Philo-Wettbewerb 2023/24
Herzlichen Glückwunsch: Immanuel Kant zum 302. Geburtstag und den vier Gewinner*innen unseres
HCG-Philo-Preises !
1. Preis
Elisa Kazak (4. Semester):

Foto: Michael Weinreich
Menschlichkeit besteht vor allem in kritischer Selbstreflexion
Abstract: Elisa geht von einer Verschiebung der anthropologischen Frage nach dem Wesen des Menschen aus, indem sie Adorno und Arendt zitiert, die stattdessen fragen: Wie konnten Menschen im 20. Jahrhundert die unvorstellbare Grausamkeit von Auschwitz begehen? Vor diesem Hintergrund interpretiert sie Friedländers Appell „Seid Menschen!“ als „Widerstand gegen gedankenlose Selbstverständlichkeiten“. Überlegte Distanz zu sich selbst sollte dazu führen, dem Besonderen und Andersartigen eines jeden Menschen Raum zu geben. Menschliche Haltung müsse sich dort bewähren, wo sie am schwierigsten ist: im „täglichen Umgang mit Macht, Abhängigkeit, Schuld und Verantwortung“.
In einer Gegenwart, in der Hass und Feindbilder sich schneller verbreiten als Gespräche entstehen, in der Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Überzeugung oder bloßer Andersartigkeit herabgesetzt oder angegriffen werden, in der zugleich die transhumanistische Optimierung den Menschen selbst als veränderbares Projekt erscheinen lässt, in der technische Systeme unsere Entscheidungen vorbereiten, ökonomische Logiken unser Miteinander durchdringen und politische Diskurse sich in moralischer Empörung erschöpfen, in der uns täglich Bilder zerstörter Wohnviertel, vertriebener Familien und gefilmter Gewalt ungefiltert und scheinbar ohne Abstand erreichen und in der all diese Bedrohungen paradoxerweise nicht von der Natur, sondern ureigen vom Menschen selbst, aus seinem menschlichem Denken, Handeln und Organisieren hervorgehen, empfindet ein jeder von uns sicherlich Momente, in denen wir innehalten und uns bewusst wird, dass je stärker der Mensch die Welt zu gestalten vermag, desto unklarer uns zuweilen erscheint, was wir selbst sind und sein sollen und wollen.
In diesem Kontext erwacht in uns zuweilen das sich aufdrängende Bedürfnis nach einer Antwort auf eine alte, wenn auch seit jeher allgegenwärtige und nie zu verstummen scheinende Frage mit neuer Dringlichkeit:
„Was bedeutet es, Mensch oder menschlich zu sein?“
Diese Fragestellung, die im Spannungsfeld zwischen normativer Ethik, philosophischer Anthropologie, sprachlicher Bedeutungsanalyse und schließlich auch geschichts-philosophischer Reflexion zu verorten ist, begleitet das philosophische Denken seit seinen Anfängen. Die Philosophie hat den Menschen immer wieder über charakteristische Merkmale zu bestimmen versucht. Klassisch ist Aristoteles’ Definition des Menschen als vernunft- und sprachbegabtes Lebewesen (zoon logon echon). In dieser Perspektive unterscheidet sich der Mensch durch seine Fähigkeit zum begrifflichen Denken, zur Reflexion und zur normativen Orientierung von anderen Lebewesen.1

Der antike Philosoph Aristoteles hat uns gleich zwei Definitionen des Menschen überliefert: 1. vernünftiges und sprachbegabtes, 2. politisches und soziales Lebewesen
Moderne philosophische Anthropologien präzisieren dieses Bild. Helmuth Plessner versteht den Menschen als Wesen „exzentrischer Positionalität“: Er kann sich zu sich selbst und seinem Handeln in Distanz setzen, was Moral und Verantwortung ermöglicht, zugleich aber auch Rechtfertigung und Selbsttäuschung2. Arnold Gehlen ergänzt dies, indem er den Menschen als „Mängelwesen“ beschreibt, das ohne feste Instinkte auf Regeln und moralische Orientierung angewiesen ist. Menschlichkeit erscheint damit nicht als natürlicher Besitz, sondern als notwendige Leistung3.
Doch das 20. Jahrhundert, geprägt von Weltkriegen und insbesondere den Grauen der nationalsozialistischen Verbrechen und des Holocaust, verschob die Perspektive grundlegend. Angesichts dieser historisch beispiellosen, staatlich organisierten Gewalt und bürokratisch verwalteten Vernichtung stellten Philosophen wie Theodor W. Adorno und Hannah Arendt nicht mehr nur die Frage, was den Menschen auszeichnet, sondern wie Menschen zu Tätern werden konnten, die millionenfaches Leid, Entrechtung, Folter und Mord ohne einen wirklichen Widerstand vollzogen.
Vor diesem Hintergrund äußerte sich die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer als Betroffene und Zeitzeugin, da sie dieses Leid und diese Ungerechtigkeit aus nächster Nähe und am eigenen Leib erfahren musste, nun mit der vermeintlich schlichten und knappen Aufforderung: „Seid Mensch.“4
Doch in welchem Verhältnis stehen nun „Mensch sein“ und „Menschlichkeit“ zueinander, wenn wir eine Antwort auf die Frage suchen, was es bedeutet, Mensch oder menschlich zu sein? Eine erste Annäherung an die Fragestellung erfordert zunächst begriffliche Präzision.
Biologisch scheint die Aufforderung „Seid Menschen“ zunächst trivial: Der Mensch gehört als Lebewesen der Spezies homo sapiens an, verfügt über ein Bewusstsein und somit die Fähigkeit zur Selbstzuschreibung von Verantwortung und Vernunft, wodurch er sich von anderen Arten wie den Tieren abgrenzen lässt. Gerade die Einfachheit der Fragestellung macht sie jedoch erklärungsbedürftig. Denn eine Aufforderung ergibt nur Sinn, wenn ihr Gegenteil möglich ist. Offenbar genügt es also nicht, biologisch ein Mensch zu sein, um menschlich zu handeln. Denn ebenfalls wird nicht erklärt, warum Menschen einander retten und einander zugleich vernichten können, warum man Unrecht erkennt und dennoch geschehen lässt, warum Gewalt verurteilt wird, solange sie fernbleibt, und hingenommen, sobald sie den eigenen Überzeugungen entspricht und warum der Mensch ein „brutales Monster“ ebenso wie ein „Held der Humanität“ sein kann.
Was, wenn „Mensch“ somit ein Faktum bezeichnet, „menschlich“ aber einen Anspruch, der sich erst in der Praxis bewähren muss? Dass wir überhaupt das Wort „unmenschlich“ besitzen, ist ein Hinweis: Das Unmenschliche stellt sich nicht als biologische Abweichung, sondern eine Möglichkeit des Menschen selbst dar, die diesem inne zu wohnen scheint. Wie könnte sonst jemand „unmenschlich“ handeln und dennoch unbestreitbar Mensch sein? Und ist es nicht gerade das Erschreckende, dass das Unmenschliche sich nicht außerhalb von uns, sondern in uns als Option befindet? „Mensch“ bezeichnet damit nicht nur eine Zugehörigkeit, sondern eine Möglichkeit und ebenso die Möglichkeit des Scheiterns. Der Begriff „Menschlichkeit“ besitzt somit eine eindeutig normative Dimension. Er bezeichnet nicht, was jemand ist, sondern wie jemand handelt. „Menschlichkeit“ ist kein Status, sondern eine Weise des Umgangs mit sich selbst und mit anderen. Gerade diese Differenz macht den moralischen Gehalt des Begriffs aus.
Diese begriffliche Unterscheidung scheint entscheidend für das Verständnis von Friedländers Appell. „Seid Menschen!“ möchte nicht bedeuten: Seid, was ihr ohnehin seid (Menschen). Sondern vielmehr: Werdet dem Anspruch gerecht, der im Menschsein angelegt ist, einem moralischen Anspruch, der mit unserer Existenz gegeben, jedoch keineswegs selbstverständlich durch uns Menschen verwirklicht ist.
Somit stellt Friedländers Aufforderung vielmehr die Frage nach dem Begriff der „Menschlichkeit“ und der Bedeutung jenes moralischen Maßstabs, der diesem Begriff inhärent zu sein scheint, in den Vordergrund.
Doch worin besteht nun dieser Maßstab? Woran entscheidet sich, ob ein Handeln menschlich genannt werden kann?
Hier kann nun Hannah Arendts Analyse der „Banalität des Bösen“5 im Horizont der Frage „Was bedeutet es, Mensch oder menschlich zu sein?“ herangezogen werden. In ihrem Bericht über Adolf Eichmann, einen NS-Funktionär und Organisator der Judendeportationen, erscheint das Unmenschliche nicht als radikale Abweichung, sondern als Resultat von Gedankenlosigkeit, Anpassung und mangelnder eigener Urteilskraft. Das Unmenschliche ist nicht notwendig spektakulär, es ist häufig banal, auch in seinen kaum fassbar abgründigen Manifestationen.

Die Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) spricht von der Banalität des Bösen beim Nazi-Schreibtisch-Täter Adolf Eichmann
Damit verschiebt sich auch der Begriff der Menschlichkeit. Sie besteht weniger in außergewöhnlicher Güte als in Urteilskraft sowie in der Fähigkeit, im konkreten Fall zu unterscheiden. Sie zeigt, dass Menschlichkeit nicht im Gegensatz zum Alltäglichen steht, sondern gerade dort verteidigt werden muss, wo alles selbstverständlich erscheint. Vor diesem Hintergrund erhebt sich die Frage, was es heißt, Mensch zu sein, zu einer existenziellen Prüfung, also zur Bereitschaft, im eigenen Denken zu stehen und die Last der Verantwortung für das eigene Handeln zu tragen.
Während Arendt zeigt, dass Unmenschlichkeit aus Gedankenlosigkeit im gewöhnlichen Handeln erwachsen kann, richtet Adorno den Blick auf die Voraussetzungen dieses Handelns selbst: auf Denk- und Sprachformen des Alltags, in denen sich Entmenschlichung bereits vorbereitet.
Theodor W. Adorno hat diesen Zusammenhang besonders eindringlich in seiner Schrift „Erziehung nach Ausschwitz“6 analysiert. Für ihn beginnt Unmenschlichkeit nicht erst im Handeln, sondern bereits im Denken und Sprechen. Nicht ohne Grund hat Adorno bereits zuvor den Satz: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ gepredigt7. Wo Menschen zu Fällen, Zahlen oder Funktionen werden, geht ihre Unverfügbarkeit verloren. Sprache kann ordnen und verständigen, doch sie kann ebenso verdecken, neutralisieren und entmenschlichen. Für die Beantwortung der Frage nach Menschlichkeit ergibt sich daraus, dass Menschlichkeit vor allem in kritischer Selbstreflexion besteht. Es kann danach konstatiert werden, dass menschlich handelt, wer sich nicht von vorgegebenen Deutungen, Gewohnheiten oder kollektiven Urteilen von seiner eigenen Verantwortung entlasten lässt, sondern immer während das eigene Wahrnehmen und Urteilen prüft. Menschlichkeit zeigt sich danach in der Fähigkeit, Distanz zu den eigenen Überzeugungen zu wahren und dem Besonderen, dem „Andersartigen“ eines anderen Menschen Raum zu lassen. Menschlichkeit bedeutet damit nicht Harmonie oder bloße Güte, sondern Widerstand gegen gedankenlose Selbstverständlichkeiten.

Theodor W. Adorno (1903-1969) schreibt, es sei schon viel, wenn ein Mensch am Ende seines Lebens sagen kann, ein gutes Tier gewesen zu sein.
Eine klassisch-ethische Betrachtung ist bei Immanuel Kant, in seinem Werk „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“8 zu finden. Für ihn ist Menschlichkeit keine Frage von Empfindung oder Wohlwollen, sondern eine Frage des Prinzips. Der Mensch besitzt „Würde“,
das heißt einen Wert, der nicht verrechenbar ist und nicht von Leistung, Nutzen oder Anerkennung abhängt. Daraus folgt seine bekannte Forderung, die Menschheitszweckformel: „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Übertragen auf die Frage nach Menschlichkeit bedeutet dies, dass Handeln dort unmenschlich wird, wo andere nur noch Funktionen und Mittel der eigenen Absichten sind. Menschlichkeit beginnt hingegen, wo anerkannt wird, dass sich ein Mensch niemals vollständig im Nutzen für andere auflöst.
Oder kann auch im Sinn der Selbstreflexion, Einsicht und Vergebung eine Antwort gefunden werden?
In diesem Zusammenhang erhält auch das Motiv der Vergebung in Mozarts „Zauberflöte“ eine besondere Bedeutung. Sarastros Gesang in Mozarts Zauberflöte formuliert eine radikale These: Menschlichkeit zeigt sich nicht nur im gerechten Handeln, sondern ebenso in der Fähigkeit zu vergeben. Vergebung bedeutet dabei nicht, Schuld zu leugnen oder zu relativieren. Im Gegenteil setzt sie die Anerkennung von Schuld voraus, gerade darin liegt ihre moralische Schwierigkeit. Sie lässt sich weder erzwingen noch institutionalisieren. Daraus lässt sich herleiten, dass ein Ansatz, menschlich zu sein, hieße, den anderen nicht endgültig auf seine Tat festzulegen, ohne diese Tat zu entschuldigen. In diesem Spannungsfeld zwischen Verantwortung und Offenheit für Veränderung wird Menschlichkeit besonders sichtbar.
Versöhnung ist sicher das schönste Moment von Menschlichkeit. Ist sie auch universal möglich oder nur zwischen zwei Personen?
Margot Friedländers Appell gewinnt vor diesem Hintergrund zusätzliche Tiefe. „Seid Menschen!“ heißt auch: Übernehmt Verantwortung für euer Handeln und erkennt zugleich die Verletzbarkeit des Menschlichen an, auch dort, wo es versagt hat. Menschlichkeit besteht nicht in moralischer Unfehlbarkeit, sondern in der Fähigkeit, mit Schuld zu leben, ohne sie zu verdrängen.
Doch inwiefern lassen sich diese vielfältigen Prinzipien und Herangehensweisen zur Beantwortung unserer Ausgangsfrage zusammenfassen?
Die bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass Menschlichkeit sich nicht in einer abschließenden Definition festhalten lässt. Weder anthropologische Merkmalskataloge noch ethische Regelwerke können vollständig erfassen, was es heißt, menschlich zu sein. Gerade darin liegt jedoch kein Defizit, sondern ein wesentlicher Zug menschlicher Existenz. Menschlichkeit ist kein Gegenstand, über den man verfügt, sondern eine Praxis, die sich nur im Vollzug zeigt. Menschlich zu handeln bedeutet, sich in konkreten Situationen zu bewähren: Dort, wo Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen, wo Verantwortung nicht delegierbar ist, und wo das eigene Handeln Folgen für andere hat. In diesem Sinne ist Menschlichkeit nicht zeitlos, sondern geschichtlich und situationsabhängig, ohne deshalb beliebig zu werden. Diese Einsicht bereitet den Boden für eine vertiefte Betrachtung jener Bedingungen, unter denen Menschlichkeit besonders herausgefordert ist. Denn gerade dort, wo Schuld, Vergebung und strukturelle Zwänge ins Spiel kommen, zeigt sich, wie fragil, aber auch wie unverzichtbar Menschlichkeit in unserem Miteinander ist. Nach allem wird deutlich, dass Menschlichkeit in den Bereich des moralischen Sollens gehört. Menschlich zu sein bedeutet nicht, bestimmten Eigenschaften zu entsprechen, sondern in konkreten Situationen Haltung zu zeigen. Diese Haltung zeigt sich nicht im Ausnahmefall heroischer Moral, sondern im alltäglichen Umgang mit Macht, Abhängigkeit, Schuld und Verantwortung. Menschlichkeit ist daher kein Idealzustand, sondern eine fragile Praxis. Sie kann gelingen, scheitern oder verweigert werden. Gerade diese Prekarität verleiht ihr ihren ethischen Ernst.
Dass unsere Schule in Zukunft stolz darauf sein kann, den Namen Margot Friedländers zu tragen, ist vor diesem Hintergrund keine bloße Widmung, sondern eine Antwort, als hätten wir ihren Appell „Seid Menschen.“ nicht nur gehört, sondern verstanden. Denn ihren Namen werden wir tragen wie eine Bindung, ein Versprechen, als sichtbare Erinnerung daran, dass Menschlichkeit nicht von selbst geschieht und nicht im Pathos wohnt, sondern in der alltäglichen Aufmerksamkeit an der Schwelle, an der man sich die Hand reicht anstatt ignorant zu sein oder wegzusehen. Wenn wir also ihren Namen tragen, dann bedeutet das: Wir haben ihren Appell verinnerlicht, indem wir ihn in die Gegenwart holen und auch dort „menschlich“ handeln, wo es schwer wird: Seid Menschen.
1 Vgl. Aristoteles: Politik. Buch I, Kap. 2, 1253a 9–18. In: Aristoteles: Politik, übers. u. hrsg. v. Olof Gigon, Reclam, Stuttgart 1998.
2 Helmuth Plessner: Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. 3. Aufl., de Gruyter, Berlin/New York 1975 (zuerst 1928).
3 Arnold Gehlen: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. 13. Aufl., AULA-Verlag, Wiebelsheim 2004 (zuerst 1940).
4 Margot Friedländer: Eine Stimme für das Leben, fotografiert und hrsg. v. Markus C. Hurek, Sandmann-Verlag, München 2025, S. 29.
5 Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Piper Verlag, München 1964.
6 Theodor W. Adorno: „Erziehung nach Auschwitz“, in: Gesammelte Schriften, Bd. 10.2, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1977.
7 Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft (1949), später abgedruckt in: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1955.
8 Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe (AA) IV, 429.
(oder in vielen Schulausgaben: BA 66–67, Reclam).
Bildquelle: Das Bild „Versöhnung“ habe ich mithilfe des KI-Bildsystems „Craiyon“ erzeugt.
Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe.
2. Preis
Oona Hornung (2. Semester):
Menschlichkeit bedeutet, sich für Menschen- und Nächstenliebe einzusetzen
Abstract: Oona sieht in der für unsere Menschwerdung einst überlebenswichtigen Gruppenbildung heute eher die Gefahr eines „Ihr-Wir-Denkens“, das zu Ausgrenzung, Diskriminierung und Hetze führe. Wie eine solche schleichende Entmenschlichung funktioniert, zeigen vor allem die Experimente des Psychologen Milgram, in denen „Lehrer“ von einer Autoritätsperson dazu gebracht wurden, lebensgefährliche Elektroschocks an andere Testteilnehmer*innen zu verteilen. Der zunehmende Missbrauch „sozialer“ Medien zu bloßen Unterhaltungszwecken schwäche darüber hinaus das Verantwortungsbewusstsein und die Ausbildung moralischer Kompetenzen. Menschlich-Sein dagegen müsse sich am Modell einer Liebesbeziehung orientieren.
„Seid Menschen“! Es schien wie Margot Friedländers Mission, der Welt, insbesondere der jungen Generation, diese wichtige Botschaft mitzuteilen und ans Herz zu legen. Bei nahezu jeder Veranstaltung oder jedem Auftritt, an dem sie teilnahm, wiederholte sie diesen Satz oft mehrmals auf eine positiv eindringliche Art und Weise. Darum ist es nicht verwunderlich, dass genau dieser Satz der Satz ist, mit dem wir sie am meisten verbinden.
So klar die Botschaft „seid Menschen“ anfangs auch erscheint, ist sie auf den zweiten Blick gar nicht so einfach zu entschlüsseln, denn: Sind wir nicht alle als Menschen geboren? Muss man eventuell etwas dafür leisten, Mensch zu sein, denn ihr Satz wirkt wie eine Aufforderung? Und wenn ja, was meinte sie genau damit? Und überhaupt, bekommt nicht „menschlich sein“ ebenfalls eine andere Bedeutung, wenn man „seid Menschen“ als eine Aufforderung versteht? Denn dann würde menschlich zu sein nicht einfach alles umfassen, was wir so als Menschen machen, also z.B. unsere Triebe und Instinkte als Individuen zu verfolgen, um das Bestmöglichste für uns selbst zu erzielen.
Oft taucht auch der Begriff „menschlich sein“ im Alltag auf, beispielsweise wenn man mal etwas vergisst, wird gesagt: „Das ist doch menschlich“. Oder aber in Situationen, wo prosoziales Verhalten gezeigt wird und gesagt wird: „Das war sehr menschlich von dir“ oder „eine sehr menschliche Tat“. Oder ist vielleicht alles, was wir tun, menschlich, weil wir eben Menschen sind? Würde das bedeuten, dass es ebenfalls menschlich ist, allem und jedem zu folgen, nur weil es von einer Autoritätsperson so angewiesen wurde? (Siehe unten)
Bei dieser Frage lässt sich zunächst aus meiner Sicht festhalten, dass wir alle der Gattung Mensch angehören und demnach alle als Menschen behandelt werden sollten. Rein naturwissenschaftlich gibt es, außer individuellen Einzelheiten, keine großen Unterschiede von Mensch zu Mensch und wir beruhen alle auf demselben „Bauplan“. Um diesen Punkt zu stützen, berufe ich mich auf ein ebenfalls bekanntes Zitat von Margot Friedländer, in dem sie diesen Gedanken sehr präzise auf den Punkt bringt: „Es gibt kein christliches, muslimisches, jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut.“.
Das Phänomen der Gruppenbildung, das in ungünstiger Kombination nicht nur zu Unstimmigkeiten, sondern auch zu Kriegen führen kann oder im Holocaust zur versuchten Auslöschung aller Menschen jüdischer Abstammung führte, ist weit verbreitet. Allerdings ist hierbei interessant, dass es sich bei der Gruppenbildung nicht um einen Zufall oder Einzelfall handelt, sondern dass dies in uns Menschen fest verankert ist, da es ursprünglich als vorteilhaft und sogar überlebenswichtig für Menschen war, Gruppen zu bilden.
Ein solches Wir-Ihr-Denken führt, wie bereits erwähnt, dazu, dass einzelne Gruppen sich von anderen Gruppen abgrenzen oder sogar aktiv gegen sie vorgehen. Als Resultat fühlen sich die Menschen zugehörig zu einer Gruppe und ausgegrenzt von einer anderen, da diese „anders“ sind. Das sogenannte „anders“ kann sich im kleinen Rahmen an der Schule im Sportunterricht, wo die Personen, die sehr sportlich sind, „anders“ sind, bis hin zu Gruppierungen und Spaltungen im großen Rahmen, wie wenn das „anders“ beispielsweise alle Menschen einer anderen Glaubensrichtung sind. In dieser Rolle standen beim Holocaust die Juden. Im ersten Fall werden die „nicht sehr Sportlichen“ einen gewissen Neid gegenüber den „Sportlichen“ verspüren, allerdings hat dieser zunächst keine großen Auswirkungen. Anders ist es beim zweiten Beispiel, wo das Gruppieren, Ausgrenzen und Hetzen zu über sechs Millionen ermordeten Juden geführt hat.

„Gruppieren, Ausgrenzen und Hetzen“ kann vielfältige Formen annehmen
Die zuvor genannten Beispiele und Argumente dienten zur Verdeutlichung, dass wir alle als Menschen geboren sind und somit alle gleich wertvoll sind. Demnach sollte niemals auf das, was uns voneinander trennt, fokussiert werden, sondern auf das, was uns verbindet. Allerdings geht mit Mensch und menschlich sein auch eine gewisse Verantwortung einher, was eine zweite Facette des Menschseins eröffnet und somit dem Begriff „Mensch“ oder „menschlich“ zu sein eine weitere, mehr moralische Bedeutung verleiht. Margot Friedländer betonte in einer ihrer Reden, dass man kein Mensch sei, wenn man wegsieht.
Eine unserer wichtigsten Fähigkeiten als Menschen, ist unsere individuelle Entscheidungskraft und die Möglichkeit, differenziert über ein Thema nachdenken zu können, um zu einem informierten eigenen Schluss zu kommen. Dieses Privileg des Menschseins begegnet uns tagtäglich, so dass wir es gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Aber genau diese Fähigkeit ist es, die wir aktiv nutzen müssen, wenn wir Menschlichkeit praktizieren.
Diese Umschreibungen umfassen grob in einem kurzen Wort: unsere Moral. Tatsächlich ist dies ein Aspekt, der uns als Menschen unter allen Lebewesen so besonders macht. An dieser Stelle lässt sich auch der Philosoph Immanuel Kant einbeziehen. Nach Kant zeichnet sich der Mensch besonders durch seine Vernunft aus, die es ihm ermöglicht, moralisch zu handeln. Sein sogenannter kategorischer Imperativ besagt, dass man nur nach derjenigen Maxime handeln soll, von der man wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz wird. Außerdem betont Kant, dass der Mensch niemals nur als Mittel zum Zweck, sondern immer auch als Zweck an sich selbst behandelt werden soll. Menschlich zu sein bedeutet demnach, eigenständig zu denken und andere Menschen in ihrer Würde zu achten.

Eigenständig Nachdenkende am Rhein
Theoretisch hört sich dies sehr einfach an und es stellt sich unweigerlich die Frage, woher denn dann die ganzen durch Menschen verursachten Probleme auf der Welt kommen?
Die Lösung dazu findet sich allerdings recht schnell, wenn man sich psychologische Studien zu diesem Thema genauer anschaut. 1961 begann der amerikanische Psychologe Stanley Milgram eine Versuchsreihe, in der er etwa 2.000 Menschen unterschiedlichen Alters, Bildungsstandes und Berufsgruppen die gleiche Aufgabe stellte. Sie sollten in der Rolle eines Lehrers einer anderen Versuchsperson (VP) extrem schmerzhafte Elektroschocks, die sich von Mal zu Mal erhöhten, verabreichen, wenn diese eine falsche Antwort gegeben hatte. Den „Lehrern“ wurde von einer legitimierten Autoritätsfigur vermittelt, dass sie in den Diensten einer wichtigen Sache handelten. Das erstaunliche hierbei war, dass fast zwei Drittel der „Lehrer“ der vermeintlich anderen VP, auf Befehl der Autoritätsperson 450 Volt verabreichten. Dabei war ihnen bewusst, dass diese Stufe gleichgesetzt war mit „Schwerer Schock – Lebensgefahr“. Die „Lehrer“ widersprachen oder widersetzten sich nicht. Im Gegenteil, sie handelten sehr gehorsam entsprechend den Anweisungen der Autoritätsperson. Dieses Experiment verdeutlicht die Anfälligkeit von Menschen gegenüber starken sozialen Zwängen, die in der Situation bzw. der hierarchischen Rollenverteilung verankert sind. 
Das Milgram-Experiment: Versuchsleiter, Lehrer, Schüler
Anhand dessen lassen sich Phänomene der Nazi-Zeit erklären, in der nahezu alle Menschen in Deutschland „gehorcht“ haben und sich, wie in dem genannten Experiment, der Autoritätsperson (Hitler, andere führende Nazis) nicht widersetzten, obwohl sie wussten, dass ihr Verhalten größtmöglichen Schaden an anderen Menschen mit sich bringt. Die gewonnene Erkenntnis aus diesem Experiment ist einfacher gesagt als getan: „Denkt nach, bevor ihr einen Befehl ausführt, auch wenn dieser von einer höher gestellten Autoritätsperson kommt, und habt Mut, euch ihm zu widersetzen!“ Nur dann handeln wir nach einer unserer wichtigsten Fähigkeiten als Menschen: unserer Moral.
Ein weiteres experimentelles Beispiel, das beschreibt, wie beeinflussbar wir in unserem sozialen Verhalten sind, zeigt ein Experiment zur Dehumanisierung (Bandura, Underwood & Fromson, 1975). Es basiert auf einem ähnlichen Bestrafungssystem bei Fehlern per Elektroschock, ausgehend von den VP (Intensität von eins bis acht). Allerdings liegt der Unterschied in den verschiedenen Ausgangssituationen, in denen sich die VP befanden. Der ersten Gruppe wurden die Studenten als aufmerksam und verständig beschrieben, der zweiten Gruppe als eine primitive verdorbene Bande und der dritten Gruppe wurden die Studenten weder positiv noch negativ beschrieben.
Erschreckend war das Ergebnis dieses Experiments, denn die „humanisierte“ Gruppe wurde in 10 Durchgängen nie viel höher als mit der Intensität drei bestraft. Zwar wurde die dehumanisierte Gruppe beim ersten Durchgang noch mit der Intensität 2 bestraft, doch in den nächsten neun Durchläufen lag dieser Wert stets über 5 und stieg sogar einmalig auf 7,5. Die Intensität der Schocks bei der Kontrollgruppe lag etwa zwischen den Werten der ersten und der zweiten Gruppe. Die Erkenntnis dieses Versuches zeigt, wie leicht Menschen nur durch eine gezielte Aussage beeinflussbar sind und wie schnell eine Menschengruppe höher gestellt wird, somit als „wertvoller“ gesehen wird und letztlich besser behandelt wird, oder genau das Gegenteil, dass eine Gruppe komplett dehumanisierend und deutlich schlechter behandelt wird.
Meiner Meinung nach wird das Problem „Mensch“ oder „menschlich“ zu sein immer größer, da das Verantwortungsbewusstsein im Allgemeinen immer geringer wird, höchst wahrscheinlich bedingt durch den zunehmenden Konsum sozialer Netzwerke. Dadurch, dass der Menschen in Deutschland durchschnittlich etwa sechs Stunden 57 Minuten am Bildschirm verbringen, sinkt die Realitätswahrnehmung. Aufgrund dessen, dass soziale Netzwerke mehr der Unterhaltung dienen, kommt es somit zu weniger Konfrontation mit der realen Welt und mehr Ablenkung in der digitalen Welt. Während der Mensch zufrieden alleine vor dem Bildschirm sitzt und sich stundenlang mit der virtuellen Welt beschäftigt (begleitet von stetigen Dopamin-Schüben), wird er daran gehindert, sich mit realen Themen zu beschäftigen und mit anderen diese zu reflektieren, um aktiv Lösungen für Probleme zu finden. Besonders besorgniserregend hierbei ist, dass die Bildschirmzeit in den letzten Jahren exponentiell gestiegen ist und nun für Jugendliche und junge Erwachsene, welche die Generation mit der meisten Bildschirmzeit ist, bereits bei etwa sieben Stunden pro Tag liegt. Dies ist die Zeit, die verloren geht für die Entwicklung menschlicher und moralischer Kompetenzen. Stattdessen werden junge Menschen mit destruktiven und hetzenden Inhalten, die sich auf den sozialen Medien besonders schnell ausbreiten, konfrontiert.

Junger Mann, fest im Griff der sogenannten Sozialen Medien
Allerdings hängt die moralische Erziehung und somit auch die menschliche, stark von der Bildung und auch dem sozialen Rahmen ab, in dem Menschen aufwachsen und sich aufhalten. Diese Unterschiede nehmen in den letzten Jahren immer stärker zu. Folglich ist es umso wichtiger, dass aktiv dagegen vorgegangen wird, dass die moralische Erziehung so stark von dem sozialen Rahmen und auch dem Bildungsgrad abhängig ist.
Vor dem Hintergrund der Sozialpsychologie müssen wir uns vergegenwärtigen, dass diese abnehmende Konfrontation und stärkere Schere zwischen höherer und niedrigerer Bildung und somit der moralischen Erziehung einen sehr schädigenden Charakter für unsere Gesellschaft haben kann, insbesondere bezogen auf die aktuellen Kriege. Obwohl sich Menschen zunehmend mit Themen wie Kriegen online beschäftigen, herrscht paradoxerweise ein abnehmender Tatendrang in der realen Welt etwas dagegen zu tun. Zwar werden Videos mit erschreckenden Szenen, beispielsweise von Kriegen, oft geteilt und gehen somit viral, aber nahezu niemand zieht für sich aktiv im realen Leben Konsequenzen, etwas dagegen zu tun. Für die meisten Individuen ist mit dem Teilen eines Videos, dem Schreiben eines Kommentars oder durch die Verbreitung einer schlimmen Information, der moralische Auftrag erledigt und ihr Gewissen erleichtert, da sie ja etwas getan haben.
Aber nun zurück zu den ursprünglichen Fragen: Was bedeutet „menschlich“ oder „Mensch“ sein nun? Meiner Meinung nach ist jeder Mensch ein Mensch, aber um menschlich zu sein, bedarf es mehr. Es ist vergleichbar mit dem Phänomen der Liebe oder einer Beziehung. Hierbei muss man aktiv dafür etwas tun, sich dafür entscheiden und sich dafür einsetzen. Genau dieses Prinzip lässt sich auch auf das Menschlichsein anwenden. Menschlich sein erfordert aktives Einstehen und Sich-Einsetzen für andere, eventuell bedürftige Menschen. Menschlich sein bedeutet nicht, alles und jedem zu folgen, sondern selber mitzudenken und auch für seine Meinung einzustehen. Kurz umschrieben, bedeutet menschlich zu sein, sich für Menschen- und Nächstenliebe einzusetzen. Jeder, der menschlich ist, ist automatisch Mensch, aber nicht jeder, der Mensch ist, ist menschlich, denn um menschlich zu sein, bedarf es eines aktiven prosozialen Verhaltens und Handelns, beruhend auf der Nächstenliebe.
1 Vgl. Deutschland Funk Kultur: „Ursprung der Gemeinschaft“, unter: https://www.deutschlandfunk.de/ursprung-der-gemeinschaft-100.html (abgerufen: 11.02.2026, 19:59)
2 Vgl. Universität Siegen: „Imperativ, kategorischer“, unter https://www.uni-siegen.de/files/default/media/documents/2026-01/imperativ_kategorischer.pdf(abgerufen: 12.02.2026), 22:49)
3 Vgl. Stroebe, Hewstone, Codol, Stephenson: Sozialspsychologie 2. Auflage. Berlin Heidelberg (1990, 1992), S.401 ff.
4 Vgl. Zimbardo: Psychologie 6. Auflage. Berlin Heidelberg (1974, 1975, 1978, 1983, 1992, 1995), S. 714 ff.
5 Vgl. Forum Medienbildung: „Aktueller Überblick über Studien zur Screentime-Nutzung“unter https://medienbildung.at/aktuelles/aktueller-uberblick-uber-studien-zur-screentime-nutzung/(abgerufen: 11.02.2026, 20:09)
Ich versichere, dass ich die Arbeit selbständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe.
3. Preis
Anas Tarek (2. Semester):
Trotz allem an Würde, Empathie und Verantwortung festhalten!
Abstract: Anas geht von neurologischen Befunden aus, denen zufolge wir Gehirnstrukturen besitzen, die uns „Planung, moralisches Abwägen und Impulskontrolle ermöglichen“. Zwischen Impuls und Handlung liege ein Moment des Denkens, in dem vermutlich „der Kern der Menschlichkeit“ bestehe. Nur so konnte Victor Frankl noch im Konzentrationslager „Ja zum Leben sagen“. Daher reiche für eine humane Haltung Empathie allein nicht aus. Es bedürfe genauso auch Selbstdisziplin, um kurzfristige Vorteile zugunsten langfristiger Werte aufzugeben. Friedländers „Seid Menschen“ bedeute schließlich immer noch: „Erkennt den Anderen als Teil eurer eigenen Menschlichkeit an!“
„Seid Menschen.“ Dieser Satz von Margot Friedländer wirkt auf den ersten Blick fast zu einfach für eine so große Frage wie: Was bedeutet es, Mensch oder menschlich zu sein? Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, dass genau diese Einfachheit täuscht. Denn biologisch gesehen sind wir alle Menschen. Wir gehören zur Spezies Homo sapiens, wir haben ein hochentwickeltes Gehirn, Sprache, Bewusstsein. Doch Margot Friedländer sagt nicht: „Ihr seid Menschen.“ Sie sagt: „Seid Menschen.“
Das ist ein Unterschied. Es ist eine Aufforderung. Und eine Aufforderung braucht man nur, wenn etwas nicht selbstverständlich ist.
Margot Friedländer hat den Holocaust überlebt. Sie hat erlebt, wie Menschen systematisch andere Menschen entrechtet, entwürdigt und ermordet haben. Wenn jemand mit dieser Erfahrung am Ende ihres Lebens nicht von Hass spricht, sondern nur sagt „Seid Menschen“, dann steckt darin eine enorme moralische Tiefe. Es klingt fast wie das Minimum – aber vielleicht ist genau dieses Minimum das Schwierigste.
Im Neurowissenschaftsunterricht haben wir gelernt, dass der Mensch in seinem Gehirn Strukturen besitzt, die Selbstkontrolle und Reflexion ermöglichen. Der präfrontale Cortex ist unter anderem für Planung, moralisches Abwägen und Impulskontrolle zuständig. Das bedeutet: Zwischen einem Impuls und einer Handlung liegt ein Moment des Denkens. Und genau dieser Moment interessiert mich. Vielleicht liegt in ihm der Kern der Menschlichkeit. Ein Tier folgt größtenteils seinen Instinkten. Ein Mensch kann seine Impulse hinterfragen. Wenn ich wütend bin, kann ich trotzdem entscheiden, nicht zu schreien.

Gehirnareale, die am moralischen Netzwerk beteiligt sind
Wenn ich Vorteile hätte, jemanden auszunutzen, kann ich mich dagegen entscheiden. Diese Fähigkeit ist nicht immer leicht umzusetzen, aber sie existiert. Und sie bringt Verantwortung mit sich. Menschlichkeit bedeutet also vielleicht nicht nur fühlen zu können, sondern bewusst entscheiden zu können. Viktor Frankl beschreibt in „…trotzdem Ja zum Leben sagen“, dass selbst im Konzentrationslager eine letzte Freiheit blieb: die Freiheit zur inneren Haltung. Dieser Gedanke beschäftigt mich besonders. Wenn selbst in extremen Situationen ein Rest von Entscheidung bleibt, dann bedeutet das, dass Menschlichkeit nicht vollständig von äußeren Umständen abhängig ist. Natürlich prägen uns Erfahrungen. Niemand ist völlig frei von Einflüssen. Aber wir sind auch nicht nur Opfer unserer Umgebung. Wir haben die Möglichkeit, Stellung zu beziehen.
Gleichzeitig macht genau das die Sache schwieriger. Wenn wir wählen können, tragen wir auch Verantwortung für unser Nicht-Handeln. Oft denkt man bei Unmenschlichkeit an große Verbrechen. Aber vielleicht beginnt sie viel früher – im Schweigen, im Wegschauen, im Gleichgültigsein. Manchmal ist es bequemer, nichts zu sagen. Und genau dort entscheidet sich vielleicht, wie menschlich man wirklich ist.
Ich habe für mich gemerkt, dass Menschlichkeit oft im Alltag sichtbar wird. Zum Beispiel wenn jemand in einer Gruppe ausgeschlossen wird. Sage ich etwas? Oder denke ich mir, dass es nicht meine Aufgabe ist? In solchen Situationen spürt man innerlich diesen kleinen Konflikt. Und dieser Konflikt zeigt vielleicht, dass wir moralische Wesen sind. Wir merken, wenn etwas nicht stimmt. Aber ob wir handeln, ist eine andere Frage.
Der Philosoph Martin Buber spricht in „Ich und Du“ davon, dass echte Begegnung nur entsteht, wenn wir dem anderen als „Du“ begegnen. Das bedeutet: Ich sehe ihn nicht als Objekt, nicht als Mittel für meine Zwecke, sondern als eigenständige Person mit Würde. Wenn ich ehrlich bin, gelingt mir das nicht immer. Oft denkt man zuerst an sich selbst. Man bewertet Menschen nach Nutzen oder Sympathie. Aber Menschlichkeit beginnt vielleicht genau da, wo man diesen Automatismus unterbricht. Interessant ist auch, dass Menschen zu extremem Mitgefühl fähig sind – und gleichzeitig zu extremer Grausamkeit. Diese Gegensätzlichkeit macht die Frage kompliziert. Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse? Wahrscheinlich weder noch. Vielleicht ist er vor allem frei. Und diese Freiheit ist offen für beides.

Professor Martin Buber (1963)
Die Geschichte zeigt, dass hochgebildete Gesellschaften unmenschliche Systeme hervorbringen können. Intelligenz schützt also nicht automatisch vor moralischem Versagen. Das bedeutet, dass Menschlichkeit nicht nur Wissen ist. Sie ist auch Haltung. Und Haltung entsteht durch Reflexion, durch Erziehung, durch persönliche Auseinandersetzung.
Ich glaube auch, dass unsere Verletzlichkeit eine wichtige Rolle spielt. Jeder Mensch kennt Angst, Unsicherheit, Traurigkeit. Niemand ist vollkommen unverwundbar. Vielleicht liegt in dieser gemeinsamen Zerbrechlichkeit der Ursprung von Empathie. Wenn ich weiß, wie sich Schmerz anfühlt, kann ich zumindest versuchen zu verstehen, was ein anderer empfindet. Menschlichkeit bedeutet dann, diese Erkenntnis ernst zu nehmen.
Gleichzeitig reicht Empathie allein nicht. Manchmal weiß man, dass etwas falsch ist, und tut es trotzdem. Deshalb gehört zur Menschlichkeit auch Selbstdisziplin. Die Bereitschaft, kurzfristige Vorteile zugunsten langfristiger Werte aufzugeben. Das ist nicht immer angenehm. Oft bedeutet es, auf etwas zu verzichten oder Konflikte einzugehen.
Ein weiterer Aspekt ist die Sinnfrage. Menschen fragen nicht nur „Wie funktioniert etwas?“, sondern auch „Warum existiere ich?“ oder „Was ist gerecht?“ Diese Fragen zeigen, dass Menschsein mehr ist als Überleben. Wir suchen Bedeutung. Und vielleicht entsteht Menschlichkeit genau aus dieser Suche nach einem guten Leben – nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere. Margot Friedländers Worte erinnern mich daran, dass Menschlichkeit keine Garantie ist. Sie kann verloren gehen. Geschichte und Gegenwart zeigen das deutlich. Aber sie kann auch immer wieder neu entstehen. In kleinen Gesten genauso wie in großen Entscheidungen.
Vielleicht ist das Menschliche nicht das Perfekte, sondern das Bemühte. Nicht der fehlerlose Mensch, sondern der, der versucht, aus Fehlern zu lernen. Menschlichkeit bedeutet vielleicht auch, sich selbst kritisch zu hinterfragen. Sich zu fragen: Habe ich heute fair gehandelt? Habe ich jemanden verletzt? Kann ich es morgen besser machen?
Ich glaube, dass Menschsein eine Tatsache ist. Menschlichkeit ist eine Aufgabe. Sie entsteht nicht automatisch mit der Geburt. Sie entwickelt sich – durch Erfahrungen, durch Vorbilder, durch bewusste Entscheidungen. Wenn ich an Margot Friedländer denke, beeindruckt mich vor allem, dass sie nach allem Erlebten nicht aufgibt, an Menschlichkeit zu glauben. Ihr Satz „Seid Menschen“ ist keine naive Hoffnung, sondern eine bewusste Entscheidung. Sie weiß, wozu Menschen fähig sind. Und trotzdem fordert sie uns auf, es besser zu machen.
Vielleicht liegt genau darin die tiefste Bedeutung von Menschlichkeit: trotz allem an Würde, Empathie und Verantwortung festzuhalten. Nicht weil es einfach ist, sondern weil es notwendig ist. Am Ende bleibt die Frage offen. Vielleicht wird sie nie vollständig beantwortet. Aber vielleicht ist genau das typisch menschlich – dass wir weiterfragen, weiterdenken, weiter zweifeln. Mensch sein bedeutet zu existieren. Menschlich sein bedeutet, Verantwortung für diese Existenz zu übernehmen. Und vielleicht entscheidet sich jeden Tag neu, ob wir diesem Anspruch gerecht werden.
Wenn ich noch weiter darüber nachdenke, merke ich, dass Menschlichkeit auch viel mit Unsicherheit zu tun hat. Tiere zweifeln nicht an sich selbst. Sie stellen ihre Existenz nicht infrage. Der Mensch dagegen lebt mit Fragen. War meine Entscheidung richtig? Habe ich jemanden verletzt? Was ist gerecht? Diese ständige Selbstbefragung kann anstrengend sein, aber vielleicht ist sie auch ein Zeichen von Reife. Menschlich zu sein bedeutet dann nicht, immer sicher zu sein, sondern bereit zu sein, Unsicherheit auszuhalten.
Gerade in unserer heutigen Zeit scheint Menschlichkeit manchmal unter Druck zu geraten. In sozialen Medien werden Menschen schnell beurteilt, kritisiert oder „abgesagt“. Oft vergisst man, dass hinter jedem Profil ein echtes Leben steht. Es ist leichter, hart zu urteilen, wenn man die Reaktion des anderen nicht direkt sieht. Vielleicht zeigt sich hier eine neue Herausforderung für Menschlichkeit: Wie bleiben wir einfühlsam in einer Welt, in der Distanz vieles anonym macht?
Ich frage mich auch, ob Menschlichkeit etwas mit Zeit zu tun hat. Menschlich zu handeln braucht oft mehr Zeit als egoistisch zu handeln. Zuhören dauert länger als ignorieren. Verzeihen dauert länger als nachtragend zu sein. Reflektieren dauert länger als impulsiv zu reagieren. In einer Welt, in der alles schneller wird, könnte Menschlichkeit fast wie ein Widerstand wirken, ein bewusstes Langsamer Werden.

Monument to Humanity by Mehmet Aksoy in Kars, Turkey
Ein weiterer Gedanke, der mich beschäftigt, ist der Zusammenhang zwischen Freiheit und Grenzen. Wir Menschen streben nach Freiheit. Doch absolute Freiheit ohne Rücksicht auf andere würde schnell ins Chaos führen. Deshalb bedeutet Menschlichkeit vielleicht auch, die eigene Freiheit freiwillig zu begrenzen. Nicht alles, was ich tun kann, sollte ich tun. Diese Einsicht ist nicht selbstverständlich. Sie verlangt Reife und Selbstkontrolle.
Außerdem glaube ich, dass Menschlichkeit eng mit Würde verbunden ist. Die Menschenwürde gilt als unantastbar, zumindest in unserer Verfassung. Aber sie ist nur dann mehr als ein Wort, wenn wir sie im Alltag ernst nehmen. Würde bedeutet, jemanden nicht zu erniedrigen, nicht bloßzustellen, nicht als Mittel zu benutzen. Das klingt einfach, ist aber im Alltag oft schwieriger als gedacht. Besonders dann, wenn man selbst wütend oder enttäuscht ist.
Vielleicht ist es auch wichtig zu akzeptieren, dass Menschlichkeit nicht bedeutet, immer stark zu sein. Manchmal zeigt sie sich gerade in der Schwäche. In der Fähigkeit, um Hilfe zu bitten. In der Ehrlichkeit zu sagen: „Ich habe einen Fehler gemacht.“ Das fällt vielen Menschen schwer, weil man Schwäche oft mit Wertlosigkeit verwechselt. Aber eigentlich zeigt gerade das Eingeständnis von Fehlern eine gewisse Größe.
Wenn ich alles zusammendenke, sehe ich Menschlichkeit als eine Art Balance: zwischen Gefühl und Vernunft, zwischen Freiheit und Verantwortung, zwischen Individualität und Gemeinschaft. Der Mensch ist kein isoliertes Wesen. Wir leben immer in Beziehungen. Und genau in diesen Beziehungen zeigt sich, wie menschlich wir wirklich sind.
Margot Friedländers Worte bekommen dadurch noch eine tiefere Bedeutung. „Seid Menschen“ heißt vielleicht auch: Erkennt den anderen als Teil eurer eigenen Menschlichkeit an. Was ich einem anderen antue, betrifft letztlich auch mich selbst, weil wir Teil derselben menschlichen Gemeinschaft sind.
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis für mich, dass Menschlichkeit nie abgeschlossen ist. Sie ist kein Ziel, das man einmal erreicht und dann abhakt. Sie ist eher eine tägliche Entscheidung. Manchmal gelingt sie besser, manchmal schlechter. Aber sie bleibt eine Aufgabe. Und vielleicht liegt genau darin die Hoffnung. Wenn Menschlichkeit keine feste Eigenschaft ist, sondern eine Entscheidung, dann kann sie auch immer wieder neu gewählt werden. Auch nach Fehlern. Auch nach dunklen Zeiten.
Mensch zu sein bedeutet, die Fähigkeit zur Menschlichkeit in sich zu tragen. Menschlich zu sein bedeutet, diese Fähigkeit bewusst zu leben. Und vielleicht ist genau dieses bewusste Leben die größte Verantwortung – und zugleich die größte Chance – die wir als Menschen haben.
Literaturangaben
Frankl, Viktor E.: …trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das
Konzentrationslager. 27. Auflage. München: Kösel-Verlag, 2015 (Originalausgabe
1946).
Buber, Martin: Ich und Du. Stuttgart: Reclam, 1995 (Originalausgabe 1923).
Zur sprachlichen Überarbeitung (Grammatik und Rechtschreibung) habe ich
ChatGPT unterstützend genutzt.
Förderpreis
Raneem Hachim (10. Jahrgang):
Menschlichkeit zwingt uns immer wieder zur Selbstüberprüfung
Abstract: Raneem interpretiert Menschlichkeit ganz im Sinne der Philosophie des Aufklärers Immanuel Kant: Menschsein geht über bloßes Existieren hinaus, weil es bedeutet, moralisch zu sein. „Versuche, dein Leben zu machen“, die letzten Worte, die Margot Friedländer von ihrer Mutter hörte, lassen sich mit Kants „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ parallelisieren: Wiederhole erlittenes Unrecht nicht, sondern mache es besser! Historische Erfahrungen können uns helfen, sensibler auf unmenschliches Mobbing oder Notsituationen zu reagieren. Immer vorausgesetzt, wir sind bereit, aus Fehlern zu lernen und auf Andere zuzugehen.
Was bedeutet es, Mensch oder menschlich zu sein? Diese Frage ist nicht nur philosophisch, sondern auch historisch und gesellschaftlich von großer Bedeutung. Ein sehr starkes Zeichen hat Margot Friedländer gesetzt, oft mit dem Appell: „Seid Menschen.“ Doch was genau heißt das eigentlich? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf ihre Geschichte, in der sie unmenschlich behandelt wurde und viele diskriminierende und antisemitische Aussagen ertragen musste. Man erkennt deutlich, dass ihr und allen Juden großes Unrecht angetan wurde. Ihre Aufforderung soll dazu beitragen, dass das, was passiert ist, sich nicht wiederholt und auch nicht vergessen wird. Menschen wurden ermordet, nicht nur ein paar, sondern viele Millionen (siehe unten USHMM).
Mein Text geht von der These aus, dass Menschsein mehr als bloße Existenz ist. Menschlich zu sein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, besonders dort, wo Wegsehen einfacher wäre.

Menschlichkeit zeigt sich vor allem dort, wo es weh tut zu helfen, z.B. nach Naturkatastrophen
Margot Friedländer nahm sich als Holocaust-Überlebende den Mut zusammen und hat sich den Spruch ihrer Mutter „Versuche, dein Leben zu machen“ zu Herzen genommen. Vor allem nach der Entmenschlichung im Nationalsozialismus kam sie zurück und zeigte ihre Menschlichkeit trotz Verfolgung. Damit machte sie deutlich, dass ihr etwas widerfahren ist, das nie wieder geschehen darf, und dass es an uns liegt, menschlich zu bleiben. Gerade weil sie selbst Opfer war, ist ihr Handeln ein starkes Zeichen.
Ihr Spruch „Es gibt kein christliches, muslimisches, jüdisches Blut. Nur menschliches“ (BZ-Artikel, 2023) zeigt, dass Menschlichkeit keine Selbstverständlichkeit ist. Sie zeigt sich im Erinnern, im gegenseitigen Lieben und im Ernstnehmen anderer Menschen. In diesem Zusammenhang bedeutet heutige Menschlichkeit, Verantwortung für andere zu übernehmen, auch dann, wenn man selbst Unrecht erlebt hat. Denn Menschlichkeit zeigt sich nicht darin, Leid vollständig zu vermeiden, sondern darin, trotz Leid und Schmerz moralisch zu handeln. Genau das macht Margot Friedländer zu einem moralischen Zeichen.
Auch aus philosophischer Sicht lässt sich Menschlichkeit begründen. Nach Immanuel Kant besitzt jeder Mensch eine unveräußerliche Würde, weil der Mensch ein vernünftiges Wesen ist. Der Mensch ist Zweck an sich selbst und darf niemals nur als Mittel zum Zweck benutzt werden (Kant, 1785). Menschlich handelt man demnach, indem man die Würde anderer achtet und niemanden ausnutzt oder abwertet. Diese Vorstellung von Menschlichkeit passt zu dem, wofür Margot Friedländer steht.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Wegsehen. Bereits in der Schule, zum Beispiel bei Mobbingfällen, lernen wir früh, dass man Courage zeigen und sich einmischen sollte. Wegsehen macht deutlich, dass Untätigkeit moralisch problematisch ist und schwerwiegende Folgen haben kann. Beim Mobbing verliert nicht nur der Täter Menschlichkeit, sondern auch der Mitläufer. Ein historisches Beispiel dafür ist Hans Carossa: Er war kein direkter Täter des Nationalsozialismus, leistete jedoch keinen Widerstand und wurde so zum Mitläufer. Die entscheidende Frage bleibt: Wie viel Menschlichkeit muss ein Mensch verlieren, um an den Punkt zu gelangen, an dem er nicht mehr dafür einsteht, dass ein Verhalten moralisch falsch ist?

Der Nazi Adolf Eichmann während seines Prozesses in Jerusalem
Man könnte einwenden, dass nicht jeder Mensch immer den Mut oder die Kraft hat, einzugreifen. Doch genau hier zeigt sich, wie anspruchsvoll Menschlichkeit ist: Sie verlangt nicht Perfektion, sondern das Bemühen, moralische Grenzen nicht zu verschieben, selbst unter schwierigen Umständen.
Mensch sein bedeutet außerdem, andere zu lieben, sich um sie zu kümmern und sich bewusst zu machen, dass das eigene Handeln immer Auswirkungen auf andere Menschen hat, egal, ob es sich um moralisch gutes oder unmoralisches Handeln handelt. In beiden Fällen betrifft es Menschen um uns herum. Menschlich sein kann sich auch in kleinen Gesten zeigen, zum Beispiel jemandem Schokolade anzubieten oder den Mut aufzubringen zu fragen, ob jemand etwas braucht. Ebenso bedeutet Menschsein, einander zu unterstützen, selbst wenn man unterschiedliche Ziele verfolgt oder selbst Hilfe nötig hat.
Dabei ist es wichtig, zwischen Menschsein und Menschlichkeit zu unterscheiden. Menschsein ist eine Tatsache: Man wird als Mensch geboren. Menschlichkeit hingegen zeigt sich erst im Handeln und in der Verantwortung für andere. Sie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Entscheidung. Menschsein ist nicht nur die biologische Existenz, sondern vor allem das Handeln, das uns zu Menschen macht. Fehler gehören dazu. Man kann aus ihnen lernen, seine Grenzen erkennen und merken, wann es zu weit geht. Gleichzeitig bedeutet Menschsein auch, zu wissen, wann man eine Grenze überschreitet, und daraus Konsequenzen zu ziehen.
Aus diesem Grund ist die Frage nach dem Menschsein besonders wichtig. Menschsein heißt auch, offen für neue Erkenntnisse zu bleiben und zu akzeptieren, dass wir alle zum ersten Mal leben. Menschsein bedeutet, sich selbst und anderen zu verzeihen, unterschiedliche Ansichten auszuhalten und Emotionen zuzulassen. Niemand ist perfekt, und doch streben wir danach, menschlich zu handeln und aus unserem Leben zu lernen. Menschsein bedeutet nicht automatisch Menschlichkeit, sondern die Verantwortung und Fähigkeit, sich bewusst für menschliches Handeln zu entscheiden.Vielleicht ist Menschlichkeit gerade deshalb so schwer, und genau deshalb wertvoll, weil sie uns immer wieder zwingt, uns selbst und unsere Entscheidungen kritisch zu prüfen.

Menschlichkeit im Alltag
Ein weiterer Punkt ist, dass Menschlichkeit sich zu einem moralischen Wert entwickelt hat. Menschen helfen anderen, weil sie deren Gefühle nachvollziehen können oder Verantwortung füreinander übernehmen. Ohne Menschlichkeit wären wir als Gesellschaft nicht so weit, wie wir heute sind. Dass unsere Schule nach Margot Friedländer benannt wurde, zeigt genau das. Sie hat Menschlichkeit nicht nur durch ihre Rückkehr gezeigt, sondern auch durch ihre Worte:
„Ich bin gekommen,
um euch die Hand zu reichen.
Ich tue es für euch.
Seid Menschen.“
Diesen Gedanken hat sie weitergetragen und verinnerlicht, und genau das macht ihr Handeln so bedeutend.
Auch in der heutigen Welt sehe ich Fortschritte: Menschlichkeit hat in vielen Bereichen zugenommen, vor allem, weil wir zunehmend erkennen, wenn Verhalten unmenschlich ist. Historische Erfahrungen helfen uns, sensibel für unser Miteinander zu sein und unmenschliches Verhalten schneller zu hinterfragen. Menschlichkeit zeigt sich in alltäglichen Situationen und kleinen Gesten, aber auch darin, dass wir unsere Gefühle und Gedanken frei äußern können und die Perspektiven anderer respektieren.
Möglichkeiten, uns auf menschliche Weise selbst zu verwirklichen, liegen für mich darin, aufmerksam zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und das eigene Handeln immer wieder zu reflektieren. Menschsein bedeutet nicht, perfekt zu sein, sondern bereit zu sein, aus Fehlern zu lernen, auf andere zuzugehen und bewusst menschlich zu handeln. Gerade diese Bereitschaft macht Menschlichkeit möglich.
Erklärung
Ich versichere, dass ich diese Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen, einschließlich KI, benutzt habe.
Quellen
Offline/gedruckt:
- Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
- Friedländer, Margot: Versuche, dein Leben zu machen
- Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft
- Margot Friedländer Stiftung, Berlin
Online/Allgemein:
- BZ-Artikel: „Es gibt kein christliches, muslimisches, jüdisches Blut – nur menschliches“, 2023, https://www.bz-berlin.de/deutschland/friedlaender-es-gibt-kein-christliches-muslimisches-juedisches-blut-nur-menschliches
- Chatgpt hat Rechtschreibung korrigiert
- US Holocaust Memorial Museum (USHMM), https://www.ushmm.org
„Seid Menschen!“
Margot Friedländer (05.11.1921 – 09.05.2025)
Foto: M. Heun
15. HCG-Philo-Wettbewerb 2025/26
Erwünscht ist eine philosophische Reflexion zu der Frage:
Was bedeutet es, Mensch oder menschlich zu sein?
Liebe Schülerinnen und Schüler,
der am 17.11.2011 erstmalig ausgeschriebene „HCG-Philo“-Wettbewerb möchte Themen, Reflexionsformen und Produktarten fördern, die im Lehrplan des Philosophie-Unterrichts nicht oder selten vorkommen, dennoch von philosophischer Bedeutung sind. So werden bevorzugt Themen gestellt, die entweder sehr aktuell sind oder im Interessenhorizont vieler Schüler*innen liegt. Zu erstellende Produktarten sollen nicht die im Regelunterricht geforderten Standardformen von Interpretation und Erörterung sein, sondern freiere Formen, etwa Kritik, Kommentar, Essay, Entgegnung, Dialog, Meditation, Brief, E-Mail, Blog, Gutachten, Bildreflexion etc. Das Thema wird jährlich geändert.
In jedem Fall aber soll die euch gestellte Aufgabe mit den Mitteln philosophischer Reflexion bearbeitet werden. Darin liegt ein direkter Unterrichtsbezug, aber z.B. auch die Chance, Gelerntes auf ein lebensnahes Phänomen anzuwenden, ein mögliches Thema für die 5. PK im Abitur vorzubereiten oder eine Studienarbeit im informationstechnischen Format zu erproben.
Buchpreise werden dankenswerterweise vom Förderverein des HCG gestiftet.
Ausschreibungstermin war bisher immer der UNESCO-Welttag der Philosophie, zu dem 2002 der dritte Donnerstag im November erklärt wurde. Ab 2026 wird der Starttermin der 05. November (Geburtstag Margot Friedländers) sein. Einsendeschluss ist immer der 12. Februar, Kants Todestag. Dieser Zeitraum hat für euch den Vorteil, dass er erstens die Weihnachtsferien, meistens auch die Winterferien, einbezieht, und zweitens für die Abiturient*innen noch nicht zu spät liegt.
Die Bekanntgabe und Veröffentlichung des Gewinner*innen-Produkts erfolgt am 22. April 2026, Kants 302. Geburtstag. Urkunden und Preise werden dann zum Schuljahresende, für die Abiturienten auf der Abschlussfeier, überreicht.
Ausschreibung des Themas und Sichtung eingegangener Arbeiten liegt in meinen Händen, die Bewertung erfolgt per Mehrheitsentscheidung durch die Philosophie-Lehrer*innen.
Unsere bisherigen Themen waren: 1. „Die Internet-Welt“ (2011/12); 2. „Die Liebenden“ (2012/13); 3. „Alle Menschen sind Philosophen“ (2013/14); 4. „Was ist ein guter Mensch?“ (2014/15); 5. „Gibt es ein richtiges Leben im falschen?“ (2015/16); 6. „Was ist Schönheit?“ (2016/17); 7. „Schulische Werte“ (2017/18); 8. „Selbsterkenntnis“ (2018/19); 9. „Der Sinn des Lebens“ (2019/20); 10. „Wie frei sind wir wirklich?“ (2020/21); 11. „Das Geld“ (2021/22); 12. „Die Klimakrise“ (2022/23); 13. „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“ (2023/24); 14. „Gibt es auf der Welt einen absoluten moralischen Maßstab?“ (2024/25); 15. „Was bedeutet es, Mensch oder menschlich zu sein?“ (2025/26).
So, und hier ist nun eure Aufgabe für den 15. HCG-Philo-Wettbewerb 2025/26:
Schreibe einen philosophischen Essay oder einen anderen philosophischen Beitrag zum Thema: „Was bedeutet es, Mensch oder menschlich zu sein?“
Erläuterung: Gewünscht ist eine philosophische Reflexion über diese Frage. Menschen können bekanntlich sehr vieles sein: brutale Monster ebenso wie Helden der Humanität. Was meinte denn eigentlich die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, als sie euch bei ihren Besuchen in unserer Schule immer wieder ermahnt hat: „Seid Menschen!“? Doch wohl nicht: „Seid höflich, nett und freundlich zueinander!“ Das ist zwar schön, aber das können wir nicht immer sein und das müssen wir ja auch nicht. Aber was genau sollen wir denn unbedingt und immer sein? Was so einfach, fast selbstverständlich klingt, erweist sich bei näherer Betrachtung als durchaus komplex.
Wir Philosoph*innen beantworten solche Fragen meistens im Rahmen der „Ethik“ (Lehre von Gut und Böse) oder der „Anthropologie“ (Lehre vom Menschen). Und wir beantworten sie durchaus verschieden: So sind wir hier rationale, vernünftige oder soziale Wesen, dort sprechende, kreative oder bedürftige Wesen, und wieder woanders werden wir als das gefräßigste und gewalttätigste Tier überhaupt bezeichnet. Was davon ist nun richtig? Aber noch einmal: Ist dies alles überhaupt ausschlaggebend dafür, ein „Mensch“ oder „menschlich“ zu sein? Wenn nicht, was dann? Müssen wir vielleicht doch wenigstens unterscheiden zwischen dem, was wir tatsächlich sind und dem, was wir sein sollen oder auch sein wollen?
Oder weiß es Mozart vielleicht viel besser, wenn er Sarastro in der „Zauberflöte“ singen lässt: „In diesen heil’gen Mauern, wo Mensch den Menschen liebt, kann kein Verräter lauern, weil man dem Feind vergibt. Wen solche Lehren nicht erfreun, verdienet nicht, ein Mensch zu sein“?
Fragen über Fragen, ganz grundsätzlicher Art! Die eine oder andere davon könntest du in deinem Beitrag begründend beantworten.
Auf jeden Fall bin ich gespannt, wie du das Thema angehst: Klassisch-ethisch, anthropologisch, sprachphilosophisch, naturphilosophisch, technikphilosophisch, wissenschaftsphilosophisch, gesellschafts-, staats-, religions- oder neuro-philosophisch.
Wie beurteilst du unser Menschsein und unsere Menschlichkeit in der Welt? Welche Möglichkeiten, uns auf menschliche Weise selbst zu verwirklichen, könnten wir haben? Du sollst „frei“ und auch mit persönlichen Bewertungen über die Frage nachdenken. Philosophisch wird dein Text dadurch, dass du das Thema in grundsätzlichen Gedanken, Argumenten oder Betrachtungen reflektierst, die zur Orientierung im Leben beitragen können. (Philosophieren heißt nach Kant, sich in Grundfragen des Denkens, Lebens und Handelns zu orientieren.) Solltest du für deine Arbeit eine KI, z.B. Chat GPT oder ein ähnliches Programm benutzen, musst du genau angeben, welche Anteile damit erstellt wurden. Außerdem sollen mindestens 2 Offline-Quellen (Bücher, Zeitschriften oder Zeitungs-Aufsätze) verwendet werden.
Hier noch ein Wunsch: Vermeide, wenn eben möglich, die aufgeplusterten Begriffe „Respekt“, „Wertschätzung“ oder „Vertrauen“, die zwar immer gut gemeint, aber selten vorteilhaft verwendet werden: meistens dienen sie nur zum Schmuck des Textes, sagen aber inhaltlich gar nichts Genaues aus!
Dein Text soll maximal 4 Computer geschriebene Seiten umfassen, Schrift-Format z.B. Times New Roman, Größe 12, ca. 3 Zentimeter Rand, einzeilig. Im Kopf der Arbeit sind der volle Name und die Jahrgangs-Stufe anzugeben; am Ende des Essays soll die Erklärung stehen: Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe.
Sende deinen Text bitte in einem Word- oder Pages-Format abgespeichert an:
ulrich.mueller@schule.berlin.de
(Du kannst deine Textdatei aber auch über die Microsoft-Teams-Plattform einreichen.)
Die Bewertungskriterien für eingesandte Texte sind:
1. Themabezogenheit
2. Philosophisch-begriffliches (nicht nur fachwissenschaftliches) Verständnis des Themas
3. Argumentative Überzeugungskraft
4. Stimmigkeit und Folgerichtigkeit
5. Originalität.
Und nun viel Spaß beim Schreiben eines Essays oder anderen Beitrags zur Frage „Was bedeutet es, Mensch oder menschlich zu sein?“
Herzlicher Gruß,
Dr. Ulrich Müller (Fachleiter für Ethik/Philosophie)
Hier noch mal das Wichtigste in Kürze:
15. HCG-Philo-Wettbewerb 2025/26
Ausschreibung: Am 20.11.2025, dem UNESCO-Welttag der Philosophie (3. Donnerstag im Monat November). Dieser Termin wird ab dem nächsten Jahr auf den 05.11. (Margot Friedländers Geburtstag) vorverlegt.
Teilnahmeberechtigt: Die Oberstufe und 9. wie 10. Klassen
Aufgabe: Das Schreiben eines philosophischen Essays oder anderen Beitrags zur Frage: „Was bedeutet es, Mensch oder menschlich zu sein?“
Format: Computergeschriebener Text; maximal 4 Seiten; Schriftart z.B. Times New Roman in Größe 12, ca. 3 Zentimeter Rand, einzeilig; im Kopf der Arbeit: Name und Jahrgangsstufe; am Ende des Textes die Erklärung: Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen, einschließlich KI, benutzt habe.
Einsendeschluss: Am 12.02.2026 (Kants Todestag)
Adresse: ulrich.mueller@schule.berlin.de
Bekanntgabe der Gewinner/innen: Am 22.04.2026 (Kants 302. Geburtstag)
Preis: Ehrung, Bücher und Urkunden für die drei besten Texte
Den Belitsky / Planetarium Mannheim
Herzlichen Glückwunsch: Immanuel Kant zum 300. Geburtstag und den drei Gewinner*innen unseres
HCG-Philo-Preises !

Immanuel Kant (1724-1804)
1. Preis
Lara Melissa Kazak (4. Semester):
Wie verhält sich die Moral des kleinen Menschen zu den unendlichen Weiten des Universums?
Abstract: Lara fragt danach, in welchem Verhältnis der Mensch mit seiner moralischen, nicht ausgedehnten Innenwelt und die unendlich ausgedehnte Außenwelt des Universums mit ihrer unbegreiflichen Weite stehen: Beide bilden eine Quelle der Bewunderung, die sich zu Ehrfurcht steigert. Die Antwort: Als „Signatur unserer unausrottbaren Menschenwürde“ umfasst die moralische Autonomie auch „alle konzentrischen Kreise der Außenwelt“ – sogar noch in Zeiten von Weltraumfahrten und brutalen Kriegen.
In einer sich vermeintlich immer schneller drehenden Welt, die unaufhörlich voranschreitet, in welcher wir unzähligen Sinneseindrücken ausgesetzt sind, in der ein technologischer Fortschritt den anderen ablöst, in der Künstliche Intelligenz nach und nach in alle Bereiche unseres Leben dringt, in der Kriege so nah sind wie nie zuvor und zum gelebten Alltag werden, in der wir bisweilen erschöpft und atemlos ob der schwindelerregenderen Flut an Entwicklungen zurückgelassen werden, empfinden wir manchmal das sich aufdrängende Bedürfnis, inne zu halten. In solchen Momenten kommt es gelegentlich vor, dass wir in den nächtlichen Himmel blicken, nur um für wenige Sekunden diese auf unseren Schultern lastende Bürde und unsere wirren Gedanken um diese herum vergessen zu können. Ein jeder kennt sicher das überwältigende Gefühl, welches uns bei dem Blick in die schier unendliche Weite des Himmels und die sich dabei aufdrängende Frage, ob wir Menschen und unsere Empfindlichkeiten sowie Empfindungen überhaupt eine bedeutende Rolle im Angesicht der unendlichen Weiten des Universums spielen, überkommt. So erging es möglicherweise auch dem berühmten Philosophen Immanuel Kant, aus dessen Feder das folgende bekannte Zitat stammt und dem sich mein Essay widmet:
„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.“
Immanuel Kant (1724-1804)
Das Zitat lässt sich dem Beschluss, mithin dem letzten Teil von Kants Kritik der praktischen Vernunft1 zuordnen, in welcher Kant insbesondere eine Verbindung zwischen seiner theoretischen und seiner praktischen Moralphilosophie aufzuzeigen versucht.
Doch inwiefern lassen sich nun überhaupt die Moral und der Sternhimmel miteinander verbinden? Und wie genau bilden beide Entitäten eine komplexe Einheit?
Die Aussage Immanuel Kants „Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir“ setzt die unendlichen sowie unermesslichen Weiten des Universums und die Grenzen der im Vergleich zur Galaxie nicht ausgedehnten Moral unserer psychischen Innenwelt durch zwei Metaphern in Relation zueinander. Der Anblick des Sternenhimmels kann hierbei als Metapher zu verstanden werden, welche die für uns Menschen überwältigende und unbegreifliche Größe wie Struktur unseres Kosmos, also die physikalische Außenwelt, repräsentiert. Dahingegen kann das „moralische Gesetz in mir“ metaphorisch für die seelische Innenwelt des Menschen mit all ihren moralischen und ethischen Prinzipien sowie Konzepten stehen. Das Bild vom bestirnten Himmel, dass unsere physikalische „Winzigkeit“ angesichts des schier unendlichen Universums herausstellt, und das moralische Gesetz, welches unserem Inneren inhärent ist, verkörpern den Dualismus der menschlichen Existenz im Kantianischen Sinne.
„Der bestirnte Himmel“, den Kant erwähnt und das „moralische Gesetz in ihm“ sind die zwei Dinge2, die unser Gemüt mit Bewunderung und Ehrfurcht erfüllen. Dies bedeutet, dass die Innenwelt nicht nur eine Verbindung mit der materiellen Außenwelt schafft[1], sondern auch einen Zugang zum innersten Kern seines Wesens3 kennt, wo das wahre Unendliche, gemeint ist das, was weder empirisch noch mathematisch bestimmt werden kann, sich als non plus ultra des Menschenwirkens zeigt. Das moralische Gesetz als allgemeines Prinzip wirkt also „erfüllend“, da es kein rein formales oder abstraktes Gesetz ist, sondern eine weltbestimmende Aufgabe, die sich im konkreten Leben des Menschen realisiert. Hieraus bricht die eigentliche Unendlichkeit oder die unüberwindbare normative Instanz des moralischen Verhaltens hervor, die gleichberechtigt neben der Unendlichkeit des Universums zu bestehen vermag. Moral und Sternenhimmel sind insofern miteinander verbunden, als sie beide eine Quelle der Ehrfurcht und Bewunderung darstellen.
Immanuel Kant (1724-1804)
Doch was ist unter den Termini „Bewunderung“ und „Ehrfurcht“ eigentlich zu verstehen?
Das Wort „Ehrfurcht“ impliziert in diesem Kontext im kantianischen Sinn ein Gefühl4, welches aus der Anerkennung der moralischen Gesetze als eines Imperativs der Vernunft hervorgeht. Man könnte an der Stelle einen durchaus berechtigten Unterschied zwischen „Bewunderung“ und „Ehrfurcht“ einführen. Der Terminus der „Bewunderung“ ist hierbei positiver konnotiert als der Begriff der Ehrfurcht.
Denn die „Bewunderung“ bezieht sich auf das Gefühl, dass einen jeden überkommt, wenn er durch den Blick in den Sternenhimmel in die unendlichen Weiten unserer Galaxie blickt und immer wieder aufs Neue fasziniert von jenem „schönen“, scheinbar vollkommenen Konstrukt ist. Dahingegen kann die „Ehrfurcht“ als eine Steigerung der „Bewunderung“ wahrgenommen werden, welche zusätzlich ein durchaus furchteinflößendes Gefühl von Erhabenheit, Überwältigung sowie Hochschätzung auslöst.
Die Erhabenheit des Sternenhimmels außer uns und das moralische Gesetz in uns fordern also gleichermaßen Bewunderung und Ehrfurcht. Diese Verbindung verdeutlicht, dass die moralischen Prinzipien, die wir in uns tragen, nicht isoliert von der Natur existieren, sondern in einem größeren kosmischen Kontext verankert sind.
Doch in welchem Verhältnis steht nun der kleine Mensch mit seinem moralischen Wesen zu der großen Natur mit ihren unzählbaren Galaxien und Sonnensystemen? Welchen Platz können der Mensch und seine Moral in den unendlichen Weiten des Universums überhaupt einnehmen?
Das Verhältnis zwischen dem ausgedehnten Universum und der nicht ausgedehnten Innenwelt des Menschen, zeigt sich jedoch nur nach dem ersten Dafürhalten als asymmetrisch. In diesem Zusammenhang erscheint aus kantianischer Sicht die mechanische Beschreibung des Universums weniger erstaunlich als das, was der menschliche Geist aus der transzendentalen Subjektivität hervorbringen kann, nämlich die Möglichkeitsbedingungen jeglicher Erkenntnis – und daher des Bezugssinns als Bestimmung der bedeutsamen Stellung des Menschen im Universum.
Diese moralische Instanz, mit deren Hilfe sich der Mensch über alle „Determinationen“ hinauszuheben vermag, über den Gipfel seiner eigenen wahren Unendlichkeit hinaus, nämlich der moralischen Autonomie seiner Handlung, umfasst alle konzentrischen Kreise der Außenwelt und vermag das Verhältnis der verstandesmäßigen Beobachtung des Kosmos sogar umzukehren. Der Mensch erscheint jedenfalls nicht mehr als ein unbedeutsam kleines Element inmitten der materiellen grenzenlosen Ausdehnung des Weltalls, sondern zumindest auch als ebenbürtig.

Wenn wir nun sowohl für das moralische Gesetz in uns als auch für die unendlichen Weiten des Kosmos „Bewunderung“ und „Ehrfurcht“ in dem vorbeschriebenen Maße empfinden, stellt sich die Frage inwiefern diese Empfindungen in unserer heutigen Zeit, im Zeitalter von Weltraumfahrten und brutalen Kriegen sowie anderen Unwägbarkeiten noch möglich sind.
Und wie ist in diesem Zusammenhang unsere Situation im Universum aus heutiger Sicht zu deuten?
„Ehrfurcht“ ist meiner Meinung nach durchaus eine Sache des Gemüts oder der Psyche, die eigentlich darauf hinweist, dass es in unserem Universum – trotz aller Schreckensinstanzen der Geschichte – etwas ist, was unversehrt bleibt und gleichzeitig uns nicht völlig entzogen werden kann. „Gemüt“ ist das, was all unsere Vermögen verbindet und uns Vernunftbegabte gegenüber anderen Wesen einzigartig macht. Dem Gemüt ist das moralische Gesetz eingeschrieben als Signatur unserer unausrottbaren Menschenwürde.
Daher vermögen empirische Katastrophen nach meinem Dafürhalten – in welchem Ausmaß auch immer – niemals in einen Verzicht auf „Bewunderung“ und „Ehrfurcht“ zu münden, da diese Empfindungen eine Haltung zu zwei grundlegenden Polen der menschlichen Würde darstellt: die Fähigkeit, das Mysterium des Universums zumindest wahrzunehmen und die angeborene Möglichkeit moralisch zu handeln. Diese zwei Pole sind, als Grundlage menschlichen Seins, keineswegs durch empirische Umstände zerstörbar. Die Feststellung historischer Katastrophen kann mithin weder die Bewunderung noch die Ehrfurcht angesichts der vernünftigen und moralischen Anlage des Menschen ungültig machen.
Auch in der heutigen Zeit können wir daher sowohl „Bewunderung“ als auch „Ehrfurcht“ trotz aller technologischen und wissenschaftlichen Fortschritte, auch in der Weltraumforschung, und trotz brutaler Kriege und globaler Konflikte dennoch empfinden, auch wenn die moralische Betrachtung dadurch herausgefordert und hinterfragt wird.
Gerade die technologische Weiterentwicklung und der immense Fortschritt in der Weltraumforschung vermögen eine Brücke zwischen unserer seelischen Innenwelt mit ihrem moralischen Grundprinzip und dem uns umgebenden unendlich weiten Universum zu schlagen. Dadurch, dass wir der Galaxie durch diesen Fortschritt näher sind als je zuvor und vor allem im Vergleich zur Zeit Kants, müssen wir uns der Vollkommenheit und Wichtigkeit des Kosmos nicht mehr unterlegen fühlen, sondern können uns als Teil des großen Ganzen empfinden.
Im Zeitalter von Weltraumfahrten und globalen Konflikten könnte sich also zwar die Empfindung von Ehrfurcht verändert haben, aber dennoch bleibt die humane Bedeutung von Bewunderung und Hochachtung vor dem Universum und den ethischen Prinzipien bestehen.
Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe.
[1] Auf diese Welt geht Kant in seiner ersten Kritik ein, der Kritik der reinen Vernunft, wo es sich darum handelt, den Bereich und die Grenze der Erkenntnis von Objekten zu bestimmen.
2 Dass Kant das Wort „Ding“ und nicht „Gegenstand“ oder „Objekt“ verwendet, sollte an dieser Stelle angemerkt werden. Ein „Ding“ ist viel allgemeiner, schwer einzukreisen; es trägt die Aura eines „Sichentziehenden“, welches sich trotzdem „zeigt“ (vgl. Martin Heideggers fundamental-ontologische Überlegungen über „das Ding“, in: Vorträge und Aufsätze, Aufsatz „Das Ding“. 1980).
3 Im innersten Kern des Menschenwesens, und aufgrund des moralischen Gesetzes, zeichnet sich dieses vernünftige Wesen (der Mensch) für Kant als die Krone der Schöpfung. Die praktische Funktion des Intellekts (der sich keineswegs auf jene der theoretischen Vernunft reduziert) stellt eine besondere Art von Objektivität dar, die ins Unendliche hinübergeht.
4 Wie Ina Goy richtig anmerkt, ist das Gefühl der Achtung „ein apriorisch reines, gleichwohl sinnliches Moment […], das nach Kant unverzichtbar an der Grundlegung der Moralität der Handlung beteiligt ist“ (Ina Goy: Immanuel Kant und das moralische Gefühl der Achtung, in: Zeitschrift für philosophische Forschung Bd. 61 (Juli-September 2007), Frankfurt, Klostermann, pp. 337-360, hier p. 337).
2. Preis
Zoé Atris (2. Semester)
Ganz schön was los in Kants Gehirn

Immanuel Kant (1724-1804)
Abstract: Zoé betrachtet Kants berühmtes Zitat im Licht der neueren Wissenschaften, insbesondere der Neurowissenschaften. Ausgehend von den verschiedenen Verwendungsweisen der Ausdrücke Bewunderung und Ehrfurcht kommt ihr unterhaltsamer Streifzug durch die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte zu dem Ergebnis: „das ‚moralische Gesetz‘ in uns ist genauso rätselhaft wie der bestirnte Himmel über uns“.
„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.“
Allein in unserer Galaxie scheinen etwa 250 Milliarden Sterne, um uns herum schwirren Billionen, wenn nicht sogar unendlich viele Galaxien und das Universum ist wahrscheinlich unendlich groß. Und das vergleicht Kant mit uns mickrigen, meist höchstens 1,80m großen Menschen? Hört sich paradox an, aber aufgepasst – es geht nicht um uns als Menschen, geschweige denn um unsere physische Größe, sondern um das, was in uns steckt, und um das, was wir genauso wenig erforscht haben – vielleicht nicht einmal können – wie das Universum. Er spricht von Bewunderung und Ehrfurcht, die wir dafür besitzen. Laut der Oxford Languages Definition ist Ehrfurcht die Hochachtung, Respekt vor der Würde, Erhabenheit einer Person, eines Wesens oder einer Sache. Aber was ist Ehrfurcht wissenschaftlich gesehen wirklich? Wie hängt sie mit dem Bewusstsein zusammen, das Kant – und offensichtlich jeder andere, der Ehrfurcht empfinden kann, haben muss, um Ehrfurcht zu empfinden? Und hat sich unser Bewusstsein über Ehrfurcht mit der Zeit verändert? Inwieweit wird uns „vorprogrammiert“ vor wem oder was wir uns ehrfürchtig verhalten und können wir dann überhaupt sagen, dass wir allgemein – ob nun wegen Ehrfurcht oder jedem anderen Gefühl (viele Fakten können sich von Ehrfurcht auf andere Emotionen übertragen, außerdem gibt es einige Grundsätze, die Psychologen für alle Emotionen festgelegt haben), Dinge neutral, unvoreingenommen und objektiv betrachten können? Darauf versuche ich hier eine Antwort zu finden, also lassen Sie mich, so objektiv und wissenschaftlich fundiert, wie es geht, anfangen, auf solche Fragen Antworten zu finden.
Ehrfurcht. Bei diesem Begriff denken viele erst einmal, dass man sie nur empfinden kann, wenn etwas groß und majestätisch ist – eben die Faktoren, aus denen sich das Wort zusammensetzt – Ehre und Furcht. Aber muss das überhaupt sein? In einer Umfrage des SWR über Ehrfurcht, hat eine Passantin auch angegeben, dass sie Ehrfurcht vor Leuten empfinde, die sich sozial engagieren, ein anderer berichtete von dem Moment, in dem er vor Ehrfurcht erstarrt sei, als er die Bundesministerin mit der One Love Binde auf einer Versammlung gesehen hat. Und auch viele Emotionsforscher sind sich darin einig, dass etwas nicht immer gleich riesig und gewaltig – ganz zu schweigen sogar positiv sein muss, um Ehrfurcht davor zu empfinden. So auch Michelle Shiota, Psychologin und Emotionsforscherin an der Arizona State University, die Ehrfurcht in ihrem Aufsatz (et al.) „Positive Emotion and the regulations of interpersonal relationships“ (Shiota, M.N. et al. 2003) als die Emotion, die während kognitiver Akkomodation oder Schemabildung erfahren wird, welche intensive Aufnahme und Verarbeitung benötigt. Einfacher ausgedrückt – die Hauptfunktion der Ehrfurcht ist, dass wir für neue, unerwartete Funktionen aufnahmefähig werden. Diese kann, vielleicht überraschend für den einen oder anderen, sowohl negativ oder auch positiv sein. So erinnert sie sich bei ihrem Interview mit dem SWR daran, wie sie Menschen in einem New Yorker Museum beobachtete, die sich ein Video von dem Angriff auf die Twin Towers anschauten. Sie zeigten exakt die Gesichtsausdrücke, die charakteristisch für Ehrfurcht sind (welche genau sind nachlesbar in ihrem Aufsatz The faces of positive emotion – prototype displays of awe, amusement an pride, Shiota et al. 2003).
Langsam finde ich, dass man merkt, dass – zumindest aus heutiger Sicht der Forschung und sogar der Öffentlichkeit das Wort Ehrfurcht nicht ganz so passend ist, wie sein englisches Pendant „awe“ – beim Aussprechen lässt man dabei auch den Mund offenstehen, ein charakteristischer Gesichtsausdruck für Ehrfurcht und außerdem onomatopoetisch sehr passend. Naja, das nur am Rande.
Immanuel Kant (1724-1804)
Jetzt könnte man sich fragen, welche Ehrfurcht Kant wohl erfahren hat. Dafür ein kurzer historischer Exkurs. Früher, also so etwa bis in das 19. Jhd. (in bestimmten Kreisen etwas mehr bzw. weniger) war Ehrfurcht wirklich ein Mittel, das stark mit Furcht und mit Religion korrelierte. Plump gesagt, sie wurde benutzt, um Menschen gehorsam zu machen. Dann, so etwa ab Mitte des 18. Jhd. kamen dann Philosophen, die das nicht so auf sich sitzen lassen wollten. So auch Edmund Burke, ein eigentlich sehr konservativer anglo-irischer Philosoph, der sich auch noch gegen die französische Revolution stellte, geb. 1729 und gestorben 1797, der in seinem Buch „A philosophical Inquiry into the origin of our ideas of the sublime and beautiful with an introduction discourse concerning taste.“ überraschenderweise die (erstrecht zu damaliger Zeit) radikale Meinung vertrat, dass Ehrfurcht im Alltag überall sei, und zugänglich zu allen sei. Man empfinde Ehrfurcht vor Dingen, die groß und nicht wirklich verstanden seien. Zum Teil richtig, zum Teil auch nicht, wie schon erläutert. Genauso wie der Philosoph Emerson, der sogar noch einen Schritt weiter gegangen ist in seinem Buch Nature 1836 über die Selbst – Transzendenz (hier nicht spirituell gesehen, sondern nur auf das Gefühl von Ehrfurcht bezogen) von Menschen in und auch nach dem Erleben von Ehrfurcht spricht (bei ihm nur auf Naturerlebnisse bezogen, tatsächlich wurde diese Transzendenz aber auch in mehreren, modernen Studien bewiesen, so auch in einer von Zelda Yanovich). Daher kann man davon ausgehen, dass Kant wahrscheinlich die Ehrfurcht noch als etwas betrachtet, das nur im Anblick von etwas Majestätischem, Großem – und, wie man aus seinem Zitat schließen kann, nicht ganz Verständlichem redet, dasaußerdem mit einem sehr erhabenen Gefühl verbunden wird (was auch dadurch suggeriert wird, dass er nicht nur von Ehrfurcht, sondern auch von Bewunderung spricht).
Hier möchte ich kurz über Bewusstsein sprechen, denn es ist das Bewusstsein, das all diese Dinge ermöglicht – nachdenken, reflektieren. Zumindest das, von dem wir ausgehen, dass es Bewusstsein ist. Ohne das Bewusstsein würde Kant ja nicht über sich selbst sagen können, Ehrfurcht und Bewunderung zu empfinden, oder?
Ohne Bewusstsein könnten wir doch gar nicht so existieren, herumphilosophieren über Dinge, die wir eigentlich gar nicht verstehen, aber versuchen, irgendeine Antwort mithilfe einer Theorie zu finden, bis diese auch irgendwann widerlegt wird. Aber so ist das nun einmal. Wie Sokrates schon sagte – Ich weiß, dass ich nichts weiß. Und so wird das vielleicht immer bleiben. Entschuldigen Sie diese kleine Ausschweifung – wieder zum Bewusstsein.
Ich möchte Ihnen kurz drei der wichtigsten heutigen Theorien zum Bewusstsein vorstellen – die ‚Theorie der höheren Ordnung‘, die ‚Lokale Rekurrenz‘ und die ‚Self-comes-to-Mind- Theorie‘. Die Theorie der höheren Ordnung besagt, dass bewusste Erfahrungen die Fähigkeit erfordern, die eigenen geistigen Funktionen als solche zu erkennen, dafür würden „höhere“ Hirnregionen wie der präfrontale Kortex die Aktionen der „niederen“ sensorischen Areale überwachen. Ganz schön was los in Kants Gehirn, wenn man dieser Theorie glaubt. Die lokale Rekurrenz sagt so etwas ähnliches, nur dass Bewusstsein hier auf bidirektionalen neuronalen Austausch zwischen den verschiedenen sensorischen Hirnarealen beruht. Und António Damásios ‘Self-comes-to-mind-Theorie‘ besagt, dass das Gehirn Bewusstsein erzeugt, indem es Körperreaktionen auf innere oder äußere Reize in Gefühle übersetzt. Auch interessant. Das heißt, der bestirnte Himmel über Kant hat ihn dazu bewegt, Ehrfurcht zu empfinden, wodurch Bewusstsein erzeugt wird – Damásios Axiom „Ich fühle, also bin ich“ passt hier ganz gut. Wie auch immer es in Wirklichkeit ist, das Fühlen und Erleben von etwas scheint ganz essenziell für ein Bewusstsein zu sein.
Aber haben wir dadurch ein Bewusstsein oder wird es uns nur suggeriert? Erleben wir wirklich mit vollem Bewusstsein? Manche Menschen sprechen ja auch davon, dass sie eine höhere Stufe des Bewusstseins in einer Meditation oder auch im Schlaf erreicht hätten. Und was ist mit dem Unterbewusstsein? Und was bedeutet das neurowissenschaftlich betrachtet? So viele Fragen und keine einzige davon kann sicher beantwortet werden. Ich würde persönlich dafür plädieren, dass wir einfach offen bleiben für neue Ergebnisse der Forschung und auch selbst die Augen offenhalten – wer weiß, was am Ende bei der Bewusstseinsfrage herauskommt.

Kommen wir aber wieder zu den Gefühlen. Verhält es sich bei ihnen wie bei dem ‚Inside – Out Modell‘ des Gehirns und sollten wir dadurch also alle Ehrfurcht und Bewunderung vor dem bestirnten Himmel über uns und dem moralischen Gesetz in uns haben? Oder sind Emotionen eher etwas, über das wir selbst bestimmen? Laut den Professoren Joseph LeDoux und Richard Brown sind Gefühle und Emotionen nicht angeboren, sondern ergeben sich mit der Zeit aus den Umständen und Situationen, die einen umgeben. Hier muss man allerdings präziser werden. Denn es gibt trotzdem bestimmte Verhaltensmuster, Abläufe von Handlungen und Ausdrücke von Emotionen (siehe z.B. The faces of positive emotion – prototype displays of awe, amusement an pride, Shiota et al. 2003) die universell sind. Allerdings würde wahrscheinlich niemand Glück empfinden, wenn man jemanden sieht, der z.B. gefoltert wird – außer die Umstände um einen herum – frühe Erfahrungen, Erlebnisse, psychische Störungen etc. haben einen dazu veranlasst. Dies sind dann die Ausnahmefälle, die die Regel bestätigen. Alles in allem kann man also auch hier nur wiederholen, dass zwar schon große Fortschritte in der Forschung zu diesem Thema gemacht wurden, aber es einfach noch zu ungenau und schwammig ist – es ist einfach zu früh, um eine klare Antwort zu geben.
Ich persönlich würde allerdings zu der letzten Frage, die ich anfangs gestellt hatte, sagen, dass wir nie ganz frei von Emotionen und Gefühlen handeln können und nie vollkommen neutral, geschweige denn in der Lage sind, objektiv zu handeln. (Wir wissen ja noch nicht einmal, was das Bewusstsein ist und ob wir wirklich eins haben). Außerdem kommen da auch Damásio und viele andere Forscher ins Spiel, die sagen, dass wir ohne Gefühle kein Bewusstsein hätten – und Gefühle beeinflussen ja unsere Handlungen, machen uns subjektiv – und wie sollten wir dann ohne Bewusstsein überhaupt (selbst) handeln?
Wir sind am Ende des Tages halt doch alle Menschen und Gefühle – ob nun Angst oder Freude, Ehrfurcht oder Bewunderung, und das „moralische Gesetz“ in uns ist genauso rätselhaft wie der bestirnte Himmel über uns.
Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen, einschließlich KI, benutzt habe.
Quellen
Analoge Quellen:
Cham, Jorge und Whiteson, Daniel: Frequently asked questions about the universe, Auflage 2023, USA, John Murray, Seite 21
Von Hopffgarten, Anna: Die wichtigsten Bewusstseinstheorien, Seite 44 f. in: Spektrum Spezial BMH 1.24
Buzsáki, György: Wie das Gehirn die Welt konstruiert, Seite 9, in: Spektrum Spezial BMH 1.24
Digitale Quellen:
SWR2 Wissen Ehrfurcht, Demut, Staunen – Warum wir uns tief berühren lassen, https://www.swr.de/swr2/wissen/ehrfurcht-demut-staunen-warum-wir-uns-tief-beruehren-lassen-swr2-wissen-2023-12-28-100.pdf besucht am 6.2.2024
Shiota, Michelle N. et al. The Faces of Positive Emotion – Prototype Displaysof Awe, Amusement and Pride, https://greatergood.berkeley.edu/dacherkeltner/docs/shiota.campos.keltner.faces.2003.pdf besucht am 6.02.2024
Keltner, Dacher Why Awe is Such an Important Emotion, https://www.youtube.com/watch?v=ysAJQycTw-0 besucht am 6.02..2024
Shiota, Michelle N. et al. in: The Regulation of Emotion von Philippot, Pierre und Feldman, Robert S. Positive Emotion and the Regulation of Interpersonal Realationships, https://books.google.de/books?hl=en&lr=&id=czJ5AgAAQBAJ&oi=fnd&pg=PA129&dq=shiota+mn+al+2003+Positive+emotion+and+the+regulation+of+interpersonal+relationships&ots=wbGWn2JCgm&sig=TeEGSUxOT7fWaxnTVIlANBnxGQ0#v=onepage&q&f=false, besucht am 6.02.2024
Devitt, James Emotions are Cognitive, Not Innate, Researchers Conclude, https://www.nyu.edu/about/news-publications/news/2017/february/emotions-are-cognitive–not-innate–researchers-conclude.html#:~:text=Emotions%20are%20not%20innately%20programmed,from%20the%20gathering%20of%20information. besucht am 6.02.2024
3. Preis
Janni Neubert (2. Semester):
Nur der Mensch bewundert den Kosmos
Gedanken anlässlich des 300.Geburtstags von Immanuel Kant: „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“

Immanuel Kant (1724-1804)
Abstract: Janni geht von einer eigenen überwältigenden Erfahrung des Sternenhimmels aus. Um sie zu erklären, verbindet sie die Blickrichtung eines Astrophysikers mit der eines Moralphilosophen. Beide haben wenig mit unserer gegenwärtigen Lebenswelt zu tun, führen uns aber dazu, auch einmal über das kosmische Gesamtgefüge und die unendlichen Weiten der menschlichen Persönlichkeit nachzudenken.
Es ist noch nicht lange her, als ich mit meiner Familie im Urlaub auf den Seychellen gewesen bin. Unser Ferienhaus lag am Hang eines bewaldeten Berges. Gegen Abend planschte ich im Pool unseres hellerleuchteten Gartens. Plötzlich kam mein Vater und rief mir zu: „Zieh die Schuhe an und komm mit!“. Ich hatte keine Ahnung, was er vorhatte. Etwa 20 Minuten stiegen wir durch den finsteren Regenwald im Schein einer Taschenlampe streng bergauf und erreichten schweißnass ein großes Granitplateau am Gipfel. Es war totenstill. Nur ein Uhu war in der Entfernung zu hören. „Was machen wir hier, Papa?“. Mein Vater zeigte mit seinem Finger nach oben. Dann schaute ich auf zum Himmel. Was ich dort sah, ließ mir augenblicklich einen Schauer über den Rücken laufen. Abertausende von Sternen, einige mir bekannte Sternbilder und die Milchstraße erschienen mir in einer Helligkeit, die ich in unserer lichtdurchseuchten Zivilisation so noch nie zuvor gesehen hatte. Ich stand als kleiner Mensch auf diesem riesigen Granitplateau, aber auf einer klitzekleinen Insel in einem großen Ozean. Dieser Ozean ist nur ein kleiner Teil unserer Erde, die wiederum ein verschwindend geringer Punkt in unserem Sonnensystem ist, welches seinerseits ein winziger Fleck in unserer Galaxie ist, die ich plötzlich als leuchtender Schleier vor mir am Himmel sah. Obendrein ist der Moment, eigentlich wie mein ganzes Leben, nur ein Wimpernschlag im Jahrmilliarden dauernden Zeitgefüge. „Gibt es dort draußen vielleicht noch andere Völker, die sich ihrer bewusst sind oder fühlen und denken können?“, kreiste es in meinen Gedanken.
Ein ähnlich faszinierender Moment muss Immanuel Kant überkommen haben, denn einst schrieb er in seinem Werk „Kritik der Praktischen Vernunft“ von 1788 folgenden Satz: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“. Kant hätte am 22.4.2024 seinen 300. Geburtstag. Er gilt immer noch als einer der bedeutendsten Vordenker und Vertreter der Aufklärungsphilosophie.

Kant verknüpft im vorliegenden Zitat zwei Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Oder vielleicht doch? Was war das für ein Gefühl, was mich da plötzlich überkam? Ich lebe in einer Zeit und in einer Generation, in der wir vieles bewundern. Den trainierten Body der besten Freundin, den fetten Sportwagen des Nachbarn, die Fußballkünste von Lionel Messi, die 1 in der Mathearbeit des Kursbesten oder das tolle Leben eines Influencers auf Instagram. Auch ich kann mich nicht freimachen von derart oberflächlicher Bewunderung. Aber ein Schauer ist mir dabei noch nie über den Rücken gelaufen, und meine diesbezügliche Bewunderung hat rein gar nichts von Ehrfurcht. Mein Leben ist super schnell getaktet, und jeden Tag prasseln unzählige Impulse auf mich ein. Ich gehe wie mit Scheuklappen durch die Welt, sehe immer nur das nächste Ziel vor mir und habe verlernt, einfach mal stehen zu bleiben, die Scheuklappen abzunehmen und das große Ganze zu betrachten. Kein Mensch macht sich gerne klein, und doch sind wir es im großen kosmischen Zusammenhang. Wir wissen nicht mal, warum wir überhaupt existieren. Die Naturwissenschaft stellt uns als das Produkt einer endlosen Kette von riesigen Zufällen dar und will uns erklären, dass wir ähnlich viel Wert sind und aus demselben Zweck da sind wie eine Fliege, die gerade um die Lampe fliegt. Das ist unbefriedigend für uns, denn wir halten uns für wichtig. Wir können denken, unsere Gedanken mittels Sprache oder Schrift austauschen und fühlen, oder anders gesagt, in jedem von uns finden wir ein unentdecktes Universum unseres Ich-Seins. Da sehe ich eine erste große Gemeinsamkeit zwischen dem bestirnten Himmel und dem moralischen Gesetz in mir. Es handelt sich um zwei von uns wenig entdeckte Welten, wenn wir nicht gerade Astrophysiker oder Philosophen sind. Die äußere Welt um uns herum sehen wir oftmals nicht, weil wir viel zu selten innehalten und nach oben schauen. Die Welt in uns ist uns genauso verborgen, weil wir nicht oft genug unser Denken und Handeln reflektieren und in uns hineinhorchen.
Milliarden Menschen auf der Welt suchen Antworten in Religionen und beten Götter oder Götzen an. Religionen versuchen dem für uns Unerklärbaren einen scheinbar plausiblen Sinn zu geben und erklären dabei das Unsichtbare mit der Existenz von Göttern, die wir jedoch auch nicht sehen können. Es gibt friedliche Ansätze und Epochen der Weltreligionen, aber in den größeren Abschnitten der Geschichte dienten und dienen sie als Werkzeuge der Gleichschaltung ihrer Anhänger im Kampf um die moralische Deutungshoheit. Unzählige Kriege wurden im Namen von Göttern geführt und haben unzählige Millionen Menschen getötet. Auch Religionen verknüpfen die Unerklärbarkeiten des großen Universums um uns herum mit moralischen Aspekten, Verhaltensregeln oder Gesetzen und bringen somit dieselben Dinge zusammen wie Kant in seinem Zitat.
Um zu verstehen, warum Kant so ehrfürchtig in das Innere des Menschen blickte, stellen wir uns einmal vor, was ein Menschenaffe empfinden mag, wenn er in den Himmel schaut. Der Affe hat keine Ahnung von den Gesetzmäßigkeiten des Universums und der Natur und dass er selbst nur ein winziger Teil mit begrenzter Lebenszeit darin ist. Er kann die Größe und seine Bedeutungslosigkeit einfach nicht erkennen. Was also unterscheidet ihn vom Menschen? Rein biologisch ca. 1,5% der DNA. Auch die Gehirne von Menschenaffen und Menschen gleichen sich sehr, mit Ausnahme des Neokortex, der bei uns Menschen ca. dreimal so groß ist wie beim Affen. Der Neokortex ist verantwortlich für viele unserer geistigen Fähigkeiten wie unser strategisches Denken, unsere Fantasie oder unsere Sprache. Immanuel Kant konnte das vor 240 Jahren nicht wissen. Er wusste aber, dass sich alle Menschen vom Tier unterscheiden durch ihr Denken und ihre Moral. Die Moral gibt uns Handlungsanweisungen im Umgang mit anderen Menschen. Wie soll ich mich verhalten? Was ist „gut“ und „richtig“?
Als Kant den bestirnten Himmel und das moralische Gesetz in Beziehung setzte, ahnte er offenbar bereits, dass auch die Ehrfurcht vor dem Universum an biologische und psychische Bedingungen unseres Menschseins geknüpft ist. Menschsein ist die Grundvoraussetzung, um dem Himmel und den Gesetzen der Natur mit Ehrfurcht entgegenzutreten.

Auguste Rodin: Der Denker
Die Moral ist bedroht
Welche Rolle spielt Moral in unserem heutigen Zusammenleben? Wie bereits zuvor erwähnt, macht der größte Teil der Menschheit sich wenig Gedanken um philosophische Fragen. Betrachte ich nur die Menschen in unserem Land, sind diese damit beschäftigt, ihr Leben zu organisieren, Geld zu verdienen, sich zu erholen, fortzupflanzen, im Leben voran zu kommen, sich zu zerstreuen oder Spaß zu haben, aber eben nicht über das große Ganze nachzudenken. Nahezu jeder wird von sich behaupten, dass er/sie über Moral verfügt, oder das, was man dafür hält, aber das Nachdenken über ein hohes moralisches Gesetz zum bestmöglichen Zusammenleben aller Menschen ist weit von den Lebensrealitäten entfernt. Aufgrund leidvoller geschichtlicher Erfahrungen haben wir uns grundlegende Gesetze gegeben und in die Verfassung geschrieben, nach der wir alle leben müssen. Dadurch unterscheiden wir uns vom Tier. Wir können nur hoffen, dass die Vorstellungen von Moral, wie sie sich in den moralischen Grundgesetzen niederschlagen, lange überdauern. Die Moral ist schließlich ein zerbrechliches Gut und wandelt sich im Verlauf von Epochen. Es gibt die Moral im Großen und im Kleinen. Auf das große moralische Gefüge haben wir als Individuum keinen besonderen Einfluss. Moralvorstellungen ändern sich z.B. in verschiedenen Wirtschaftssystemen, Religionen oder politischen Sphären. Man stelle sich nur vor, dass ein Aktivist sich in Peking auf den Platz des Himmlischen Friedens klebt und für die Demokratie demonstriert. Oder eine Gruppe queerer Menschen in Teheran für Rechte von Homosexuellen protestiert. Aber jeder von uns kann danach streben, an der eigenen Moral zu arbeiten. Helfe ich sofort und selbstlos, wenn ein anderer Mensch in körperlicher Not ist, z.B. bei einem Unfall? Mische ich mich ein, wenn andere Menschen bedrängt oder gemobbt werden? Kann ich jemandem helfen, der in finanzielle Not geraten ist, oder nehme ich mir einfach mal Zeit, um meinen Mitmenschen nahe zu sein und zuzuhören? Gehe ich achtsam mit Tieren oder der Umwelt um und verzichte manchmal auf ein Steak oder eine überflüssige Autofahrt?
Im kosmischen Gesamtgefüge würde es keine Rolle spielen, ob ich „gut“ oder „schlecht“ lebe. Schlecht zu anderen Menschen zu sein ist unter diesem Aspekt genauso unwichtig, wie die Ameise, die ich versehentlich und unbemerkt auf dem Weg zur Schule zertreten habe. Der Unterschied existiert nur in mir selbst, in den unendlichen Weiten meiner eigenen Persönlichkeit. Diese kann sich bis zu meinem Tod entwickeln und reifen und einen entscheidenden Unterschied machen, nicht nur für mein Leben, sondern auch für das anderer.
Hinsichtlich des moralischen Gesetzes kommen mir die Überlegungen Kants, die er vor ca. 240 Jahren veröffentlichte, vor allem aber seine Bewunderung und Ehrfurcht, immer noch modern und keineswegs überholt vor. Kant konnte sich feinsinnig in das verborgene Universum in uns selbst hineinversetzen und spielte mit Gemeinsamkeiten des Sichtbaren und des Unsichtbaren. An einem Punkt sehe ich jedoch Grenzen für die Beziehungen zwischen Mensch und Universum. Kant setzte den bestirnten Himmel und das moralische Gesetz im Hinblick auf deren Wirkungen auf uns gleich, dabei scheinen wir heute in einer wissenschaftlich aufgeklärten und weniger religiös geprägten Gesellschaft die Bewunderung für das Universum zunehmend zu verlieren. Wie dem auch immer sei, nach wie vor richtig an Kants Aussage ist jedenfalls: Kein Affe, der zum Himmel schaut, kein Wolf, der den Mond anheult, und kein Vogel, der die Sterne zur Navigation nutzt, bewundert den Kosmos, nur der Mensch!
Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe.
Quellen:
Harald Lesch und Jörn Müller: Weißt du, wie viel Sterne stehen? Wie das Licht in die Welt kommt (C. Bertelsmann Verlag, 17.11.2008)
Omri Boehm und Daniel Kehlmann: Der bestirnte Himmel über mir: Ein Gespräch über Kant (Prophyläen Verlag, 1.2.2024)
Khaitovich, P., Hellmann, I., Enard, W., Nowick, K., Leinweber, M., Franz, H., Weiss, G., Lachmann, M., and Pääbo, S. : Parallel patterns of evolution in the genomes and transcriptomes of humans and chimpanzees (Science, 2.9.2005)
Cicero- Magazin für politische Kultur (cicero.de): „Mehr Kant wagen“ von Fite Kalscheuer (7.5.2019)
Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft, Riga (Hartknoch) 1788
Der bestirnte Himmel über mir,
und das moralische Gesetz in mir.
Ausschreibung
Ausschreibung und Einladung zum
13. HCG-Philo-Wettbewerb 2023/24
Immanuel Kant
zum 300. Geburtstag am 22.04.2024
Erwünscht ist eine philosophische Reflexion zu Kants Aussage:
Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt:
Der bestirnte Himmel über mir,
und das moralische Gesetz in mir.
Liebe Schülerinnen und Schüler,
der am 17.11.2011 erstmalig ausgeschriebene „HCG-Philo“-Wettbewerb möchte Themen, Reflexionsformen und Produktarten fördern, die im Lehrplan des Philosophie-Unterrichts nicht oder selten vorkommen, dennoch von philosophischer Bedeutung sind. So werden bevorzugt Themen gestellt, die entweder sehr aktuell sind oder im Interessenhorizont vieler Schüler*innen liegt. Zu erstellende Produktarten sollen nicht die im Regelunterricht geforderten Standardformen von Interpretation und Erörterung sein, sondern freiere Formen, etwa Kritik, Kommentar, Essay, Entgegnung, Dialog, Meditation, Brief, E-Mail, Blog, Gutachten, Bildreflexion etc. Das Thema wird jährlich geändert.
In jedem Fall aber soll die euch gestellte Aufgabe mit den Mitteln philosophischer Reflexion bearbeitet werden. Darin liegt ein direkter Unterrichtsbezug, aber z.B. auch die Chance, Gelerntes auf ein lebensnahes Phänomen anzuwenden, ein mögliches Thema für die 5. PK im Abitur vorzubereiten oder eine Studienarbeit im informationstechnischen Format zu erproben.
Buchpreise werden dankenswerterweise vom Förderverein des HCG gestiftet.
Ausschreibungstermin ist jedes Jahr der UNESCO-Welttag der Philosophie, zu dem 2002 der dritte Donnerstag im November erklärt wurde. Einsendeschluss ist immer der 12. Februar, Kants Todestag. Dieser Zeitraum hat für euch den Vorteil, dass er erstens die Weihnachtsferien, meistens auch die Winterferien, einbezieht, und zweitens für die Abiturient*innen noch nicht zu spät liegt.
Die Bekanntgabe und Veröffentlichung des Gewinner*innen-Produkts erfolgt am 22. April 2024, Kants 300. (!) Geburtstag. Urkunden und Preise werden dann zum Schuljahresende, für die Abiturienten auf der Abschlussfeier, überreicht.
Ausschreibung des Themas und Sichtung eingegangener Arbeiten liegt in meinen Händen, die Bewertung erfolgt per Mehrheitsentscheidung durch die Philosophie-Lehrer*innen.
So, und hier ist nun eure Aufgabe für den 13. HCG-Philo-Wettbewerb 2023/24
Schreibe einen philosophischen Essay zum Thema: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.“
Erläuterung: Gewünscht ist eine philosophische Reflexion über diesen berühmten Satz von Immanuel Kant aus dem Beschluss seiner „Kritik der praktischen Vernunft“. Das unermesslich Weite der physikalischen Außenwelt und das nicht Ausgedehnte unserer psychischen Innenwelt, das Weltall und der Mensch, werden darin in ein Verhältnis gesetzt. Wie deutest du dieses Verhältnis? Was verbindet Moral und Sternenhimmel miteinander? In welchem Verhältnis steht der kleine Mensch mit seiner Moral zu der großen Natur mit ihren unzählbaren Galaxien und Sonnensystemen? Kant sagt, es sei Bewunderung und Ehrfurcht, die wir für beides empfinden. Das glauben wir ihm sofort. Nur: Ist das heute, im Zeitalter von Weltraumfahrten und brutalen Kriegen, noch genauso? Und was ist eigentlich Ehrfurcht? Können wir so etwas überhaupt noch empfinden? Und wenn ja, was macht sie mit uns?
Fragen über Fragen, ganz grundsätzlicher Art! Die eine oder andere davon könntest du in deinem Essay beantworten.
Auf jeden Fall bin ich gespannt, wie du das Thema angehst: Ethisch, anthropologisch, naturphilosophisch, technikphilosophisch, astrophysikalisch, wissenschaftsphilosophisch, gesellschaftskritisch, staats-, religions- oder sogar neurophilosophisch.
Wie beurteilst du unsere Situation im Weltall? Du sollst „frei“ und auch mit persönlichen Bewertungen über die Frage nachdenken. Philosophisch wird dein Text dadurch, dass du das Thema in grundsätzlichen Gedanken, Argumenten oder Betrachtungen reflektierst, die zur Orientierung im Leben beitragen können. (Philosophieren heißt schließlich, sich in Grundfragen des Denkens, Lebens und Handelns zu orientieren.) Solltest du für deine Arbeit eine KI, z.B. Chat GPT oder ein ähnliches Programm benutzen, musst du genau angeben, welche Anteile damit erstellt wurden. Außerdem sollen mindestens 3 Offline-Quellen (Bücher, Zeitschriften oder Zeitungs-Aufsätze) verwendet werden.
Dein Text soll maximal 4 Computer geschriebene Seiten umfassen, Schrift-Format: Times New Roman, Größe 12, ca. 3 Zentimeter Rand, einzeilig. Im Kopf der Arbeit sind der volle Name und die Jahrgangs-Stufe anzugeben; am Ende des Essays soll die Erklärung stehen: Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe.
Sende deinen Text bitte in einem Word- oder rtf-Format abgespeichert an: Muellermozart@hcog.de
Die Bewertungskriterien für die eingesandten Texte sind:
1. Themenbezogenheit
2. Philosophisch-begriffliches (nicht nur fachwissenschaftliches) Verständnis des Themas
3. Argumentative Überzeugungskraft
4. Stimmigkeit und Folgerichtigkeit
5. Originalität.
Und nun viel Spaß beim Schreiben eines Essays oder anderen Beitrags über „Den bestirnten Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“!
Herzlicher Gruß,
Dr. Ulrich Müller (Fachleiter für Ethik/Philosophie)
Hier noch mal das Wichtigste in Kürze
13. HCG-Philo-Wettbewerb 2023/24
Ausschreibung: Am 16.11.2023, dem UNESCO-Welttag der Philosophie (3. Donnerstag im Monat November)
Teilnahmeberechtigt: Die Oberstufe und 9. wie 10. Klassen
Aufgabe: Das Schreiben eines philosophischen Essays oder anderen Beitrags zum Kant-Zitat: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmenden Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.“.
Format: Computergeschriebener Text; maximal 4 Seiten; Schriftart: Times New Roman in Größe 12, ca. 3 Zentimeter Rand, einzeilig; im Kopf der Arbeit: Name und Jahrgangsstufe; am Ende des Textes die Erklärung: Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen, einschließlich KI, benutzt habe.
Einsendeschluss: Am 12.02.2024 (Kants Todestag)
Adresse: Muellermozart@hcog.de
Gewinner/innen: Am 22.04.2024 (Kants 300. (!) Geburtstag)
Preis: Ehrung, Bücher und Urkunden für die drei besten Texte

