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Jahrtag

Gedenken am Grab

Ein Jahr nach dem Tod, am „Jahrtag“, wird nach jüdischer Tradition der Grabstein gesetzt. Anlässlich des Jahrtags von Margot Friedländer, der am 9. Mai 2025 verstorbenen Holocaustüberlebenden und Ehrenbürgerin Berlins, fand eine feierliche Gedenkveranstaltung auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee statt.

In der jüdischen Totenkultur markiert die Jahrzeit den Übergang von der intensiven Trauerzeit zu einem wiederkehrenden, dauerhaften Gedenken. Der erste Jahrestag des Todes ist damit ein fester Bestandteil des Erinnerns und der Verbundenheit mit den Verstorbenen.
Im Torbogen der Trauerhalle sang der Chor des künftigen Margot-Friedländer-Gymnasiums das Lieblingslied Margot Friedländers Irgendwo auf der Welt und den Leonard-Cohen-Song Halleluja.

Der Regierende Bürgermeister Wegner dankt mit herzlichen Worten den Sängerinnen und der Chorleitung Frau Bussulat und Frau Zimmer sowie Emil Eulitz an der Geige.

Die Abiturientin Malin Svoboda sprach zu den Texten der Lieder.

Unter den zahlreichen Gästen auch Ron Prosor, Botschafter von Israel, Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die Schauspielerin Iris Berben und der frühere Profi-Fußballer Arne Friedrich.

Der Weg zum Grab unter dem Dach riesiger alter Bäume. Etliche Grabfelder sind mit Efeu bedeckt, der auch nicht entfernt werden soll. Entsprechend der jüdischen Tradition werden Gräber nicht wieder belegt, sondern sie gelten bis zum Jüngsten Gericht als Begräbnisflächen.

Der Jüdische Friedhof Berlin-Weißensee ist ein 1880 angelegter Begräbnisplatz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er ist – 1000 m lang und 500 m breit – der flächenmäßig größte erhaltene jüdische Friedhof Europas mit fast 116.000 Grabstellen. Über die Abteilungen verteilt sind zahlreiche Mausoleen und Grüfte sowie repräsentative Grabstätten auf dem Friedhof vorhanden.

Unter hohen Bäumen

Rabbiner Jonah Sievers führte durch die Zeremonie mit Psalmen und Gebeten und weihte den Grabstein. Margot Friedländer wurde neben ihren Großeltern beigesetzt. Gedenksteine erinnern an ihre in Auschwitz ermordeten Mutter und ihren Bruder sowie an ihren in New York beigesetzten Ehemann.

Professor Dreinhöfer, Vorstand der Margot-Friedländer-Stiftung, hat Margot Friedländer sehr gut gekannt. An ihrem Jahrtag an ihrem Grab wendet er sich direkt an die Verstorbene: „Du hast uns gebeten, deine Mission fortzuführen und hast dazu deine Stiftung vor fast drei Jahren gegründet. Du hattest Vertrauen in die jungen Menschen, die zu deinen Lesungen kamen und anschließend mit dir sprachen. Aber du hattest auch Angst, dass alles wiederkommt – in der letzten Zeit hast du immer wieder gewarnt: So hat es damals auch begonnen.“

Nun sieht Dreinhöfer die Gesellschaft an einem Punkt, an dem man nicht erinnern, sondern handeln müsse. Sie habe gewarnt: Demokratie sterbe leise, durch Propaganda, durch falsche Koalitionen und durch eine schweigende Mehrheit, die wegsieht.

Die Margot-Friedländer-Stiftung werde ihr Vermächtnis fortführen. Die Stiftung werde sich bemühen, ihre Geschichte weiter in die Schulen und die Gesellschaft zu tragen, aber vor allem ihre Werte zu vermitteln. Und wieder direkt: „Du fehlst: dein Strahlen, deine Augen, dein Optimismus. Aber wir werden deine Mission fröhlich, mutig und bestimmt weiterführen.“

Der Regierende Bürgermeister von Berlin erinnerte an die große Kraft und Inspiration, die Margot Friedländer bis heute auf ihn und viele andere Menschen ausübt. Wegner erinnerte sich am Grab an viele Begegnungen mit ihr, die ihn tief beeindruckten. „Was sie tat, tat sie nicht für sich, sondern für uns“, betonte Wegner. „Margot Friedländers Auftrag ist jetzt unser Auftrag.“

Das Kaddisch, eines der wichtigsten Gebete des Judentums, sprach Leeor Engländer, ein enger Freund der Verstorbenen.

Beim Besuch eines Grabes ist es nach jüdischer Sitte üblich, einen kleinen Stein auf den Grabstein zu legen und damit andeuten, dass der oder die Verstorbene nicht vergessen ist. Im Bild: Rabbiner Sievers, Professor Dreinhöfer und Kai Wegner.

Monika Grütters, ehemalige Staatsminsterin für kulturelle Angelegenheiten. Rechts im Bild: Iris Berben.

Die beiden Chorleiterinnen Frau Bussulat und Frau Zimmer

Ebenfalls vom Kollegium des Hans-Carossa-Gymnasiums: Frau Wizisla, Frau Keibel und Frau Geisel.

Vier Chorsängerinnen, lebensfroh

Margot Friedländers Grabstein trägt nicht nur ihren Namen, sondern auch ihre Botschaft: „Seid Menschen“ steht auf dem Stein. Auf der Vorderseite hebräisch, auf der Rückseite deutsch.

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Text: Manfred Heun unter Verwendung von Material der Margot-Friedländer-Stiftung; Mitarbeit Jasmin Siebens
Fotos: Manfred Heun