Margot-Friedländer-Platz
Parlaments-Festakt zur Platz-Benennung
mit starker HCG-Schüler-Beteiligung
Cornelia Seibold, die Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, begrüßte die geladenen Repräsentant:innen des öffentlichen Lebens – von der Berliner Ehrenbürgerin über das Diplomatische Corps bis hin zu Abgeordneten des Bundestages und des Europaparlaments.
Es war ein Moment von Würde, feierlicher Eleganz und emotionaler Wärme. Wo sonst politische Debatten den Ton angeben, erfüllte an diesem Tag auch die lebendige, hoffnungsvolle Energie der Schüler:innen des zukünftigen Margot-Friedländer-Gymnasiums aus Berlin-Kladow den Raum.
Auf den Regierungsbänken, die sonst den Senator:innen vorbehalten sind, nahmen 49 Schüler:innen des Schulchors Platz. Sechs weitere Schüler:innen saßen vorne in der ersten Reihe – bereit, dem Parlament an diesem Tag nicht nur als Gäste zu begegnen, sondern mit ihren Redebeiträgen auch ihre in die Zukunft gerichteten Erwartungen vorzubringen.
Margot Friedländers Botschaft weitertragen
Margot Friedländer bei einer ihrer Lesungen in der Aula des Hans-Carossa-Gymnasiums
Irgendwo auf der Welt
Unter dem feinfühligen Dirigat von Carola Bussulat sang der Schulchor Margot Friedländers Lieblingslied Irgendwo auf der Welt.
Er ist an diesem Platz zu Hause, der Regierende Bürgermeister Kai Wegner. In seinem Grußwort dankte er den Sängerinnen des Chors; sie hätten schöne Erinnerungen an den letzten Geburtstag Margot Friedländers gebracht, als Max Raabe dieses Lied sang.
„Margot Friedländer“, so fährt Wegener fort, „war eine kleine Frau, aber sie war ein ganz große Persönlichkeit.“ Wegner erzählt von ihrer Neugierde, ihrer Lebensfreude und ihrer unaufgeregten, erzählerischen Kraft. Ihr Einsatz in den Schulen und in der Öffentlichkeit – das habe sie „für uns, für unsere Jugend getan. Danke, Margot. Deine Botschaft bleibt: Seid Menschen!“
Lebensmelodien aus Wisnitz
Johann Stein, Schülersprecher am HCG, führte das Auditorium in das bewegende Konzept der Lebensmelodien aus Wiznitz ein – Kompositionen, die zwischen 1933 und 1945 im Angesicht des Todes und der Verfolgung entstanden. Hinter jeder Melodie stehe die Lebensgeschichte eines jüdischen Schicksals. Die Musik habe geholfen, in den Ghettos und den Lagern zu überleben oder auch von dieser Welt Abschied zu nehmen.
Das Ensemble spielt Lebensmelodien aus Wiznitz: Nur Ben Shalom (Klarinette), Emil Eulitz (Violine), Francesca Zappa (Viola) und Michael Cohen-Weissert (Klavier).
Ein Platz im Herzen der Demokratie
Die Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger freut sich über die Benennung eines Platzes im Herzen der Demokratie mit einem Namen, der bleiben wird und der Orientierung bietet, im Stadtplan und im moralischen Sinne. Wichtig sei, Straßen und Plätze so zu benennen, dass die Gemeinschaft sich damit identifizieren kann. Margot Friedländer sei so ein Name.
Die Lebensmelodie Chad Gadya
Die Schülerinnen Chichi Ojini und Vanessa Podlesch erzählten mit spürbarer Ehrfurcht und Herzenswärme die tragische Geschichte der Lebensmelodie Chad Gadya des ermordeten Oberkantors Schul Blasz, dessen Notenblatt die Zeit in einer Pessach-Haggada, einem jüdischen Ritual- und Erzählbuch, überdauerte.
Der Schulchor des Hans-Carossa-Gymnasiums (Dirigat: Sabine Zimmer); Nur Ben Shalom, Klarinette; Emil Eulitz (Schüler), Violine; Francesca Zappa, Viola; Michael Cohen-Weissert, Klavier.
Die Margot Friedländer Stiftung
Prof. Dr. Carsten Dreinhöfer, Vorstand der Margot Friedländer Stiftung, der die zu Ehrende persönlich kannte, zitiert sie mir den Worten: „Es gibt kein jüdisches, kein christliches, kein muslimisches Blut, es gibt nur menschliches Blut.“ Sie sei eine Brückenbauerin gewesen.
Margot Friedländer stehe nicht nur für die Erinnerung an die Verbrechen an jüdischen Menschen, sondern auch für den entschlossenen Widerstand gegen jede Form von Entmenschlichung sowie gegen die Zerstörung von Freiheit und Demokratie. Wie kaum eine andere verkörpere sie die Werte von Menschlichkeit, Respekt und Verantwortung.
Ihr Name an diesem Ort sei ein bleibendes Zeichen: dafür, dass Ausgrenzung und Vernichtung keinen Platz mehr haben dürfen – weder in Berlin noch anderswo. Dort, wo die Interessen aller Berlinerinnen und Berliner vertreten werden, erinnere ihr Name daran, dass wir Teil einer gemeinsamen Menschheitsfamilie sind. Als Stiftung wünsche man sich, dass der Margot-Friedländer-Platz weit mehr sei als ein Name: Er solle ein Versprechen sein – für Menschlichkeit im Herzen unserer Demokratie.
In diesem Sinne werde die Stiftung ihr Vermächtnis fortführen. Sie werde sich bemühen, ihre Geschichte weiter in die Schulen und die Gesellschaft zu tragen, aber vor allem Margot Friedländers Werte zu vermitteln.
Hierzu bereiteten sie die Margot Friedländer Akademie vor, die nun ab Herbst Margot Friedländer Fellows ausbildet, die bundesweit Workshops und Projekttage an Schulen
gestalten sollen und Deinen digitalen Zwilling – einen Avatar – in die Schulen bringen sollen.
Die Enthüllung des Schildes
Zur Enthüllung des Platz-Schildes haben sich Bezirksbürgermeisterin, Stiftungsvorstand, Parlamentspräsidentin und der Regierende auf den zu benennenden Platz begeben. Der feierliche Akt wurde per Live-Stream in den Plenarsaal übertragen.
Bekenntnis zur Menschlichkeit
Zu den Höhepunkten der Feierstunde gehörten auch die beiden großen Schüler:innenreden, die das Plenum tief bewegten. Den Anfang machte die Schülerin Raneem Hachim aus der 10 a mit Worten von seltener Aufrichtigkeit und berührender Unmittelbarkeit.
Sie zeichnete Margot Friedländer als das ultimative Vorbild – eine Frau, die nach den Schrecken des Konzentrationslagers im hohen Alter nach Deutschland zurückkehrte, um der Jugend die Hand zur Versöhnung zu reichen. Ganz im Sinne Margot Friedländers stellte Raneem in ihrer Argumentation das Verbindende in den Vordergrund und betonte die Gemeinschaft aller Menschen, die in dieser Stadt leben – unabhängig von Herkunft oder kulturellem Hintergrund.
In diesem Zusammenhang stellte sie in ihrer Rede die existenzielle Frage, die das Fundament von Friedländers Botschaft berührt: „Werden wir es schaffen, unsere Menschlichkeit zu bewahren?“ Für sie ist das Erstarken von Ausgrenzung und die Debatte zum Begriff „Remigration“ nichts Abstraktes, sondern ein Thema, das sie, ihre Freund:innen und ihr Verständnis von Heimat zutiefst berührt.
Für sie, die sich als Berlinerin empfindet, geht es hierbei um eine fundamentale Frage der Würde. Mit moralischer Klarheit forderte sie die Abgeordneten eindringlich auf, ihr politisches Handeln genau zu überprüfen: Machen sie Politik für die Menschen oder gegen sie? Ihr Plädoyer für eine mitmenschliche Politik und gegen jede Form von Hass und Hetze gipfelte in Sätzen: „Der Hass ist hungrig. Er ist niemals satt … nur die Demokratie meint uns alle. Sie ist es, die meiner hart arbeitenden Familie und mir Rechte und Chancen einräumt.“
Inmitten ihrer Rede richtete sie zudem einen berührenden Dank an ihre schulische Heimat: Sie dankte ihrem Schulleiter, dem sozialpädagogischen Team und ihren Lehrkräften von Herzen dafür, dass sie sich an ihrer Schule aktiv für Vielfalt, Toleranz und Respekt einsetzen dürfe. Das Parlament reagierte mit spontanen Applaus. Ihre klaren Worte bewegten die Zuhörerschaft. Nach ihren Schlussworten gab es lang anhaltenden Applaus, und viele im Raum standen auf, um Raneem mit respektvollen Standing Ovations zu würdigen
Unsere Mitmenschlichkeit bewahren
Schülersprecher Julian Rebafka nimmt die Frage seiner Vorrednerin auf und beantwortet sie mit einem klaren, zuversichtlichen „Ja, das können wir! Wir können uns unsere Mitmenschlichkeit bewahren!“ Er hält einen Moment inne. „Aber nur, wenn wir die Botschaft nicht nur hören, sondern sie jeden Tag ernst nehmen.“
Den Namen des Platzes vor dem Abgeordnetenhaus und den Namen des künftig Margot-Friedländer-Gymnasiums versteht er nicht nur als Ausdruck einer Erinnerung, sondern auch als Mahnung und Auftrag. Der Name stehe für Versöhnung, Mut und für ein klares Bekenntnis zu einer mitmenschlichen Haltung.
Der junge Redner berichtet von einem großen Banner im Eingang seiner Schule: „Bitte seid Menschen!“ Die Worte, so seine Deutung, „erinnern uns daran, welche Schule wir sein wollen, und sie erinnern uns daran, welche Menschen wir sein wollen.“ Ähnlich würden die Abgeordneten durch den Namen des Platzes an das Vermächtnis Margot Friedländers erinnert. In diesem Sinne gratuliert Julian Rebafka den Abgeordneten zur ihrer Namensgebung.
Er beendet seinen frischen, engagierten Redebeitrag mit den Worten: „Ich wünsche ihnen, verehrte Abgeordnete, Kraft, ganz viel Durchhaltevermögen und vor allem auch viel Freude dabei, unser aller Berlin vom Margot-Friedländer-Platz aus Tag für Tag etwas menschlicher zu machen.“
Standing Ovations
(Julian vorne rechts, erste Senatorenreihe)
Fürs Familienalbum
Imposante Treppe, hochkarätig besetzt. Erste Reihe: Frank Bewig, Bezirksbürgermeister von Spandau (links im Bild) * Henning Rußbült, Schulleiter des künftigen Margot-Friedländer-Gymnasiums * Janika Jarling, Referatsleiterin der Schulaufsicht Spandau * Katharina Günther-Wünsch, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie * Cornelia Seibold, Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin * Kai Wegner, Regierender Bürgermeister * Prof. Dr. Carsten Dreinhöfer, Vorstand Margot-Friedländer-Stiftung.
Zweite Reihe: Johann Stein, Schülersprecher des künftigen MFG * Malin Svoboda, Abiturientin * Julian Rebafka, stv. Schülersprecher * Raneem Hachim, diversity-aktive Schülerin ‚ Emil Eulitz, Schüler/Violinist * Ben Shalom, Klarinette * Francesca Zappa, Viola
3. Reihe: der klingende Corpus, die tausend fröhlichen Stimmen des Chors. Dezent im Hintergrund mit der Lage im Blick: Jasmin Siebens, Sozialpädagogin, * Sabine Zimmer und Carola Bussulat, Chorleiterinnen
Die Spandau-Connection
Das Schild ist noch frisch, der Name Orientierung: Wohlgemut geht man von dannen.
Rechts im Bild, erste Reihe: Malin Svoboda, eingerahmt von den Spandauer Abgeordneten Bettina Meisner und Ersin Nas. Beide hatten in den Neunzigern Unterricht an der Hans-Carossa-Oberschule, u.a. beim erfreuten Fotografen.
Ganz links im Bild: Leeor Engländer, ein renommierter Journalist und Mitglied es Kuratoriums der Margot Friedländer Stiftung. Es folgen die beiden Schülersprecher, der Regierende (einst Hans-Carossa-Schüler in Hakenfelde), der Stiftungs-Vorstand, der Schulleiter und der Bezirksbürgermeister. Prächtig.

PS: Über die festliche Namensgebung und ihre Botschaft wurde bundesweit in allen relevanten Medien berichtet.
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Text: Manfred Heun; Mitarbeit: Jasmin Siebens
Fotos: Manfred Heun; alex/youtube (4); wikipedia (1)
Video: Mitschnitt der Veranstaltung auf YouTube>



















