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Rechtschreibung

 

Ist Rechtschreibung tatsächlich so wichtig,
wenn das Schreibprogramm alles korrigiert?

DER POLITISCHE VORSTOSS

Mit dieser Fragestellung in einem ZEIT-Interview hat Ministerpräsident Kretschmann eine zum Teil heftig geführte Debatte in den deutsche Medien losgetreten: SPIEGEL, ZEIT, Die Welt und Tagesspiegel vorneweg.

Gedanklicher Anlass war für den baden-württembergischen Ministerpräsidenten seine Forderung, im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz die Medienkompetenz und der kritische Urteilsfähigkeit der Heranwachsenden mehr zu schulen. Die dafür nötigen Unterrichtsstunden könne man sich beim Rechtschreibunterricht holen. Die allzeit präsenten Rechtschreib-Tools ließen dies zu.

DIE RAKTIONEN IN DEN MEDIEN

Die Reaktionen waren deutlich: „Rechtschreib-Kapitulation“ (Matthias Heine in Die Welt), „eine sehr riskante Debatte“ (Bildungsforscher Prof. Hurrelmann im Tagesspiegel).

UND DAS HCG?

Wir finden Orientierung in einem Interview mit dem Ansprechpartner für das Fach Deutsch am HCG Jobst Herzig.

Herr Herzig, die Korrekturprogramme im Handy oder im PC-Schreibprogramm können es eh besser. Braucht’s da noch zeitaufwändigen Rechtschreibunterricht?
Ein klares Ja! Den Rechtschreibunterricht abschaffen, da KI das regeln wird? Das ist ein bodenloses Argument. Dann könnten wir auch die einfache Mathematik, das Musizieren oder die Fremdsprachen von den Lehrplänen streichen.

KI sollte nicht Dinge ersetzen, sie sollte Dinge vereinfachen. Und das wird sie in den kommenden Jahren auch immer besser können. Und darum muss es in der Schule gehen: Wie kann ich die KI sinnvoll für meinen Unterricht nutzen, um den Schüler:innen ein Hilfetool an die Hand zu geben. Auch zum richtigen Schreiben. – Die Debatte um eine Abschaffung des Rechtschreibunterrichts kommt zu früh.

Also führen wir eine Zukunftsdebatte?
Nein! Auch in ein paar Jahren sollten wir nicht über die Abschaffung des Rechtschreibunterrichts reden. Wir müssen ihn weiterentwickeln! Warum nicht den Rechtschreibunterricht direkt mit der KI in Verbindung setzen? Fordere Chat GPT beim Fehlerlesen heraus, nutze es, um gezielt an deinen Schwächen zu arbeiten und Übungen durchzuführen.

Und die Schüler:innen müssen sich entscheiden, ob sie einfache Konsumenten oder Produzenten sein wollen. Dazwischen wird in Zukunft die Linie der Intellektualität verlaufen. Der Konsument ruht sich auf der KI aus, der Produzent jedoch entwickelt sie, füttert sie mit Inhalten und muss entsprechend auch das Handwerkzeug beherrschen.

Und die Sprache bleibt ein ganz zentrales Handwerkszeug. Doch um diese benutzen zu können, benötigen wir die Grundlage. Und das sind Rechtschreibung und Grammatik, die man beherrschen muss, um die Sprache verständlich zu machen.

Und selbst der Konsument wird noch Sprache benötigen. Denn richtig prompten, d.h., der KI treffende Aufgaben stellen, wird er können müssen.

Welchen Anteil hat eigentlich die Rechtschreibung am Deutschunterricht? Sehen Sie Anlass für vermehrten Rechtschreibunterricht?
Die aktuellen Vera 8 Ergebnisse machen es berlinweit deutlich: Die Schulen können nicht auf den Rechtschreibunterricht verzichten. Die Schüler:innen dieser Klassenstufe haben Defizite. Dass der Rechtschreibunterricht zeitaufwändig und schülerfern sein muss, glaube ich hingegen nicht.

Rechtschreibunterricht muss smart sein, darf nicht isoliert stehen. So werden Diktate zum Beispiel nicht mehr geschrieben, es geht um die praktische Anwendung von Sprache, die Fähigkeit mit dieser umzugehen. Das lerne ich nur im Prozess, beim Schreiben, beim Lesen, beim Interpretieren, beim Präsentieren. Aber es braucht auch die Lehrkraft, um die Schüler:innen anzuleiten, das richtige Schreiben zu erklären und ein Verständnis für die einfachen Grundregeln der Sprache zu schaffen.

Ich erinnere mich an eine Rechtschreibeinheit, da ging es um die Schreibung von Büffett/Buffet, gerne auch falsch geschrieben als Büffet und Bufett; auf der Homepage der Schülerhilfe habe ich eine Übung dazu gefunden. Eine sinnvolle Übung in unseren Tagen?
Die Fehlerkultur hat sich geändert, die klassischen Fehler der falsch buchstabierten Wörter sind nicht mehr das Problem. Doch ob „dass“ oder „das“, „seit“ oder „seid“ stehen muss, ob Passivkonstruktionen oder Zeitformen richtig verwendet werden, ob der Konjunktiv in der indirekten Rede nun stehen muss oder das Rechtschreibprogramm die „würde“-Form durchwinkt – hier kommt selbst die KI an ihre (bisherigen) Grenzen.

Nennen Sie uns ein paar Beispiele aus dem praktischen Leben für den Nutzen solider Rechtschreibkenntnisse.
Hier gibt es die ganz klassischen Dinge, wie das Schreiben einer Bewerbung oder einer Mail. Die Hausaufgaben, Informationen für Kunden, Werbung oder das Abitur. Aber auch beim Schreiben einer WhatsApp_Nachricht, beim Posten oder beim Erstellen von Memes wird Sprache verwendet. Jugendliche heute schreiben ja nicht wenig. Im Gegenteil, die digitale Kommunikation hat dem Schreiben einen Schub gegeben.

Und da kann dann die KI korrigieren! Oder die WhatsApp bleibt einfach fehlerhaft.
Im Endeffekt geht es da um eine Grundhaltung: Möchte ich Sprache vielfältig nutzen können, vielfältige Lexik beherrschen, eine elaborierte Ausdrucksfähigkeit besitzen, dann muss ich die Möglichkeiten von unserer Sprache kennen. Dafür benötige ich ihre Grundlagen.

Bin ich jedoch mit einem einfachen und vielleicht fehlerhaften Sprachgebrauch zufrieden? Dann mag ich mich auf der KI ausruhen können. Allerdings wird sich das langfristig auch auf meinen mündlichen Sprachgebrauch auswirken.

Zum guten Schluss, Herr Herzig: Hätten Sie einen Rat für Schüler und Schülerinnen, die nicht so recht rechtschreibaffin sind?
Ja, Fehler sind absolut in Ordnung. Macht sie! Nur wer Fehler macht, kann sich verbessern. Allerdings empfehle ich, ein bewusstes Reflektieren der Fehler. Einfach nur einen Klick auf die Autokorrektur verhindert, dass ich aus meinen Fehlern lerne.

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Interview: Manfred Heun
Fotos: Staatsministerium Baden-Württemberg; Pictura;   Grafik: Heun