstens die Erklärung: „Wenn du etwas ansiehst, kannst du es als schön oder hässlich bewerten. Wenn es schön ist, dann magst du es, bewunderst es vielleicht. Du fühlst dich zu ihm hingezogen. Wenn es hässlich ist, wirkt es abstoßend auf dich.“ Doch der Mensch würde damit nichts anfangen können. Er hat Gefühle, vielleicht fühlte er sich sogar schon einmal von  jemandem angezogen. Doch er konnte es nicht wissen, da er das Gefühl nur besaß, es aber weder als positives noch negatives Empfinden in Erinnerung bewahren könnte.

Und obwohl dies ein Beweis dafür ist, dass man die Frage nie beantworten kann, möchte ich meine Vermutung dazu äußern: Ja, Schönheit würde bestimmt existieren. Klein und unauffällig und niemals so dominant wie heute, wo alles und jeder bewertet wird. Aber Menschen könnten trotzdem so umwerfend sein, so atemberaubend und bildhübsch. Sie sähen ja nicht anders aus. Nur wären diese Menschen nicht in der Kenntnis über ihr wunderbares Erscheinungsbild. Sie hielten sich für ganz gewöhnlich, wie jeder es täte, wobei Normalität doch wieder eine Wertung ist. (Eingeschoben der Vorschlag für das Thema des nächsten Philosophie-Wettbewerbes: Wie sähe die Welt ohne Wertungen aus? Oder was wäre der Mensch ohne Wertungen? Ein schönes, offenes Thema, wie ich finde…)

Sie würde meiner Meinung nach also trotzdem existieren, die Schönheit, nur würde man sie nicht beachten. Es gäbe keine Schönheits-OPs.

Viele sind der Ansicht, nur natürliche Schönheit sein wahre Schönheit. Wahre Schönheit, so heißt es, komme von innen. Auch ich finde diejenigen, die sich einer Schönheits-OP nachher nicht immer schöner als vorher. Und trotzdem stimmt es nicht, dass operierte Gesichter keine schönen Gesichter sind – obwohl mit dem Wort schön hier achtsam umgegangen werden muss.

Ich differenziere wenn es um die „Schönheit“ von Menschen geht zwischen den Wörtern schön, hübsch und attraktiv.

Schöne Menschen sind meist tatsächlich von innen heraus schön. Sie strahlen Leichtigkeit und Wärme aus. Sie strahlen tatsächlich. Und sie lächeln. Diese Menschen sind wahrhaft schön.

Hübsche Menschen beschreiben auch die Worte niedlich, zierlich vielleicht. Man wird von ihrem Aussehen nicht abgestoßen, sondern man beobachtet sie. Man sieht sie gern an, ohne sie um ihr Aussehen und ihre Ausstrahlung zu beneiden. Denn strahlen tun sie, aber eher wie ein Kind, das man immerzu anguckt, weil es eben ein Kind ist.

Attraktive Menschen hingegen strahlen nicht. Und doch sind sie nicht hässlich, sondern eben buchstäblich attraktiv. Das sind meist die Menschen, die im Spektrum des aktuellen Idealbildes wandern. Sie gehen mit der Mode und verwenden dafür den Ausdruck Trend. Diese Menschen, so scheint es mir, finden sich selbst nicht schön, mögen ihr Spiegelbild nicht und gucken doch immer wieder hinein, prüfend und unzufrieden. Dann treiben sie Sport, um sich schöner zu fühlen und ziehen beliebte Kleider an und schminken sich wie alle anderen, um Zustimmung zu bekommen. Dies sind die Menschen, die von Außenstehenden kaum beachtet werden, weil sie eben aussehen wie alle.

Es zeigt sich, Schönheit ist eine beliebte Ausrede, um Andere in Schubladen einzuordnen. Auch ich habe das gerade getan. Sie ist das, was dem Menschen, der vor allem auf visuelle Reize reagiert, als erstes ins Auge fällt, wenn er etwas Neues erblickt. Heutzutage ist sie beinahe der einzige Maßstab, den es bedarf, um Menschen einzuschätzen – nicht, ob man mit ihnen eine Freundschaft eingehen möchte, sondern, ob man sie ansprechen möchte, um zu prüfen, ob sie nett sind. Und deshalb kann Schönheit und auch Hässlichkeit so gefährliche Auswirkungen haben. Psychische Auswirkungen, die auf einer großen Angriffsfläche tiefe und nur langsam heilende Wunden hervorbringen.

Deshalb widerstrebt es mir auch, die Menschen in Schubladen zu stecken. Ich will sie nicht verletzen, so wie auch sie mich nicht verletzen sollen. Doch die Menschen auf ihr Aussehen zu überprüfen, ist wahrscheinlich ein aus ferner Vergangenheit herrührender Instinkt. Die Skepsis einem Menschen gegenüber sicherte wahrscheinlich schon vielen Menschen das Überleben. Und diese rein auf das Äußerliche bezogene Skepsis kann man auch heute nicht abschalten – wie man vielleicht gemerkt hat: Ich empfinde von Anfang an eine geringe Abneigung gegen solche „Mitläufer“, die den Trends folgen, auch, wenn ich sie vielleicht verstehen kann…

So tun sich in der Gesellschaft einige Abgründe auf: Es gibt diejenigen, die den Schönheitsidealen der breiten Masse folgen, diejenigen, die dies aus Prinzip nicht tun, diejenigen, die den Idealen von „Minderheiten“ folgen und die, die sich nirgendwo einordnen.

Sie alle erachten etwas Anderes als schön. Alle. Wie ich bereits sagte, Schönheit ist subjektiv. Darum dürfte es meiner Meinung nach überhaupt keine Schönheitsideale geben. Oft meint man eh nur modische Ideale, wenn man von Schönheitsidealen spricht. Und trotzdem existiert der Begriff Schönheitsideal, obwohl man sich genau darüber im Klaren ist, dass Schönheit subjektiv ist, und man deshalb einem Ideal in seinen Schönheitsvorstellungen ähneln kann, es aber nie uneingeschränkt folgen können müsste, sofern man sich nicht verfälscht, um akzeptiert zu werden.

Und ich kann es nicht beweisen, aber ich gehe davon aus, dass viele sich verfälschen. So weit kann Schönheit oder das, was von ihr heute an den Menschen unverfälscht übrig ist, uns treiben.

Diese Macht hat ein Wort, ein Gedanke, eine Wertung.

Auch wenn das Ende nun in gewisser Weise düster war, muss man sich vor Augen führen, dass nicht die Schönheit selbst unschön ist, sondern das, was die Menschheit aus ihr macht.

Schönheit selbst ist atemberaubend. Man geht immer davon aus, dass sie nur in diesem einen Moment, in dem man sie wahrnimmt, existiert. Sie ist etwas Wertvolles, das unerreichbar scheint. Ich habe versucht, dieses Unerreichbare zu fangen und zu sezieren. Und wie ein Buch die Faszination verliert, wenn man im Unterricht darüber spricht, so wird auch Schönheit weniger schön, wenn man sie auseinandernimmt, sie auf Ursache, Vorkomme und Arten untersucht. Das ist schade, denn was gibt es denn anderes wunderbares im Leben? Liebe? Ganz nüchtern betrachtet ist Liebe auch nur eine Ansammlung von vielen, vielen positiven Gefühlen in Bezug zu einer Person, welche als schön bewertet werden. Wunderschön. Aber alles Wunderbare, Großartige, das sind Wertungen. Synonyme für Schönheit.

Ich fand es trotzdem schön, diesen Text zu schreiben und möchte auf keinen Fall behaupten, dass Liebe nichts unsagbar Großartiges ist. Doch ist Schönheit das nicht auch?

Zweiter Preis

Claudia Begemann (4. Semester): Was ist Schönheit?

AbstractSchönheit ist für mich etwas sehr Abstraktes. Ich denke, man kann Schönheit in unendlich vielen Dingen erkennen: In Literatur, Bildern, Musik, in Menschen. Oft ist Schönheit schnell erkannt, auf den ersten Blick sozusagen. Aber abgesehen von dieser offensichtlichen Schönheit, die man in kurzen Augenblicken wahrnimmt, welche oft schnell verfliegt, gibt es für mich auch eine zweite Schönheit. Eine, die man erst bei genauerem Betrachten verinnerlicht und welche somit anhaltender ist. An Schönheit erinnert man sich oft, da sie ein Gefühl von Wohlbefinden in einem Menschen auslöst. Aber was genau kann dieses Wohlsein in einem Menschen auslösen? Was ist also Schönheit?

Ist Schönheit ein interessenloses allgemeines Wohlgefallen? Also eine Vollkommenheit, die von einer Wirkung eines Objektes auf ein Subjekt herrührt, so wie bei Kant?
Oder entwickelt sich Schönheit, über die Bewunderung des Körperlichen, des Seelischen, der Tätigkeiten bis hin zur Bewunderung von Ideen? Und ist der Mensch Schönem zugeneigter als Hässlichem wie bei Platon?

Über Schönheit wurde anscheinend schon seit langem nachgedacht und das Thema scheint immer noch von Relevanz. Das liegt vor allem daran, dass Schönheit unbegrenzt wahrgenommen werden kann und auch von jedem Menschen auf der Welt wahrgenommen zu werden scheint.

Kant beschreibt die Wirkung auf ein Subjekt. Diese Wahrnehmung eines Subjekts erfolgt dementsprechend sehr subjektiv. Individuen entscheiden also individuell und aufgrund eigener Erfahrungen, was Schönheit für sie ist.
Platon erklärt Liebe mit dem Begriff der Schönheit, auf der gleichen Grundlage des individuellen Empfindens von Wohlsein.

Schönheit wird also in vielen Fällen als individuelle Empfindung wahrgenommen. Jeder Mensch kann dementsprechend für sich selbst entscheiden,  was als schön empfunden wird, was nicht und was möglicherweise sogar als hässlich oder unschön empfunden wird. Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart wird von den meisten Menschen als schön empfunden, ähnlich wie ein symmetrisches Gesicht oder ein Sonnenuntergang. Es gibt demnach bestimmte Dinge, die viele Menschen als schön wahrnehmen. Kann man eine Schönheit, die die meisten Menschen auf der Welt als schön betrachten, als objektiv bezeichnen, obwohl dennoch nicht alle Menschen auf der Welt diese Dinge schön finden?

Oder rührt dieses Schönheitsempfinden von einer Manipulation der Medien? Aufgrund der dauerhaften Beeinflussung durch Medien in der heutigen Zeit, ob durch Fernsehen, Social Media, Werbung etc.,  wird allen Menschen ein ähnliches Schönheitsempfinden  vorgelebt. Jede Werbung, jedes Design und jede Wortwahl der Vermarktung, soll bei uns ein Gefühl von Wohlempfinden auslösen, was zu einem Verkauf der Produkte anregen soll.
Auf den ersten Blick soll der Betrachter ein Wohlgefühl empfinden.

Der erste Blick muss, zum Beispiel durch ein Logo, so fesseln, dass der Gedankengang fortgeführt wird und nicht durch den riesigen Informationsüberschuss,
der heutzutage herrscht, abgeschirmt wird.
Schönheit wird vom Menschen durchgängig wahrgenommen. Wir befinden uns in Situationen, welche  ein Gefühl von Wohlsein mit  sich bringen, zum Beispiel bei einem Picknick mit Freunden, bei welchem Sonnenstrahlen das Wasser eines Sees funkeln lassen. Genauso wie man sich in Situation befinden kann die ein Unwohlsein mit sich bringen, wie zum Beispiel beim Durchqueren eines dunklen Waldes, alleine, was meistens als unschön empfunden wird. Menschen urteilen in jeder Situation über Schönheit, weil sie ihr Wohlsein oder Unwohlsein beurteilen, um sich dementsprechend zu verhalten.

Aufgrund der Schnelligkeit der heutigen Zeit und des heutigen Lebens beurteilen Menschen Situationen und visuelle Wahrnehmungen häufig sehr oberflächlich. Ähnlich wie bei dem zuvor beschriebenen Logo. Der Informationenüberschuss bewirkt eine immer schneller werdende Selektion über schön und unschön. Die Schönheit auf den ersten Blick wird vor allem in Alltag eher oberflächlich wahrgenommen und dementsprechend schnell wieder vergessen.
So wird zum Beispiel ein in Licht-Schatten-Spiel im Wald wird aufgrund der  Aufnahme unendlich vieler Informationen entweder gar nicht mehr wahrgenommen oder schnell vergessen.

Auch wenn Menschen individuell entscheiden können was schön ist, bewerten Menschen die  Schönheit aufgrund gesellschaftlicher Normen. Wären Lügen gesellschaftlich akzeptiert, wäre es womöglich eine Charaktereigenschaft, die als schön bezeichnet werden würde, ähnlich wie Offenheit heutzutage von vielen als schöne Charaktereigenschaft beschrieben wird.
Der Einfluss der Gesellschaft auf das Empfinden von Schönheit macht sich am meisten bemerkbar bei der Frage, welche Menschen äußerlich schön sind und welche nicht. In den Medien wird das Verständnis von Schönheit durch symmetrische Gesichter, glatte, reine Haut, etc.  unterstützt. Ein Schönheitsverständnis, das scheinbar das einzig Existierende geworden ist.  Aber wer entscheidet über Schönheit und warum ist die äußerliche Schönheit immer wichtiger?

Die Empfindung von äußerlicher Schönheit wir größtenteils von gesellschaftlichen Normen bestimmt. Es besteht ein allgemeines Empfinden, das  bei vielen Menschen gleich ist und von Wirtschaft und Produzenten beeinflusst wird.  Aber sollte man nach diesem Empfinden von Schönheit wirklich streben?

Christian Morgenstern hat gesagt: „Schön ist alles, was man mit Liebe betrachtet.“ Vielleicht lässt einen die äußerliche Schönheit eines Menschen bewundern und zu einem Vergleich mit der eigenen Schönheit bringen, aber nur die innere Schönheit einen Menschen lieben, so wie es Platon formuliert hat. Man kann die körperliche Schönheit von Menschen bewundern, aber Liebe kann man erst empfinden, wenn man die Idee seines Gegenübers auch bewundert und als schön empfindet. Somit wäre Schönheit solange in der Welt von Bedeutung, wie es auch Liebe in der Welt gibt.

Schönheit hat für mich keine Kriterien. Sie existiert einfach, oder eben auch nicht. Wenn man genau hinguckt und sich genug Zeit nimmt, kann man aus jeder Situation oder aus jedem Bild, aus jeder Erfahrung etwas Positives ziehen, also etwas Schönes beziehungsweise einen Fortschritt. Schönheit verliert somit nie an Bedeutung und ihre  Relevanz und kann auch nicht eingegrenzt werden.
Menschen befinden sich in Situation, die sie nach Wohlsein und Unwohlsein und somit nach Schönheit beurteilen, solange sie denken. Das sind unendlich viele Möglichkeiten und Erfahrungen, die alle subjektiv nach dem eigenen Empfinden für Schönheit beurteilt werden.

Man sollte immer den zweiten Blick wagen, um die innere Schönheit zu erkennen. Womöglich verpasst man etwas anderes im Laufe der Zeit, aber man hat die Chance alles weniger oberflächlich zu betrachten. Nur um sich selbst zu schützen, hält man oft vieles von sich fern und traut sich nicht, Sachen genauer zu betrachten, obwohl man dadurch eine klarere Sicht auf viele Dinge hätte.

Schönheit ist faszinierend: Man kann Schönheit in unendlich vielen Dingen erkennen, man muss sich nur die Zeit nehmen dies auch zu tun. Denn Schönheit, die man nicht visuell oder auditiv wahrnimmt sondern in der Gefühlsebene, wird lange nicht als so oberflächlich empfunden.

Über Schönheit sollte sich jeder sein eigenes Bild machen und den zweiten Blick wagen mehr zu entdecken  und sich nicht zu sehr von anderen beeinflussen lassen. Nur weil der Wetterbericht sagt, dass das Wetter nicht schön ist, weil die Sonne nicht scheint, heißt das nicht, dass das Wetter nicht trotzdem schön sein kann.

Das schönste Mädchen der Welt

Die Philo-Preisträger*innen im Interview

Müller: Nochmals herzlichen Glückwunsch, Hannah, zum 1. Preis im Philo-Wettbewerb! Sie sind die erste Zehntklässlerin, die das geschafft hat!! Verraten Sie uns, wie?

Hannah: Dankeschön! Ich bin immer noch total perplex und weiß auch gar nicht genau, wie ich es gemacht habe. Ich glaube aber, dass sich mein Text von den anderen unterscheidet, weil ich beispielsweise keine großen Zitate von bedeutenden Philosophen benutzt habe. Ich habe mich an meinen Schreibtisch gesetzt und mich umgesehen, immer mit der Frage im Kopf, was ich denn eigentlich schön finde. Wenn ich etwas gefunden habe, fragte ich mich als nächstes, warum ich so denke und habe so einfach drauf los geschrieben. Wenn ich nicht weiter wusste, wandte ich mich an meinen Bruder, der mich immer wieder zum Lachen brachte und meine Ideen entweder als übermäßig schwachsinnig abtat oder sie mit mir diskutierte und so immer weiter ausbaute. Aber auch hier verwendete ich nicht das Internet oder tolle Bücher, sondern blieb auf einer persönlichen Ebene. Und schließlich ist der Text genau das geworden: Sehr, sehr persönlich. Das ist es wahrscheinlich…

Hannah Vehse

Müller: Glückwunsch auch noch einmal an Sie, Claudia, zum 2. Preis! Haben Sie eigentlich damit gerechnet?

Claudia: Vielen Dank! Nein auf gar keinen Fall. Vor Einsendeschluss hatte ich die Chance, einige andere Texte zu lesen. Diese fand  ich alle sehr  gut gelungen. Aus  meiner Sicht hätte jeder Text  einen Preis gewinnen können. Von daher freue ich mich natürlich sehr, dass mein Text so gut ankam.

Müller: Wie hat es sich für Sie angefühlt, jenseits von Schulformaten so frei über ein Thema zu schreiben?

Claudia: Ich habe in der 10. Klasse schon einmal am Philo-Wettbewerb teilgenommen. Aber abgesehen davon schreibe ich überhaupt nicht, obwohl es mir eigentlich Spaß macht. Von daher habe ich es als Chance gesehen meinen, Gedanken freien Lauf zu lassen.

Claudia Begemann

Müller: Martin, Glückwunsch zum 3. Preis! Fühlen Sie sich dadurch irgendwie geschmeichelt?

Martin: Na ja, so eine Auszeichnung ist ja irgendwie auch eine Anerkennung. Ich freue mich natürlich und ehrlich gesagt nicht damit gerechnet.

Müller: Hannah, welche Bedeutung hat dieser Erfolg für Sie?

Hannah: Als ich gelesen habe, dass mein Name beim ersten Platz steht, bin ich den ganzen Tag fröhlich durch die Gegend gehüpft. Es hat sehr viel Spaß gemacht, den Text zu schreiben und ich freue mich unglaublich, dass meine Gedanken so vielen Anderen ebenfalls gefallen haben.

Müller: „Schöne Menschen sind … von innen heraus schön“, schreiben Sie. Spricht dies vielleicht für die Introvertiertheit und Bescheidenheit schöner Menschen, etwa so, wie ich Sie immer erlebt habe?

Hannah: Nein, auch offene Menschen können sehr schön sein Ich meinte damit eher, dass viele Menschen eine selbst bemalte Maske tragen und sich damit als schön präsentieren, auch wenn ihr Innerstes möglicherweise hässlich ist. Solche Menschen sind vielleicht attraktiv, nicht jedoch schön. Wirklich schön sind Menschen, die von Innen heraus strahlen, ganz egal, ob sie ihr Inneres offen zeigen oder nicht, und dieses fast schon magische Strahlen nicht mit einer Maske verbergen.

Müller: Claudia, Sie schreiben, dass die Wahrnehmung wirklicher Schönheit vor allem Zeit erfordert. Wo finden wir diese heute noch?

Claudia: Zeit ist wahrscheinlich unser größtes Problem beim Erkennen von Schönheit. Beim Schreiben dieses Textes ist mir aufgefallen, dass ich mir oft nicht die nötige Zeit dafür nehme. Das Nachdenken über die Bedeutung von Schönheit  hat mich auch zu der sehr wichtigen Erkenntnis gebracht, Kleinigkeiten viel mehr zu schätzen.

Ich habe wirklich versucht, mir Zeit für diesen Text zu nehmen. Erst dadurch habe ich erkannt, dass es mir wirklich Spaß macht, darüber nachzudenken  und ich habe diese Erfahrung als schön empfunden.
Ich denke, man muss sich einfach dazu zwingen, Zeit zu investieren, auch wenn einem das zu Beginn vermutlich schwer fällt. Aber am Ende lohnt es sich meistens.

Müller: Martin, würden Sie uns verraten, wer für Sie das schönste Mädchen (oder die schönste Frau) der Welt ist?

Martin: Das ist eine sehr schwere Frage. Hätte man mir diese Frage vor ein paar Jahren gestellt, hätte ich sicherlich eine andere Person genannt als ich es heute tun würde. Was ich damit meine ist, dass sich das eigene Schönheitsempfinden ja auch weiterentwickelt über die Zeit. Es fällt mir wirklich schwer mich hier festzulegen. Natürlich gibt es die eine oder andere Person, die als schön empfinde, dennoch ist es schwer sich festzulegen.

Müller: Sehr diplomatisch! Was schlagen Sie als Thema des nächsten Philo-Wettbewerbs vor?

Martin: Ich fände die Frage „Habe ich einen freien Willen?“ sehr interessant, da es vermutlich sehr verschiedene Meinungen dazu gibt.

Martin Biehl

Müller: Claudia, welches Thema würden Sie sich wünschen?

Claudia: Ich persönlich finde Themen wie Ethik und Moral super spannend und würde mich auf alle Fälle freuen, ein paar Texte über dieses Thema zu lesen. Leider  kann ich im nächsten Jahr nicht mehr mitmachen. Ich denke, die unterschiedliche Herangehensweise verschiedener Menschen im Hinblick auf Ethik und Moral  und die Begründung von Entscheidungen kann viel über Menschen aussagen und einem zur gleichen Zeit neue Perspektiven eröffnen.

Müller: Hannah, Ihren Themenvorschlag für den nächsten Wettbewerb haben Sie bereits im Text abgegeben: „Wie sähe die Welt ohne Wertungen aus?“ Ich hoffe, Sie machen wieder mit?

Ich habe so viel Spaß daran, meine Gedanken zu philosophischen Themen kreisen zu lassen und mir selbst nach und nach zu einem Thema immer klarer zu werden…, dass ich ganz bestimmt und sehr, sehr gerne wieder mitmachen werde!

Müller: Herzlichen Dank für Ihre spannenden Antworten!

 

Königsberg

22.04.2016: Königsberg meldet Entscheidung!

Hier sind die Preisträger innen des 5. Philo-Wettbewerbs 2016:

1. Preis: Reinhard Hofmann (2. Semester)

2. Preis: Antonia Schäfer (4. Semester)

3. Preis: Julika Daßau (4. Semester)

Philos und seine Freunde, allen voran Herr Rußbült und die Philosophie-Lehrer innen des HCG, gratulieren ganz herzlich!

Die Preisverleihung für Reinhard wird im Rahmen der Schuljahres-Abschlussfeier am Mittwoch, den 20.07., für Antonia und Julika im Rahmen der Abiturienten-Verabschiedungsfeier am Freitag, den 08. Juli 2016, erfolgen. Ein Interview mit den Gewinner innen soll demnächst hier erscheinen.

Ich bedanke mich vielmals bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die gedankenreichen und anregenden Texte. Bis zur Ausschreibung des 6. HCG-Philo-Wettbewerbs am 17.11.2016, dem UNESCO-Welttag der Philosophie!

Dr. Ulrich Müller                          Berlin, den 22.04.2016

> Zu den Gewinner-Texten >

1. Preis: Reinhard Hofmann

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“

Aus „Minima Moralia“ von Theodor W. Adorno

Theodor W. Adorno wurde am 11.9.1903 in Frankfurt am Main in einer großbürgerlichen deutsch-jüdischen Familie geboren. Er erhielt in der Kindheit und Jugend eine musikalische Ausbildung und ging zuerst auch der Musik nach und war so als Musikkritiker und Komponist tätig. 1931 kam er als Privatdozent an die Frankfurter Universität und lehrte dort Philosophie. Zu dieser Zeit gehörte er, wie auch Max Horkheimer, der Denkrichtung der „Kritischen Theorie“ an, die heute als „Frankfurter Schule“ bekannt ist. 1933 verhängten die Nationalsozialisten ein Lehrverbot über ihn, und im weiteren Verlauf des NS-Regimes sieht er sich dazu gezwungen, zu fliehen. Zuerst sucht er Asyl in den Benelux Ländern, reist dann jedoch nach Amerika, wo er zusammen mit Max Horkheimer sein bekanntes Werk „Die Dialektik der Aufklärung“ verfasst. Nach dem Krieg kehrt er wieder nach Deutschland zurück und wirkt stark in der Öffentlichkeit. Er gilt bis zu seinem Tod, 1969 in der Schweiz, als ein schonungsloser Kritiker der kapitalistischen Gesellschaft.

Wie sein Buch „Die Dialektik der Aufklärung“ entstand auch sein Buch „Minima Moralia“, aus welchem dieser Satz „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ entnommen ist, in seiner Zeit im Exil, und er ist vor diesem Hintergrund zu sehen, aber auch unter dem Aspekt der Allgemeingültigkeit und Aktualisierbarkeit zu betrachten.

Lässt man den Satz auf sich wirken, dann stellt sich einem als erstes die Frage, wodurch wird richtig oder falsch bestimmt? Was ist mit richtig, und was mit falsch gemeint?

Dieser Satz postuliert ein allgemein gültiges und anerkanntes richtig bzw. falsch und drückt eine bestimmte Beziehung zwischen diesen beiden Wörtern aus.

Gesetzt den Fall, es wäre ein allgemeiner Konsens über richtig und falsch gegeben, so will uns dieser Satz darauf aufmerksam machen, dass eine Abhängigkeit zwischen individuellem “richtigem Leben“ und dem gesellschaftlichen großen Ganzen besteht, und dass diese Gesellschaft als Lebenszusammenhang ein “Falsches“ ist. Das ist vermutlich vor dem Hintergrund des NS-Regimes und später im Zusammenhang mit Adornos Verurteilung der kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen, weshalb kein richtiges Leben auf falscher Grundlage, in falschem Zusammenhang, möglich ist.

In Bezug auf die Aktualisierbarkeit des Satzes muss man sich jetzt und heute ebenfalls die die Frage stellen: Wie würde ich mein Leben unter dieser formelhaften Aussage beschreiben?

Adorno, gezeichnet von Annika Erstling

Beim Versuch einer Antwort stellt sich erneut und unabdingbar die Frage: Was ist denn richtiges und was falsches Leben, und/oder noch viel allgemeiner, was ist denn richtig und was falsch?

Keiner kann in meinen Augen wirklich allgemeingültig sagen, was richtig und was falsch ist ohne damit gegen die Vorstellungen und Erfahrungen eines Anderen, dessen Ansichten und Wünsche, die in einem anderen Lebensumfeld entstanden sind, zu stoßen. Und selbst bei einem intakten Nomos ergibt sich ein Richtiges oder Falsches auch aus der individuellen Situation. So z.B. ist einer, der seine Freunde, obwohl er sie retten könnte, verrät, wohl kaum ein Mensch, der sich richtig verhält, auch wenn er sich an die Maxime nicht zu lügen als allgemein gültiges Gesetz hält und sich dabei an Kants Grundformel des kategorischen Imperativs („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“) orientiert.

Selbst beim vermeintlich richtigen Handeln kann es zu einer falschen Entscheidung und Handlungsweise kommen. Zum Beispiel ist es für mich außer Frage, dass einem Menschen das Leben zu retten, indem man ihm eine Blutkonserve gibt, eine richtige Handlungsweise ist. Jedoch würde ich einem Zeugen Jehovas damit nicht gerecht werden. Denn stellt man  einem Zeugen Jehovas diese Frage, so würde er eine Blutkonserve ablehnen, obwohl er mit mir übereinstimmen könnte, dass es richtig und gut ist, Leben zu retten.

Aus diesen beiden Beispielen wird schon deutlich, dass richtig und falsch nicht so eindeutig und allgemeingültig, wie es der Satz impliziert, festgelegt werden kann.

Des Weiteren stellt sich die Frage: Was folgt aus der Erkenntnis des Satzes, dass kein richtiges Leben im falschen möglich ist?

Orientiert man sich an der Biographie von Adorno, so müsste man seine Flucht (aus dem Falschen) ins Exil als “Empfehlung“ oder Konsequenz verstehen, denn wenn kein richtiges Leben in diesem Zusammenhang (also im Falschen) möglich ist, dann ist der einzige Ausweg die Flucht. Betrachtet man diesen Satz vor dem Hintergrund seiner Entstehung, so kann man das Gefühl der Ohnmacht gegen das große Unrecht und die schrecklichen Ereignisse zur Zeit des NS verstehen und das Gefühl, kein richtiges Leben in diesem Zusammenhang (im Falschen) mehr leben zu können, nachvollziehen. Aber verkennt man dann nicht die Menschen, die dies versucht haben und verleugnet ihre Taten? Diejenigen, die, obwohl sie hätten gehen können, geblieben sind, um das Falsche zu verringern und zu verändern?

Kant, gezeichnet von Michelle Lorenz

Hier als Beispiel würde ich gerne Dietrich Bonhoeffer nennen, welcher sowohl in Amerika als auch in Schweden bekniet wurde, er solle doch bleiben und damit aus Deutschland fliehen, trotzdem zurückgekehrt ist, um vor Ort den Menschen zu helfen und die Umstände von innen heraus zu verändern. Unter diesem Aspekt wäre Adornos Satz auch als Rechtfertigung dienlich, nicht gegen das Unheil angekämpft, sondern sich dem entzogen zu haben.

Es drängt sich mir die Frage auf, ob die monokausale Schlussfolgerung des Satzes nicht zu einfach gedacht ist? Wie die Beispiele zeigen und die Geschichte belegt, ist durchaus ein richtiges Leben im Falschen denkbar, ja, ich meine, sogar nötig und nur so eine Weiterentwicklung möglich!

Das „richtige Leben“, muss das denn unmittelbar im direkten Kontrast zum „falschen Leben“ stehen? Oder gibt es etwas dazwischen? Ist es nicht viel mehr geradezu umgekehrt, dass kein Richtiges ohne Falsches existieren kann, oder geradezu so, dass im Falschen das richtige Leben dringend gebraucht wird?

Heutzutage wäre ein Beispiel vielleicht ein Arzt, der im Krieg in Syrien die verwundeten Soldaten behandelt und ihnen zur Genesung verhilft. Er unterstützt in gewisser Weise so auch den Krieg, da die gesunden Soldaten erneut zur Waffe greifen können. Und doch, handelt er mit seiner heilvollen Geste nicht richtig? Führt er nicht vielleicht gerade ein richtiges Leben?

Politisch könnte man sagen, ein richtiges Leben in einem falschen System oder auf einer falschen Grundlage ist nicht möglich, da man, um existieren zu können, mit dem System, zumindest indirekt, verbunden ist und so auch dieses unterstützen muss, um ein richtiges Leben, vielleicht auch im Sinne von lebenswertem Leben, führen zu können. Hier ist die Frage nach der absoluten Richtigkeit nicht wirklich zu klären. Gemäß dem Satz von Adorno müsste man argumentieren, dass der Arzt keine Möglichkeit hat, ein richtiges Leben zu führen, da er durch die falschen Umstände (Krieg) mit jeglicher Handlungsweise das Falsche unterstützt und damit keinerlei richtiges Leben führen kann. Stimmt das so wirklich? Kann er denn nicht durch das Setzten seiner Priorität, Menschenleben zu retten, im Falschen dennoch viel im richtigen Sinne bewirken und damit zumindest auch ein richtiges Leben führen? Kann er nicht vielleicht auch durch seine hilfreichen Handlungen ihre Herzen bewegen und sie zum Frieden motivieren? Also aus und in dem Falschen ins Richtige führen?!

Hier offenbart sich die Komplexität und die Verflochtenheit von Richtigem und Falschem, und die Unmöglichkeit, ein Pauschalurteil, wie der Satz es deklariert, zu fällen, wenn man der Vielfalt der Handlungsmöglichkeiten, Handlungsmaximen und Prioritätensetzungen gerecht werden möchte.

Wenn es jetzt also doch ein Richtiges im Falschen gibt, würde ich sagen, ist es nicht zu leugnen, dass ein Richtiges im Falschen parallel existieren kann, was dem Satz von Adorno widerspricht. Ja noch mehr, dass offensichtlich Richtiges und Falsches zeitgleich nebeneinander  existieren müssen, um überhaupt als solche wahrgenommen werden zu können. So wie man einen schwarzen Gegenstand auch nicht vor einem schwarzen Hintergrund erkennen kann, ist zur Unterscheidung und zum tieferen Verständnis immer der komplementäre Gegenpol nötig. In Anbetracht der Komplexität von richtig und falsch und des Zueinander-in-Beziehung-Stehens bzw. Gesetzt-Seins der beiden Begriffe, ist es sicher nicht stimmig, den Sachverhalt so einfach zu definieren, wie es Adorno mit seinem Satz vollzieht.

Stellt man den Satz in einen Zusammenhang mit dem alltäglichen Leben, so wird einem bewusst, dass das richtige Leben immer wieder neu gesucht und gefunden werden muss, also eher einen Weg, einen Prozess als ein Resultat darstellt, und hierzu des Falschen, der Fehler in gewisser Weise als Orientierung bedarf. (Aus Fehlern lernt man!)

Streng genommen  bedient sich der Satz durch die Verabsolutierung und Eindimensionalität der gleichen faschistischen Art und Weise, mit Begriffen umzugehen wie das System, wogegen er sich richtet. Sicherlich ist es nicht ausreichend, diesen Satz allein auf der politisch-gesellschaftlichen Ebene zu betrachten. Es ist unumgänglich, sich zu fragen, auf welcher weiteren Ebene, z.B. im religiösen Kontext und/oder im individuellen, persönlichen Leben dieser Satz zutreffend sein soll.

Die Ebene, auf der wohl die größte Meinungsverschiedenheit herrscht, ist vermutlich die der Glaubensrichtungen und Religionen. Was für den einen, rein aus Überzeugung, bis in den Tod, richtig erscheint, ist für einen anderen schon völlig befremdlich, wenn nicht sogar verwerflich. Kann Gott denn nicht auch im Falschen, ich würde sogar behaupten, erst recht im Falschen, ein Gutes/Richtiges wirken? Gab es nicht unzählige Menschen, die aus der Kraft ihres Glaubens im Falschen, z.B. in einem System von Ungerechtigkeit und Unterdrückung, Veränderung brachten? Ich denke hier an Martin Luther King oder an Mahatma Gandhi beispielsweise. Kann oder will Gott nicht gerade in der Not einen Menschen als Engel senden? Nur, wer ist  überhaupt Gott, und wie heißt er denn eigentlich? Gott, Allah oder Wischnu oder … ? Und wer oder was ist denn ein Engel? Etwa ein Mann mit einem Sprengstoffgürtel, der einen Bus voller Zivilisten in die Luft sprengt, weil sie in seinen Augen ein falsches Leben führen, da sie etwas anderes glauben? Oder ein Missionar, der ein fremdes Volk mit Gewalt umerziehen möchte und dies bis zur Vernichtung treibt, weil das Volk seiner Ansicht nach ein falsches Leben führt? Wie uns die jüngere Geschichte (z.B. die Ereignisse in Paris) und leider auch die ältere Geschichte (wie z.B. die Inquisition oder die Kreuzzüge) zeigt, kann sich durchaus auch umgekehrt etwas Falsches (siehe genannte Beispiele) im Richtigen (dem Glauben ans Heilvolle, dem ethisch Wertvollen einer Religion) ereignen. Das heißt, man könnte auch durch den Umkehrschluss des Satzes von Adorno nicht die Richtigkeit seiner Aussage belegen, nämlich in der Behauptung, es gäbe im richtigen dann folglich kein falsches Leben.

Bezieht man Adornos Satz auf unsere heutige Zeit der Medien und Globalität und das individuelle (Er-)Leben darin, könnte man sagen, der Satz repräsentiere treffend die fatale Verknüpfung und die vermeintliche Unmöglichkeit eines Richtigen im Falschen. Denn es scheint überzeugend das unrichtige Leben im Falschen zu sein, wenn trotz der persönlichen Angst, in der Medienwelt sein Ich schutzlos auszuliefern und zu verlieren einerseits, andererseits der Drang vielleicht sogar Zwang oder gar die Lust herrscht, sich mit allem zu zeigen und öffentlich mitzuteilen, um gesehen zu werden und anerkannt zu sein. Auch das Adaptieren bis hin zum Imitieren der Anderen, um dazuzugehören, gleichwertig zu sein und nicht aus der privilegierten Gemeinschaft heraus zu fallen, spielen dabei eine große Rolle, obwohl sie doch der eigenen Einzigartigkeit und Einmaligkeit eines jeden Individuums, in welcher es doch wahrgenommen werden möchte, widersprechen.

Adorno, gezeichnet von Vivian Kühn

Wenn es bezogen auf Adornos Satz schon kein Richtiges im Falschen geben kann, und das angeführte Beispiel dies zu belegen scheint, stellt sich jedoch immer wieder erneut die Frage: Ist die oben beschriebene Reaktionsweise die einzig mögliche? Oder wären auch andere Verhaltensweisen denk- und machbar und damit der Satz von Adorno widerlegt? Ich meine ja, es ist nicht zwingend notwendig, sich so zu verhalten. Der Mensch ist nicht an Instinkte gebunden und hat grundsätzlich die Entscheidungsfreiheit! Mal angenommen, es würde einen Staat geben, in dem alle Menschen gleich sind, das heißt alle gleich viel haben, alle die gleichen Ideale und Werte teilen und allen die Grundlage für ein gesichertes Leben gegeben ist; also ein Ganzes und die gegebenen Umstände ein „im Falschen“ ausschließen und folglich ein “im Richtigen“ garantierten. Würde dann das “richtige Leben“ zwingend daraus folgen? Würde dann z.B. Neid, Missgunst, Eifersucht nicht mehr existieren? Wäre dann das Gras auf der anderen Seite genauso grün wie auf der eigenen? Ich würde dies doch stark bezweifeln, denn das Streben des Menschen, das Beste erreichen zu wollen und/oder nach Anerkennung zu streben, und die Vielfalt der verschiedenen Begabungen und Möglichkeiten, die Menschen haben, bringt immer eine Unterschiedlichkeit und in gewissem Sinne eine Konkurrenz mit sich, die andererseits aber auch dem Menschen die Wahlmöglichkeit und Entscheidungsfreiheit sichert.

Entgegen Adornos Satz würde ich behaupten, dass es gilt, das Richtige im Falschen und das Falsche im Richtigen zu suchen und zu finden, dass es also darum geht und gehen muss, auch im Falschen bzw. trotz des Falschen, ein wenigstens minimal richtiges Leben zu gestalten! Es ist ein Wesenszug des Menschen sich weiter entwickeln zu wollen (und zu sollen) und dabei die freie Wahl zwischen vermeintlich Richtigem und vermeintlich Falschem (Gutem und Bösem) zu haben, in der Verantwortung für sich und dem Gesamten, sowie, je nach Überzeugung, auch in Verantwortung gegenüber einem Höheren.

Quellen:

Zugänge zur Philosophie 1, Lothar Aßmann (Cornelsen)

Wikipedia (Leben von Theodor W. Adorno

Minima Moralia, Theodor W. Adorno

Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Imanuel Kant (Reclam)

2. Preis: Antonia Schäfer

Philosophische Reflexion zu der These von

Theodor Wiesengrund Adorno:

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“

(aus: „Minima Moralia“, I, 18: „Asyl für Obdachlose“)

Der Philo-Wettbewerb an der HCG feiert ein erstes rundes Jubiläum. Im fünften Wettbewerb seit der Begründung wird den Teilnehmern erstmals ein Zitat gegeben und werden ´Ross und Reiter` in der Aufgabenstellung genannt. Auf den ersten Blick hat mich der zur philosophischen Reflexion gereichte Satz verblüfft, er erschien mir einfach und klar. Ich will damit sagen, dass mir sofort erste Ideen in den Kopf schossen, wie und wo ich ihn anwenden könnte. Aber wäre das nicht gegen die Aufgabenstellung der Ausschreibung? Die ist nämlich m.E. nicht offen formuliert. Wäre eine offene Auseinandersetzung intendiert gewesen, hätte die Ausschreibung dann nicht fragen müssen „Gibt es ein richtiges Leben im falschen?“ Bei einer solchen Aufgabenstellung hätte der whirlpool meiner Gedanken lossprudeln können; ‒ aber ‒ so ist es nicht vorgegeben, denke ich.

Es geht hier nicht um irgendeine Assoziation, sondern es geht genau um diesen einen Satz, den berühmten Sinnspruch des Theodor Wiesengrund Adorno (künftig hier im Text nur Adorno genannt), den dieser 1944 in seiner Sammlung „Minima Moralia“ im ersten Teil an Stelle 18 formuliert hat. Wenn es nun gerade hier im Philo-Wettbewerb aber nicht um eine fachwissenschaftliche Recherchearbeit zu Adorno gehen soll, sondern eine eigenständige persönliche Auseinandersetzung mit einer These verlangt wird, kann die dann ohne Adorno interpretiert werden? Ich denke nicht! Ein bisschen Adorno muss sein! So versuche ich dies mit meinen eigenen grundsätzlichen Gedanken, Argumenten und Betrachtungen auszudrücken und dabei ethische und philosophische Gesichtspunkte einzubeziehen ‒ und das alles natürlich unter dem Beachten der Regeln der wissenschaftlichen Philosophie, also logisch und nachvollziehbar argumentiert ‒ auf vier Seiten. Schließlich soll am Ende dabei kein falscher Wettbewerbsbeitrag in der richtigen Aufgabenstellung herauskommen.

In meinem zweiten Überlegen weiß ich, dass ich systematisch vorgehen muss: „Versuche eine Ordnung zu erkennen“, „Was sagt dir die Nennung des Autors und der Quelle.“. O.k., also systematisch zerlegt ergeben sich für mich mindestens die folgenden Aspekte, die unmittelbar aus diesem Sinnspruch herausgelesen werden können: 1. er bezieht sich auf das Leben, 2. er stellt „richtiges Leben“ dem „falschen Leben“ gegenüber, 3. er enthält eine apodiktische Aussage, 4. er zwingt den Betrachter zum Nachdenken über die Kategorien „richtig“ und „falsch“. Daraus abgeleitet wären Fragen zu beantworten, beispielsweise „Was soll uns der Satz sagen, was soll er bedeuten?“ und „Ist die darin enthaltene Aussage »wahr«?“.

Ich habe mich entschieden: Ich beginne mit dem Urheber dieses Aphorismus (oder ist das eine Sentenz, weil allgemein verständlich?). Ich verspreche, mich nur an meinem allgemeinen Wissen entlang zu hangeln, welches eine Philo-Schülerin in Q4 zu Adorno, dem großen Philosophen der Gegenwart, haben darf. Adorno ist als Mensch mit jüdischen Vorfahren von den Nazis verfolgt worden. Ihm wurde nach der Machtergreifung 1933 die Lehrbefugnis entzogen, er wurde aus Deutschland vertrieben. Seine erste Exilstation ist Großbritannien, dort verweilt er vier Jahre um dann 1938 in die neue Welt (zunächst an die Ostküste Amerikas, später an die Westküste) zu gelangen. Allein diese kurze biografische Impression kann auf einen Interpretationsansatz für den gegebenen Sinnspruch weisen. Hat da einer, der seit 1934 im erzwungenen Exil unter den „aufgezwungenen Bedingungen der Emigration“ (= „falsches Leben“?) leben muss, sein eigenes Schicksal beschrieben? Sagt Adorno, dass es „kein richtiges Leben in der Emigration“ gibt? Denkbar wäre das, wenn man an Wahrnehmungen und Äußerungen anderer ins Exil getriebener deutscher Intellektueller denkt. Beispielhaft sei Bertolt Brecht genannt. Auch er hat unter der Vertreibung selbst und natürlich unter den Bedingungen der Flucht, den Umständen an den zahlreichen Verweilstationen, an der Ferne zur Heimat, den unvorstellbaren Grausamkeiten im Heimatland, den Verbrechen des Nazi-Regimes und an vielem mehr gelitten. Wie der Philosoph Adorno hat auch der Lyriker Brecht einen großen Teil seines Werks in der Emigration verfasst. Brecht drückt seine Emotion in der Sprache des Lyrikers aus, zum Beispiel in den Gedichten „Zufluchtsstätte“ (1937) und „Schlechte Zeit für Lyrik“ (1939). Insbesondere in dem Gedicht „Zufluchtsstätte“ setzt sich Brecht mit den räumlichen Bedingungen seines Fluchtortes/ seiner Fluchtwohnung bei Svendborg auf der dänischen Insel Fünen auseinander. Adorno bezieht sich in der ´Asyl für Obdachlose` überschriebenen 18. Reflektion der „Minima Moralia“, deren Schlusssatz „unser“ Satz »Es gibt kein richtiges Leben […]« ist, auf das Wohnen. Ist das die eigentliche Bedeutung? Meint der Satz also, es gäbe kein richtiges Wohnen im Leben des erzwungenen Exils?

Ein weiterer Intellektueller, der Epiker Thomas Mann, sei hier ebenfalls herangezogen. Auch ihm, einem der wichtigsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, haben die Nazis erst den Ruhm und seine literarische Reputation geraubt, ihn dann ausgebürgert und vertrieben. Auch er leidet darunter. Er fühlt sich durch die Vertreibung, die Flucht, das Exil (erst in die Schweiz, 1938 dann nach Amerika) „entwurzelt“, leidet unter Depressionen. Über Thomas Mann sagt man, dass ihn im Exil seine literarische Arbeit und die Disziplin beim Arbeiten gerettet hätten. Thomas Mann schreibt im Exil den „Doktor Faustus“, in dem der Tonsetzer Adrian Leverkühn einen Pakt mit dem Teufel eingeht.

Müssen wir Adornos so bestimmenden, fast autoritär formulierten Sinnspruch vielleicht viel weiter denken? Wenn Thomas Mann seine literarische Gabe im „Doktor Faustus“ als Abrechnung mit all jenen Traditionslinien der deutschen Kultur, die den Nationalsozialismus erst ermöglicht haben, verstanden hat, kann man „unseren“ Satz dann nicht auch als Bruch der Denkrichtungen in der Philosophie, als Absage an die traditionelle (antike) Philosophie wie als Absage an den Deutschen Idealismus verstehen? Der Untertitel der „Minima Moralia“ lautet „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Adorno setzt sich darin im Eindruck des Hitler-Faschismus, der Hölle nach 1933, kritisch mit der Gesellschaft und der bürgerlichen Tradition auseinander. Er sucht nach einer Antwort auf das „Warum“. Wie kann eine Gesellschaft, deren Wurzeln der Philosophiegeschichte in die Antike zurückreichen, die mehrheitlich christlich orientiert ist, die die Lehren der Moral und der Sittlichkeit kennt, die das Denken als Grundlage der Erkenntnis verstanden haben muss, die spätestens seit KANT aufgeklärt sein dürfte sich zu einem barbarischen Regime bekennen und Gräueltaten gegen die Menschlichkeit kollektiv begehen bzw. im Kollektiv dulden? Meint Adorno also mit seinem Satz, dass die Menschen in Deutschland die falschen Schlüsse aus den richtigen Theorien gezogen hätten? Haben sie die Lehren der Philosophen nicht verstanden? Oder muss man nach der barbarischen Hölle des Dritten Reiches, der Menschenverachtung, der Vernichtung in Konzentrationslagern und der Aufgabe jeder Form von Zivilisation feststellen, dass sowohl die traditionelle wie die moderne Philosophie mit den Deutungen und Erklärungen über das „richtige Leben“ versagt hätten? Ich verstehe Adorno im Lichte der Entstehungszeit des ersten Teils der „Minima Moralia“ (1944) so, dass er einen Sinn hinter dem apodiktisch formulierten Aphorismus versteckt. Mir, der nach Verständnis suchenden Leserin, sagt Adorno mit dem Satz, dass man nicht falschen Idealen nachgehen darf, weil darin kein richtiges Leben möglich wird (weil sie nämlich Verführungen, Fehlleitungen sind). Jeder/ jede Einzelne muss versuchen, ein Leben in einer befreiten Welt (ich verstehe das als Synonym für eine demokratische, rechtstaatliche, friedliche Welt) zu erkennen und für sich die Existenzform zu wählen, die die eigentlich richtige wäre. Zum Beispiel ein Leben zu führen, welches ein von Vernunft, Verantwortung und gegenseitiger Achtung geprägtes nachhaltiges Leben unter Achtung der Menschenrechte, der Menschenwürde, der Beachtung der Grenzen natürlicher Ressourcen ist. Ich bilde mir ein, dass Adorno so gedacht haben könnte, als er diesen Paukenschlag aus sechs Worten erfand.

Kant als Spaziergänger, gezeichnet von Paula Postel

Aber was sagt mir selbst dieser berühmte Satz, wenn ich ihn aus dem Anzug des Urhebers Adorno auskleide. Was verstehe ich heute, im Jahr 2016, unter diesem Sinnspruch? Ich komme zurück auf das Ergebnis meiner oben ausgeführten zweiten Überlegung, den Sinnspruch zunächst zu „zerlegen“. Im Mittelpunkt der These steht das Leben. Was heißt „Leben“ eigentlich? Biologisch gesehen verstehen wir unter Leben den Zellaufbau, den Stoffwechsel, das Wachstum und die Reproduktion. Leben charakterisiert sich dadurch, dass es begrenzt ist. Es endet mit dem Tod. Diese biologische Tatsache ist eine passende Überleitung zur Philosophie. Wann spricht man von Leben im religiösen, im philosophischen Sinn? Die monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) bezeichnen GOTT als Schöpfer allen Lebens und weisen ihm die Allmacht zu, auch über das Ende des Lebens zu bestimmen. Wie alle späteren Denkrichtungen auch entwickelt die antike Philosophietradition den Begriff des Lebens über zahlreiche Forderungen, wie zu leben sei. SOKRATES sieht eine Entscheidung beim Menschen. Mit Besonnenheit und Vernunft würde der erkennen, dass das Streben nach dem Guten bestimmend sei. ARISTOTELES trennt die Form des Lebens in eine aktive, gestaltende und eine theoretische, schauende Form. EPIKUR empfiehlt, ein Leben nur im privaten Bereich umgeben von Freunden und fernab von Politik und Öffentlichkeit zu führen. EPIKTET wiederum betont die innere Freiheit und moralische Autonomie eines jeden Menschen, der gut lebt, wenn er im Einklang mit seinen Schicksal und der Natur steht. Das abendländische Denken im philosophischen Sinn eint also nicht die genaue Definition des Lebens, sondern vielmehr die Suche nach Antworten „wie“ zu leben sei. Das führt mich zu der zweiten Frage nach „richtig“ und „falsch“. Was sind das eigentlich für Kategorien? Es sind Urteile oder Beurteilungen. Sie sind unmittelbar verknüpft mit den moralischen Prädikaten „gut“ und „böse“ als Teil der ethischen Philosophie. „Richtig“ und „falsch“ sind moralische Urteile, wenn sie Wertaussagen oder Imperative enthalten. Normative Urteile sind sie, wenn sie ausdrücklich oder beiläufig einen als wertvoll behaupteten Sachverhalt gebieten („du sollst“) oder im Gegenteil verbieten („du sollst nicht“). Ein (moralischer) Wert bezeichnet das, was uns im Leben wichtig ist. Die Summe der Normen und Werte, die die Mitglieder einer Gemeinschaft wechselseitig voneinander erwarten, nennen wir dann Moral. Was hilft mir diese Einordnung jetzt, bezogen auf das Erkennen des Wahrheitsgehaltes des Aphorismus? Zunächst nur so viel, dass ich einen weiteren Bezug herstellen muss. Denn „richtig“ lässt sich auch durch „wahr“ ersetzen. Die Suche nach der Wahrheit beschäftigt nicht nur die Menschen seit jeher, die Philosophie verdankt ihr ihre Existenz als Wissenschaft. Was bedeutet „Wahrheit“ eigentlich? Wahrheit ist das Ergebnis einer kognitiven (=das Wahrnehmen betreffenden) Leistung, des Erkenntnisvermögens im Zusammenspiel von Wahrnehmungsleistungen und theoretischer Vernunft. Bei diesem Denkprozess spielen Vermutung, MeinungWissenErkenntnis zusammen. Wie nähern wir uns der Wahrheit? Wir Menschen brauchen Verlässlichkeit und Orientierungssicherheit um leben zu können. Wahrhaftigkeit gilt uns daher als eine Tugend oder eine strenge Pflicht, die wir einander schulden. Der ehemalige Bundepräsident Johannes Rau hat dies in seiner letzten ´Berliner Rede` im Jahr 2004 so ausgedrückt: „Nichts stärkt das Vertrauen der Menschen mehr als die Übereinstimmung von Wort und Tat“, und an anderer Stelle in der gleichen Rede: „Wir müssen darauf vertrauen können, dass jede und jeder, da, wo sie Verantwortung tragen, ihre Pflicht tun, dass sie wahrhaftig sind und sich anständig verhalten.“. Um wahr zu sein, muss also etwas nicht nur für mich, sondern auch für andere Menschen wahr sein. Woher wissen wir aber, dass eine Aussage wahr ist? Wie sicher sind unsere vermeintlichen Erkenntnisse? Die Philosophie beschäftigt sich mit den Fragen der Erkenntnis seit den alten Griechen. SOKRATES nennt die Vernunft als den einzigen Maßstab bei der Suche nach den Prinzipien der Moral und der Sittlichkeit. PLATON glaubt mit seiner Ideenlehre, dass sinnlich wahrnehmbare Dinge unvollkommene Abbildungen von Ideen seien. Wahrheit ist für ihn die Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Gegenstand. ARISTOTELES erarbeitet den Grundbegriff des Denkens und bildet dazu Kategorien. Die moderne Philosophie schließlich greift die Erkenntnisse der antiken Denker auf und entwickelt sie weiter. Zwei Denkrichtungen bestimmen das 17. Jh.: der Rationalismus und der Empirismus. Rationalisten sagen, dass das Denken die Grundlage des Erkennens bildet. DESCARTES beispielsweise formuliert, dass alles, was ich gleichermaßen klar und deutlich erkenne, wie das »ego cogito, ergo sum« (=Ich denke, also bin ich), wahr sein muss. Die Empiristen dagegen sagen, dass Sinneseindrücke die Grundlage des Erkennens sind. Für LOCKE kann eine Wirklichkeitserkenntnis nur durch Erfahrung erworben werden. HUME verweist auf den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Zwei Ereignisse sind kausal verknüpft, wenn das eine Ereignis Wirkung des anderen Ereignisses ist. Kann ich daraus nun eine Beantwortung meiner Fragen nach der Wahrheit schöpfen? Lässt sich der gegebene Sinnspruch »Es gibt kein […]« so deuten, mit Blick auf „wahr“ qualifizieren? Nicht wirklich. Endlich, im 18. Jh., hat ein großer Kopf in Königsberg Zeit, eine Synthese aus Rationalismus und Empirismus zu knüpfen: KANT! Immanuel KANT, der mir häufig so klare und strukturierte große Philosoph, „zerlegt“ die am Erkenntnisprozess Beteiligten – natürlich nur philosophisch. KANT befreit uns durch das Denken. Er sagt, dass es ein Erkenntnissubjekt (der Mensch) gibt, welches den sinnlichen Eindrücken (unsere Wahrnehmung) eine Raum-Zeit-Denkstruktur zuordnet und so Objektivität ermöglicht. In diesem Bereich ist Erkenntnis immer auch durch apriorische Konstruktion geprägt, Erkenntnis von Wirklichkeit ist Konstruktion von Wirklichkeit. Davon grenzt KANT die klassischen metaphysischen Fragen nach dem Ursprung der Welt, der Existenz Gottes, dem Leben nach dem Tod, der Unsterblichkeit der Seele ab. Diese lassen sich rational, durch unsere Vernunft oder unser Erkenntnisvermögen nicht klären. Aha. Nun lässt sich der Sinnspruch bestimmt entschlüsseln – oder? Nein, nicht wirklich. Mein lieber KANT lässt mich damit zunächst allein. Keine seiner Gebrauchsanweisungen öffnet mir den Blick. Und dabei habe ich den Mut, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen. Die machen mir das heute nicht sehr einfach, die Herren Philosophen. Vielleicht sind die Denker des deutschen Idealismus gnädiger? FICHTE, SCHELLING, HEGEL führen die kantischen Gedanken nämlich weiter, kritisieren ihn und entwickeln neue Systeme in der Philosophie. Vor allem HEGEL ordnet die gesamte Philosophie in ein System des Idealismus. Na toll. HEGEL sagt, „was vernünftig ist, ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“. O.K., gelingt es damit, den Aphorismus zu entzaubern, seinen inhaltlichen Gehalt offen zu legen? Nicht wirklich. Auch wenn ich „wirklich“ = „wahr“ setze, komme ich nicht weiter. »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.« Ist das „vernünftig“? Dann wäre es nach HEGEL „wirklich“ = wahr. Mit HEGEL eiere ich um den Adorno-Brocken herum. HEGEL hilf! Nun gut, HEGEL systematisiert, indem er die Dialektik als Methode zum Verstehen in der Philosophie erklärt. Na dann. These ist „richtiges Leben“, Antithese ist „falsches Leben“, Synthese wäre dann „kein richtiges Leben im falschen“??? Nee, nicht wirklich. Manno. Hilft mir NIETZSCHE? Der zeigt mir doch nur seine Skepsis gegenüber der Wahrheit. Wahrheiten sind für ihn Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind. So komme ich niemals zu einer Erkenntnis. Ich wünsche mir eine philosophische Freundin der klaren Sprache!!!

Immanuel Kant, gezeichnet von Antonia Schäfer

Und schwupps, schon ist die Lösung nah. Keine Freundin, aber ein Freund: der gesunde Menschenverstand. »Es gibt kein richtiges Leben im falschen«. Wer in diesem Zusammenhang über „Wahr“ und „Falsch“ reden will, muss eine Idee vom „Richtigen“ haben, sagt sinngemäß der deutsche Gegenwartsphilosoph Günther MENSCHING, ein Schüler Adornos übrigens. Und das trifft. Nun kann ich mein eigenes Verständnis des klugen Satzes entwickeln. Meine Assoziation zu dem Sinnspruch ist zugegebenermaßen von der aktuellen Auseinandersetzung mit NIETZSCHE und der Ästhetik beeinflusst. Der Wegbereiter der postmodernen Philosophie hat mich mit seinen „Wahrheiten“ zu Schönheit und Hässlichkeit provoziert, meinen Widerspruch geweckt. Erste Wahrheit: „Nichts ist schön, nur der Mensch ist schön (auf dieser Naivität ruht alle Ästhetik)“. Zweite Wahrheit: „Nichts ist hässlicher, als der entartende Mensch. (Das Hässliche bedeutet für den Menschen Verfall, Gefahr, Ohnmacht, Kraftlosigkeit). Ich habe mich getraut zu widersprechen und das belegt, indem ich Beispiele für meinen weiten Begriff von Schönheit und Leistungsfähigkeit begründet habe. Und eben einen ähnlichen Widerspruch zu der These »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« habe ich unmittelbar empfunden. Was haben Lukas Müller, 23 Jahre alt, Skispringer, und Kira Grünberg, 22 Jahre alt, Stabhochspringerin gemeinsam? Beide sind bei Trainingssprüngen bzw. im Wettbewerb ihres Leistungssports verunglückt und so schwer verletzt worden, dass sie künftig ein anderes Leben führen müssen. Ein Leben mit Behinderung, im Rollstuhl. Manche würden sagen, ein „falsches“ Leben. Beide Sportler, die mit den Diagnosen erst seit relativ kurzer Zeit umgehen müssen, haben sich entschieden, ihr Schicksal anzunehmen. Ich habe vor dieser Entscheidung eine hohe Achtung, weil ich weiß, was das bedeutet. Meinen Vater habe ich als Fußgänger kennengelernt. Auch er ist durch ein traumatisches Ereignis zum Fußgänger auf Rädern, zum Skater geworden. Das Leben als „richtiges“ anzunehmen, war für ihn kein Automatismus. In der Zeit nach dem Trauma in Krankenhäusern und Reha-Kliniken hat er nicht nur das Leben in der neuen sitzenden Perspektive kennengelernt, sondern auch als „richtiges“ empfunden. Als „falsch“ erkannte er und erkenne ich bis heute nur äußere Bedingungen. Ergonomische Unzulänglichkeiten, Barrieren oder sonstige Defizite. Lukas Müller, Kira Grünberg und auch mein Vater haben sowohl eine Vorstellung von dem „richtigen Leben“ als auch von „falsch“. Und indem sie uns erklären und zeigen, auch mit der Behinderung vollwertig leben zu können, weil sie sich ja als Menschen, als Persönlichkeiten nicht verändert haben, geben sie zu erkennen, dass auch das Leben mit Behinderungen ein „richtiges Leben“ ist. Für sie ist der Sinnspruch schlicht unzutreffend.

Unwahr ist er dennoch nicht. Denn auch die Deutung im (mutmaßlichen) Sinne Adornos ist wahr, wie ich in meinen eigenen Worten oben ausgeführt habe.

Auch aus meinem Schülerinnenleben kann ich auf einen Sachverhalt verweisen, der ein Beispiel für die zutreffende Deutung des Sinnspruchs ist. Ich habe einen Teil meiner Grundschulzeit mit einem Mitschüler verbracht, der als Transsexueller lebte. Für ihn gab es tatsächlich kein richtiges Leben, weil er im „falschen“ Körper steckte. Erst geschlechtsangleichende Maßnahmen haben ihn aus diesem Dilemma befreit. Er lebt jetzt, aus seiner Sicht „richtig“, als Frau.

 

Literaturverzeichnis

ADORNO, Th.W. (1969), „Minima Moralia“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 28. Auflage 2014.
AßMANN, L., BERGMANN, R., HENKE, R., SCHULZE, M. und E.-M. SEWING (Hrsg.) (2010), „Zugänge zur Philosophie 1“, Cornelsen Verlag, Berlin.
AßMANN, L., BERGMANN, R., HENKE, R., SCHULZE, M. und E.-M. SEWING (Hrsg.) (2008), „Zugänge zur Philosophie 2“, Cornelsen Verlag, Berlin.
FINGERHUT, M. und B. SCHURF (Hrsg.) (2013), „Texte, Themen und Strukturen“ Cornelsen Schulverlage. Berlin.
HAUPTMANN, E. und R. HILL (Hrsg.) (1991), „Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band“, Suhrkamp, Frankfurt a.M..
KANT, I. (1778), „Kritik der reinen Vernunft“, Projekt Gutenberg-DE,

URL.: http://www. gutenberg.spiegel.de/buch/kritik-der-reinen-vernunft-2-auflage-3502/1 .

MENSCHING, G. (2015), „Pro und contra: Gibt es ein richtiges Leben im falschen“, in: Philosophie-indebatte.de,

URL.: http://philosophie-indebate.de/2101/pro-und-contra-gibt-es-ein-richtiges-leben-im-falschen/ .

MÜLLER, U. (2013), „Frieden und Freiheit, Eine Kritik der sozialen Vernunft“, Königshausen & Neumann, Würzburg.
MÜLLER-DOHM, St. (2003), „Adorno – Eine Biografie“, Suhrkamp, Frankfurt a.M..
PIEPER, A. (1985), „Einführung in die Ethik“, A. Francke Verlag, Tübingen und Basel. 6. Auflage 2007.
RAU, J. (2004), „Vertrauen in Deutschland. Eine Ermutigung“, Berliner Rede am 12. Mai 2004 im Schlo9ss Bellevue,

URL.: (http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Johannes-Rau/Reden/2004/05/20040512_Rede.html).

SPAEMANN, R. (2009), „Moralische Grundbegriffe“, Verlag C.H. Beck, München

Theodor Wiesengrund Adorno, gezeichnet von Antonia Schäfer

3. Preis: Julika Daßau

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“

Diese These von Theodor W. Adorno kann auf den ersten Blick etwas verwirrend wirken. Man könnte denken, dass in diesem Satz doch nur das Offensichtliche dargestellt wird, nämlich, dass ein Leben, das „falsch“ ist, nicht gleichzeitig „richtig“ sein kann. Bei den Beschreibungen „falsch“ und „nicht richtig“ handelt es sich rein rhetorisch um eine Tautologie, da mit zwei Worten das gleiche ausgedrückt wird. Doch ist Adornos Aussage wirklich so banal? Wird hier wirklich nur das Offensichtliche auf den Punkt gebracht?

Im Folgenden werde ich mich mit diesen Fragen beschäftigen und eine philosophische Reflexion zur oben genannten These schreiben. Hierzu werde ich mich erst einmal generell mit den Begriffen „richtig“ und „falsch“ auseinandersetzen und diese anschließend in eine Verbindung mit dem Lebensbegriff bringen.

Was bedeutet also überhaupt „richtig“? Umgangssprachlich verwenden wir dieses Wort vermutlich täglich, z.B. in Sätzen wie: „Das hast du richtig gut gemacht!“, „ Die Uhr geht richtig“ oder sogar in der entscheidenden Frage: „Ist er wirklich der Richtige für dich?“. Anhand dieser Beispielsätze erkennt man bereits, dass die Bezeichnung „richtig“ sehr vielfältig und in den verschiedensten Zusammenhängen stehend verwendet werden kann.

Auch ein Blick in den Duden verschafft noch keine vollkommene Klarheit. Denn auch dort findet man keine eindeutige Definition des Wortes „richtig“, jedoch wird es durch Synonyme wie fehlerfrei, korrekt, geeignet oder angemessen beschrieben.  Das Gegenteil von „richtig“, also „falsch“, wird mit den Adjektiven unecht, irrtümlich, unaufrichtig oder fehlerhaft bedeutungsgleich gesetzt.

Wenn man die These Adornos betrachtet, wird jedoch deutlich, dass es sich bei den beiden Wörtern nicht nur um einfache Adjektive handelt, die eine Handlung (bzw. das Leben) als fehlerfrei oder fehlerhaft charakterisieren, sondern vielmehr um moralisch bewertende Kriterien.

Kant, gezeichnet von Meike Kelpin

Der Philosoph Immanuel Kant beschäftigte sich eingehender mit der Moralphilosophie. Er entwickelte den Begriff des Kategorischen Imperativs, der besagt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten). Damit präzisiert Kant den Begriff eines moralisch richtig handelnden Menschen, dessen subjektive Maximen mit einer allgemeinen Handlungsvorschrift übereinstimmen müssen. Bei einer falschen Handlung ist dies nicht der Fall.

Die These „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ könnte man also durch „Es gibt kein moralisch richtig geführtes Leben im moralisch falsch geführten Leben“ erweitern.

Durch die Bezeichnung Leben „im“ Leben bekommt der Lebensbegriff zweierlei Sinn, was der These (wie anfangs schon vermutet) die Banalität nimmt. Um die These deuten zu können, ist die Voraussetzung folglich, dass man den Begriff „Leben“ von verschiedenen Perspektiven aus betrachtet. Einerseits gibt es das Leben als Ganzes, also als Gesamtkonzept und andererseits ein weiteres Leben als Teilbereich innerhalb des Gesamtbereichs. Dem folgend, würde die These also bedeuten, dass es unmöglich ist, auch nur in Teilbereichen ein „richtiges“ Leben führen zu können, wenn das Leben als Ganzes falsch ist.

Um diese Aussage zu verdeutlichen, möchte ich zwei Bespiele anführen: Wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der die Einhaltung der Gesetze vollkommen den eigenen Moralvorstellungen widerspricht (z.B. ein Gesetz, das vorschreibt, alle Menschen mit jüdischem Glauben zu verfolgen), ist es unmöglich, die Gesetze einzuhalten und gleichzeitig ein für sich selbst richtiges Leben zu führen. Auch wenn man es vielleicht in Teilbereichen des Lebens (z.B. zuhause) schafft, richtig zu handeln, wird das Leben als Ganzes nie ein richtiges werden, da man immer wieder an die Grenzen der Gesellschaft stößt. Wenn die äußere Grenze des Lebens (hier dargestellt durch Gesetze) für einen persönlich falsch gezogen wurde, kann man sich auch in seinen eigenen Grenzen nicht frei entfalten, da die Vorschriften, die für das Leben in einer Gesellschaft geschaffen wurden, nicht den eigenen Moralvorstellungen entsprechen.

Ein weiteres Beispiel ist, dass es für eine Person, die biologisch als Junge geboren wurde, sich aber wie ein Mädchen fühlt bzw. lieber ein Mädchen sein würde, schwierig ist, ein richtiges Leben zu führen, solange sie in ihren äußeren falschen Grenzen (in diesem Fall dem männlichen Körper) „gefangen“ ist. Auch wenn diese Person ihre sexuelle Identität in Teilbereichen ausleben kann (z.B. dadurch, dass sie sich schminkt oder Kleider trägt), fühlt sie sich vermutlich dennoch wie in einem falschen Leben gefangen. Die Teilbereiche sind also nicht ausreichend, um von einem richtigen Leben sprechen zu können.

Ich denke, es ist auch möglich, diese These mit der Aufklärung in Verbindung zu bringen. Ein weiteres Zitat Adornos aus seiner Minima Moralia lautet nämlich: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“ Dies spiegelt die Unselbstständigkeit einiger Menschen wider und kritisiert die fehlende Individualität infolge zu starker Anpassung an die Gesellschaft. Wenn sich die Menschen nicht, wie Kant fordert, ihres eigenes Verstandes bedienen, sondern einfach nur das machen, was von ihnen erwartet wird oder was alle anderen machen, dann kann man bei diesen Menschen eigentlich kaum noch von eigenständigen Subjekten (also von Personen mit „Ich“-Anspruch) sprechen. Wenn dies der Fall ist, können diese Personen auch kein richtiges Leben führen, da sie unmündig sind und nicht ihr eigenes Leben führen, sondern eines, das ihnen ein anderer vorgegeben hat. Ihr Leben ist also „falsch“, da es nicht ihr eigenes ist.

Meiner Meinung nach spiegelt diese These aber in gewisser Weise ein Schwarz-Weiß-Denken wider. Es wird dargestellt, dass es unmöglich ist, ein richtiges Leben zu führen, wenn die Grundvoraussetzungen falsch sind. Diese These wirkt sehr endgültig und deshalb halte ich es für möglich, dass manche Menschen nach dem Motto „Es macht ja sowieso keinen Sinn“ nicht einmal mehr versuchen, moralisch richtig zu handeln bzw. ein für sie richtiges und glückliches Leben zu finden. Diese These könnte also schlimmstenfalls zur Entmutigung und Gleichgültigkeit einiger Menschen führen.

Kant, gezeichnet von Kristian Shekhovtsov

Folglich denke ich, dass auch ein Leben, das unter den falschen „Bedingungen“ geführt wird, gute und richtige Teile beinhalten kann. Nur weil die Voraussetzungen nicht stimmen oder die derzeitigen Lebensumstände nicht dem persönlichen Wunsch entsprechen, sollte man nicht aufgeben zu versuchen, ein für sich selbst richtiges und erfüllendes Leben zu gestalten.

Dabei sollte man außerdem seine eigene Macht als Teil der Gesellschaft nicht unterschätzen! Man selbst ist als Individuum durchaus in der Lage, einen Teil der gesellschaftlichen Werte mitzubestimmen und somit das Zusammenleben und die „äußeren Bedingungen“ des Lebens zu verändern. Wenn man in einem falschen Leben gefangen ist, sollte man dies also keinesfalls einfach so akzeptieren, sondern man sollte versuchen, seine Handlungen und Lebensumstände so weit zu verändern, dass man nicht nur Teilbereiche, sondern das ganze Leben als richtig bezeichnen kann. Dies kann man aber nur durch das Verwenden des eigenen Verstandes und durch den Mut zur Veränderung erreichen. Deshalb denke ich, dass man diese These keinesfalls als banale, eventuell sogar entmutigende Aussage verstehen sollte, sondern viel mehr als Aufruf, sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen, moralisch richtig zu handeln und somit etwas zu verändern.

Quellen:

http://www.duden.de/suchen/dudenonline/richtig

http://www.duden.de/suchen/dudenonline/falsch

 

„Eine Art philosophischer Kritik“

Interview mit den diesjährigen Philo-Preisträger innen

 

Müller: Erst noch mal herzlichen Glückwunsch, Reinhard, zum ersten Preis. Nach fünf Jahren Philo-Wettbewerb sind Sie der erste männliche Gewinner. Haben Sie eigentlich damit gerechnet?

Reinhard: Ehrlich gesagt, überhaupt nicht! Deshalb war ich umso mehr erstaunt und erfreut, von Ihnen die positive Nachricht zu erhalten. Es war auch das erste Mal, dass ich an einem Philosophie-Wettbewerb teilgenommen habe, und dort als Sieger hervorzugehen hat mich doch sehr überrascht. Nichtsdestotrotz bin ich froh und natürlich auch ein bisschen stolz auf dieses Ergebnis. Ich möchte mich im Zuge dessen auch noch mal bei meinem Philosophielehrer, Herrn Münchow, bedanken, der einem die kritische Sichtweise auf die Dinge gut nahe bringen kann, so wie bei der Jury und den Organisatoren dieses Wettbewerbs, die dies alles überhaupt erst möglich gemacht haben.

Reinhard Hofmann

Müller: Antonia, Sie sind die erste Schülerin, die nicht nur zwei Mal am Philo-Wettbewerb teilgenommen hat, sondern auch zwei Mal gewonnen hat. Chapeau! Sind Sie enttäuscht, dass es dieses Jahr nur der zweite und nicht zum zweiten Mal der erste Preis geworden ist?

Antonia: Max Horkheimer, neben Theodor Wiesengrund Adorno wichtigster Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, sagt: „Philosophie ist dazu da, daß man sich nicht dumm machen lässt“ (Max Horkheimer 1955 in einem Vortrag über »Schopenhauer und die Gesellschaft«).

Besser kann man es nicht ausdrücken, dass die Philosophie in die Schule gehört. Denn dazu gehen doch wohl alle Schülerinnen hier her. Wir wollen uns nicht dumm machen lassen oder dümmer werden; Nein, wir wollen das Denken lernen, wir wollen intellektuellen Zuwachs oder? Und so ein Wettbewerb ist ein echter Kontrast zu den Pflichtaufgaben im Schulalltag, weil man dabei seinen Gedanken freien Lauf lassen kann.

Antonia Schäfer

Antonia Schäfer

Und der zu den wichtigsten Vertretern der analytischen Philosophie zählende britische Philosoph Bertrand Russell sagt über den Wert der Philosophie, Der Wert der Philosophie besteht […] wesentlich in der Ungewissheit […]“ Und an anderer Stelle: „Die Philosophie kann uns zwar nicht mit Sicherheit sagen, wie die richtigen Antworten auf die gestellten Fragen heißen, aber sie kann uns viele Möglichkeiten zu bedenken geben, die unser Blickfeld erweitern und uns von der Tyrannei des Gewohnten befreien.“ (B. Russell: ´Die Probleme der Philosophie`, Kapitel 15, 1912).

Der Philosophieunterricht an der HCG hat mir geholfen, diesen von Russell gemeinten „Wert“ zu begreifen. Hier haben wir das Staunen als Ursprung der Philosophie gesehen, haben die Erkenntnis als höchstes Ziel der Philosophinnen begriffen, konnten unsere Wahrnehmung schulen, haben mit einer geübten Distanz auf alles vermeintlich Selbstverständliche geblickt, durften erfahren, wie die Freiheit geschaffen werden kann.

Der Philosophische Essay-Wettbewerb des HCG gibt uns Schülerinnen die Chance, vorgegebene Fragestellungen oder Aspekte eigenständig zu bedenken. Ich mag es, das eigene Selbst- und Weltverständnis begründet zu entwickeln. Von daher gesehen hätte ich rückblickend an jedem der bisher fünf Wettbewerbe teilnehmen wollen – aber das ging nicht, da ich ja erst seit 2014 Schülerin auf dem HCG bin.

Also, zusammengefasst gesagt, für mich ist der Weg der Essay-Erstellung das eigentliche Ziel. Die Rückmeldung der Jury in Form einer Preisvergabe ist dann natürlich eine außerordentliche schöne Bestätigung, dass meine Gedanken nachvollzogen werden konnten. Für jede Autorin ist eine Rückmeldung wichtig, unabhängig davon, ob damit ein Preis gewonnen worden ist.

Im Übrigen finde ich Reinhards Text super gut, inhaltlich beeindruckend und ansprechend formuliert. Auch von daher kann ich nicht enttäuscht sein. Ich habe mich einfach nur gefreut.

Müller: Julika, auch Ihnen noch mal herzlichen Glückwunsch zur Philo-Auszeichnung! Ich kenne Sie als überragende Deutsch-Interpretin. Wie sehen Sie die Beziehung der Fächer Deutsch und Philosophie?

Julika: Erst einmal vielen Dank für die Auszeichnung, ich freue mich sehr!

Julika Daßau

Nun zur Frage: meiner Meinung nach stehen die beiden Fächer Deutsch und Philosophie in sehr enger Beziehung zueinander. Sprache ist die Grundlage beider Gebiete und sie bedienen sich daher beide der Kraft der Worte. In vielen (eigentlich in fast allen) Literaturwerken ist eine Moral enthalten, die es zu interpretieren gilt und welche den Zusammenhang zwischen Deutsch und Philosophie darstellt. Diese Moral wird über die Sprache (Deutsch) vermittelt und anhand von Wertvorstelllungen (Philosophie) untersucht.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass sowohl philosophische als auch andere literarische Werke häufig eine generationsübergreifende Bedeutung haben. Als Beispiel kann man hierfür Kants Beantwortung der Frage „Was ist Aufklärung?“ anführen. Obwohl diese Schrift schon im 16. Jahrhundert formuliert wurde, hat sie damals wie heute immer noch eine große Bedeutung und Aktualität.

Ich persönlich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die beiden Fächer nicht vollkommen voneinander abgrenzbar sind und ohne einander schwer in ihrem Facettenreichtum existieren könnten.

Müller: Reinhard, Sie argumentieren in Ihrer Arbeit auf der Grundlage Kants. Welche Aussagen Ihres Textes würden sie besonders hervorheben?

Reinhard: Oh, ich denke, das ist gar nicht so leicht zusammenzufassen. Im Grunde habe ich mich bestimmten Fragen gewidmet, die dieser doch so monokausale Satz Adornos aufwirft. Zum einen habe ich versucht, den Hintergrund, vor dem dieser Satz entstanden ist, darzustellen und dann die Frage zu klären, auf was sich das „falsch“ und das „richtig“ in diesem Satz beziehen, schließlich zu zeigen, wie schwer es ist, richtig und falsch zu definieren. Auch habe ich mich mit der Frage beschäftigt, auf welcher Ebene man diesen Satz verstehen soll, ob politisch oder religiös oder oder noch anders. Während der Arbeit bin ich dem Satz immer kritischer gegenübergetreten, was sich auch in meiner Arbeit widerspiegelt. So kann man meinen Text als eine Art philosophischer Kritik des Satzes verstehen.

Philosoph am Meer: Reinhard Hofmann

Müller: Antonia, Könnten Sie unseren Schülerinnen noch mal ganz kurz die drei wichtigsten Thesen Ihres gedankenreichen Textes vorstellen?

Antonia: Ja, natürlich, gern.

Meine erste These habe ich aus dem historischen Kontext der Entstehung des Sinnspruchs entwickelt. Adorno hat den Aphorismus 1944 im ersten Teil der „Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ als 18. Reflexion verfasst und diese mit „Kein Asyl für Obdachlose“ überschrieben. Schon allein diese Zuordnung weist für mich darauf hin, dass der Autor den Sinnspruch unter dem Eindruck des Exil entwickelt hat. Mir sagt Adorno mit dem Satz, dass man nicht falschen Idealen nachgehen darf, weil darin kein richtiges Leben möglich wird (weil sie nämlich Verführungen, Fehlleitungen sind). Jeder/jede Einzelne muss versuchen, ein Leben in einer befreiten Welt (ich verstehe das als Synonym für eine demokratische, rechtstaatliche, friedliche Welt) zu erkennen und für sich die Existenzform zu wählen, die die eigentlich richtige wäre. Zum Beispiel ein Leben zu führen, welches ein von Vernunft, Verantwortung und gegenseitiger Achtung geprägtes nachhaltiges Leben unter Achtung der Menschenrechte, der Menschenwürde, der Beachtung der Grenzen natürlicher Ressourcen ist.

Meine zweite These folgt aus einer Betrachtung der Philosophiegeschichte: Weder aus den philosophischen Theorien und Ansätzen der Antike noch aus der Philosophie der Neuzeit oder gar aus den Gedanken der Denker des deutschen Idealismus lässt sich für mich direkt eine befriedigende Entschlüsselung des Sinnspruchs „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ ableiten. So wie Bertrand Russell schon 1912 vorhergesagt hat, muss man auch zu dieser Fragestellung eine eigene Antwort herbeiführen.

Meine dritte These lässt sich wie folgt einleiten: Wer bei der Betrachtung des Lebens über „Wahr“ und „Falsch“ reden will, muss eine Idee vom „Richtigen“ haben. So kann beispielsweise ein Mensch, der zum Beispiel aufgrund eines Unfalls sein bisheriges (gesundes) Leben nicht fortsetzen kann, sondern mit Behinderungen leben muss, das „neue“ Leben dennoch als vollwertiges „richtiges“ Leben annehmen. Oder ein transsexueller Mensch, der im falschen Körper lebt und dies als „falsches“ Leben wahrnimmt, kann nach geschlechtsangleichenden Maßnahmen aus dem Dilemma befreit werden und sein Leben in dem „richtigen“ Körper fortsetzen.

Müller: Julika, welche Aussagen Ihres Textes würden Sie besonders hervorheben?

Julika: Da Kant für mich einer der bedeutendsten und prägendsten Philosophen ist, schien es mir unerlässlich, einige Grundgedanken Kants in meinen Aufsatz einzubauen.

Hierzu zählen für mich eindeutig der Kategorische Imperativ und der Leitspruch der Aufklärung. Der kategorische Imperativ bildet als moralische Handlungsgrundlage einen wichtigen Teil in unserer Gesellschaft und sollte auch heute noch unbedingt berücksichtigt werden. Auch in einer Welt voller Hektik und schneller Entscheidungen sollte man sich die Zeit nehmen, seine Handlungen zu reflektieren und sich fragen, ob man nach derjenigen Maxime handelt, die man sich als allgemeines Gesetz wünscht.

Der Leitspruch der Aufklärung, „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, sollte hervorgehoben werden, da man sich bewusst machen sollte, dass man nur ein selbstbestimmtes, „richtiges“ Leben führen kann, wenn man selbst nachdenkt und auch bestehende Normen hinterfragt. Denn nur so kann man aktiv etwas an seinem eigenen Leben ändern.

Müller: Der Gewinner hat immer das Recht, ein Thema für den nächsten Wettbewerb vorzuschlagen. Welche Aufgabe würden Sie stellen?

Reinhard: Über diese Frage musste ich am längsten nachdenken, aber nach einigem Hin und Her wegen würde ich gerne das Thema „der Mensch als Geistwesen“ im Sinne Schelers, oder etwas allgemeiner: die Stellung des Menschen im Kosmos  vorschlagen. Ein außerordentlich kontroverses Thema über das sich Philosophen schon über Jahrhunderte Gedanken machen und welches auch mich reizen würde.

Der Philosoph als Künstler: Reinhard Hofmann

Abschließend will ich mich auch noch mal bei ihnen bedanken dass sie so viel Engagement in diesen Wettbewerb stecken und auch immer ein offenes Ohr für Fragen hatten. Ich freue mich nächstes Jahr wieder teilnehmen zu können und wünsche bis dahin allen anderen auch viel Glück.

Müller: Julika, gibt es ein Thema, das Sie gerne im nächsten Philo-Wettbewerb bearbeiten würden, wenn Sie dann noch an der Schule wären?

Julika: Für den nächsten Philo-Wettbewerb würde ich es interessant finden, Philosophie mit den Grundsätzen der Ästhetik zu verknüpfen. Hierbei könnten man zum Beispiel das Phänomen Schönheit untersuchen und sich fragen, was Schönheit ist und ob man hierbei überhaupt auf einen gemeinsamen Nenner kommen kann oder ob Schönheit nicht doch im Auge des Betrachters liegt.

Müller: Antonia, ich habe ja Ihren letztjährigen Vorschlag für ein neues Thema mit der Adorno-These wenigstens teilweise aufgegriffen. Möchten Sie meiner Phantasie nicht mit einer weiteren Idee auf die Sprünge helfen?

Antonia: Gern, ich habe ja im Rahmen der Fünften Prüfungskomponente zum Abitur eine BLL (Besondere Lernleistung) zu dem total spannenden Thema „Der Mensch als Ware – am Beispiel der Leihmutterschaft“ geschrieben. Darin habe ich beschrieben, dass es zur Lebenswirklichkeit in unserer Gesellschaft gehört, dass die Praxis der menschlichen Fortpflanzung nicht mehr nur auf dem natürlichen Weg erfolgt, sondern auch künstlich assistiert. Ich denke, dass sich unsere Gesellschaft in der Weise weiter entwickelt, dass sich die von der traditionellen Familienform abweichenden Lebensformen als sozialer Zusammenhang zum Aufziehen und zur Erziehung von Kindern etablieren. Diese Lebensformen sind als ebenso schutzwürdig anzunehmen wie die traditionelle Familie.

Kritiker sagen, dass ein Leihmutterschaftsvertrag sittenwidrig sei. Die Geburt eines Kindes durch eine Leihmutter sei ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Der Mensch würde zum Objekt gemacht.

Befürworter sagen, die Ehrfurcht vor dem Leben sollte uns veranlassen, ungewollt kinderlosen Paaren immer zu helfen. Und eine Leihmutter stelle ihre Gebärmutter ja nur „leihweise“ zur Verfügung (vergleichbar mit einer Organspende).

Daraus ließen sich für einen künftigen Wettbewerb die philosophischen Fragen ableiten: Was bedeutet eigentlich „Menschenwürde“? oder: Darf man Menschen einen monetären Wert zumessen?

Müller: Liebe Preisträger innen, ich danke Ihnen für dieses aufschlussreiche Gespräch!

 

Königsberg

22.04.2015: Königsberg meldet Entscheidung!

Hier sind die Preisträgerinnen des 4. Philo-Wettbewerbs 2015:

1. Preis: Antonia Schäfer (2. Semester)

2. Preis: Pauline Klein (2. Semester)

3. Preis: Melina Pahl (2. Semester)

Philos und seine Freunde, allen voran Frau Meyer und die Philosophie-Lehrer des HCG, gratulieren ganz herzlich!

Die Preisverleihung wird im Rahmen der Schuljahres-Abschlussfeier am Mittwoch, den 15. Juli 2015 erfolgen. Ein Interview mit den Gewinnerinnen wird demnächst hier erscheinen..

Ich bedanke mich vielmals bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die gedankenreichen und anregenden Texte. Bis zur Ausschreibung des 4. HCG-Philo-Wettbewerbs am 19.11.2015, dem UNESCO-Welttag der Philosophie!

Dr. Ulrich Müller                          Berlin, den 22.04.2015

Hier finden Sie die Preisträger des Philo-Wettbewerbs 2014!

Herzlichen Glückwunsch!

 

22.04. 2014 (Kants 290. Geburtstag): Königsberg Meldet Entscheidung Im 3. HCG (ehemals HCO)-Philo-Wettbewerb!

 

Liebe Schülerinnen und Schüler,
liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen
,

die Jury der Philosophie-Lehrer hat den 3. HCG-Philo-Wettbewerb entschieden! Unter den 45 eingesendeten Texten zum Thema „Alle Menschen sind Philosophen“ wurden als beste ausgewählt die Arbeiten von

Tea Collot (4. Semester) 1. Preis

Ronas Karadag (10. Klasse) 2. Preis

Selina Jurak (4. Semester) 3. Preis

 

 

Philos und seine Freunde, allen voran Frau Meyer und die Philosophie-Lehrer des HCG, gratulieren ganz herzlich!

 

Die Preisverleihung wird im Rahmen der Abitur-Entlassungsfeier am Freitag, den 04. Juli 2014 (17 Uhr) erfolgen. Ein Interview mit den Gewinner/inne/n ist für Mitte Juni auf unserer Startseite geplant.

 

Ich bedanke mich vielmals bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die gedankenreichen und anregenden Texte. Bis zur Ausschreibung des 4. HCG-Philo-Wettbewerbs am 20.11.2014, dem UNESCO-Welttag der Philosophie!

Dr. Ulrich Müller                          Berlin, den 22.04.2014

 

Herzlichen Glückwunsch!

 

22.04. 2013 (Kants Geburtstag): Königsberg meldet Entscheidung im 2. HCO-Philo-Wettbewerb!

 

Liebe Schülerinnen und Schüler,
liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen
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die Jury der Philosophie-Lehrer hat den 2. HCO-Philo-Wettbewerb entschieden! Unter den 32 eingesendeten Reflexionen zu Magrittes Bild „Die Liebenden“ wurden als beste ausgewählt die Arbeiten von

 

Hannah Burger (2. Semester): 1. Preis

Charlotte Fiedler (4.Semester): 1. Preis

Charlotte Boergen (4. Semester): 3. Preis

 

Philos und seine Freunde, allen voran Frau Meyer und die Philosophie-Lehrer der HCO, gratulieren ganz herzlich!

 

Die Preisverleihung wird im Rahmen der Abitur-Entlassungsfeier am Freitag, den 14. Juni erfolgen. Ein Interview mit den Gewinnerinnen ist für Anfang Mai auf unserer Startseite geplant.

 

Ich bedanke mich vielmals bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die gedankenreichen und anregenden Texte. Bis zur Ausschreibung des 3. HCO-Philo-Wettbewerbs am 21.11.2013, dem UNESCO-Welttag der Philosophie!

Dr. Ulrich Müller                          Berlin, den 22.04.2013

 

Königsberg

22.04. 2012 – Kants Geburtstag – Königsberg meldet:

Entscheidung
im 1. HCO-Philo-Wettbewerb

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Die Jury der Philosophie-Lehrer hat den 1. HCO-Philo-Wettbewerb entschieden.

Unter den 49 eingesendeten Essays zum Thema „Die Internet-Welt“ wurden als beste ausgewählt die Arbeiten von

 

  • Sabrina Klein (4. Semester) für den 1. Preis,
  • Esther Willma (4.Semester) für den 2. Preis
  • Larissa Erler (10c) für den 3. Preis.

 

Philos und alle seine Freunde, allen voran Frau Meyer und die Philosophie-Lehrer der HCO, gratulieren ganz herzlich!

Die Preisverleihung wird im Rahmen der Abitur-Entlassungsfeier am Freitag, den 15. Juni, bzw. am 19.06. 12 erfolgen. Wir möchten die prämierten Texte aber schon vorher auf der Homepage veröffentlichen, falls möglich,  mit einem Foto der Preisträgerinnen. Auch ein kleines Interview mit Sabrina, Esther und Larissa ist für Anfang Mai auf unserer Startseite geplant.

Ich bedanke mich vielmals bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die gedankenreichen und anregenden Texte. Bis zur Ausschreibung des 2. HCO-Philo-Wettbewerbs am 15.11.2012, dem UNESCO-Welttag der Philosophie!

Dr. Ulrich Müller                        Berlin, den 22.04.2012